Wenn Frederico niemals die notwendigen Konsequenzen aus seinen Taten oder Untaten ziehen müsste, würde er weiter über die Stränge schlagen. Maximilian wiegelte jedes Mal ab, sprach von Testosteron und dem Übermut der Jugend.
Madame hielt Frederico für einen ausgewachsenen Sadisten, der sein Mütchen unter anderem an einem kleinen Mädchen kühlte. An Amalia. Sie fragte sich, wann sich die Wandlung Fredericos vom Muttersöhnchen zum Vaterkind vollzogen hatte. War Amalias Ankunft vor acht Jahren Auslöser dafür gewesen?
Sie stellte eine große Vase auf den Tisch in der Halle. Theresa legte Wert darauf, dass dort immer ein kindsgroßer Blumenstrauß stand.
Ein kostspieliges Vergnügen, dachte Madame. Alle paar Tage erschien ein Gärtner, der diese zauberhaften Arrangements lieferte.
Lautes Geklapper in der Küche riss sie aus ihren Gedanken.
Gleich darauf Majas Gezeter. »Wie ungeschickt! Sollen wir das Brot vom Fußboden essen?«
Alicia hatte das Backblech mit der Foccacia fallen lassen.
»Es ist nichts passiert«, hörte sie Alicia. »Es ist ganz geblieben.«
»Wisch es gut ab und pass ein bisschen besser auf.«
Madame stieg die Treppe hinauf und betrat, ohne anzuklopfen, Amalias Zimmer. Das Schild » Aperto! « an der Tür sagte ihr, dass sie eintreten durfte. Amalias Umriss am Fenster. Sie presste ihr Tablet an sich. Madame bückte sich und hob ein achtlos fallen gelassenes T-Shirt auf.
Amalia deutete nach draußen. Madame Durand trat ebenfalls ans Fenster. Amalia gebärdete: »Sie kommen.«
»Wer kommt?«
»Konstantin und die Blonde. «
»Sie heißt Annabel«, sagte Madame.
Unten flackerte die automatische Beleuchtung auf. Annabels blonde Locken tanzten im Licht.
Madame wandte sich vom Fenster ab. Sie knipste das Deckenlicht an und staunte. Amalia trug einen knöchellangen blauweiß gestreiften Rock aus feinstem Batist, dazu ein bauchfreies enges T-Shirt. Geschenke von Theresa, wie sie sich erinnerte.
Amalias kleine Brüste zeichneten sich unter dem hautengen Shirt ab. Es war nicht zu übersehen, stellte Madame Durand mit einer Mischung aus Bedauern und Entzücken fest, ihr Schützling wurde zur Frau. Und, wie sie vermutete, zu einer sehr aparten Frau. Die jetzt noch kindlichen Züge würden bald verschwinden, hohen Wangenknochen und einem trotzigen Kinn weichen. Die fein geschwungenen Lippen und die großen verträumten Augen waren ein Erbteil ihrer Mutter. Madame sah hinüber zu der Fotografie, die immer auf Amalias Nachttisch stand. Johann und Bella, Amalias Mutter, sie trug den Namen zu recht, war schön. Sie fragte sich, wo diese Frau heute wohl war und wie man das eigene Kind verlassen konnte.
Maximilian stellte den Maserati neben Annabels Wagen ab. Er sah sich um, der Mini fehlte. Auf dem Parkplatz standen nur die Familienkutsche, Madame Durands Alfa Romeo Giulia und Fredericos Motorrad.
Ein Blick auf die Uhr sagte ihm, dass er gerade noch rechtzeitig käme.
Theresa war heute schon früh aufgebrochen. Wohin, wusste er nicht. Zum Abendessen wollte sie zurück sein.
Er wusste, dass er Theresa verletzt, dass sie unter seinen Eskapaden gelitten hatte und vielleicht noch litt. Aber niemals hatte sie sich dazu herabgelassen, mit ihm darüber zu sprechen. Sie schwieg. Und sie war bei ihm geblieben! Sie wandte sich niemals gegen ihn, weder in Gesellschaft, noch wenn sie alleine waren. Sie wies ihn nicht einmal in gewissen Nächten ab. Theresa schien entschlossen zu sein, eine vorbildliche Ehe zu führen, wie die mit ihrem ersten Mann, Thomas, Konstantins Vater.
Oh, sie konnte wütend werden, aber es ging niemals um ihre Beziehung. Die blieb unbesprochen, wurde mit keinem Wort in Frage gestellt. Sogar die Anwesenheit Amalias hatte sie ohne Widerspruch hingenommen.
Er wusste nicht, wieviel sie von seiner »Affäre« mit Bella mitbekommen hatte, aber sie konnte ihr nicht entgangen sein.
Seit damals hatte sie sich verändert. Wo früher Wärme gewesen war, herrschte jetzt Kühle, nein, eher Beherrschtheit. Sie besaß immer noch ihren Humor, aber die Leichtigkeit war ihr abhanden gekommen. In den Augen fehlte das Lachen. Es war Melancholie gewichen, bis … Wann war ihr Lachen zurückgekommen? Vor drei oder vier Jahren?
Er stieg aus und ging den beleuchteten Weg zum Haus. Bevor er um die Ecke bog, konnte er die Stimmen bereits hören. Seine Familie schien versammelt zu sein. Er trat in den Lichtschein unter der Kastanie.
»Wo ist Theresa?«
»Sie hat angerufen, es wird etwas später. Auf der Strecke hinter Siena, in Höhe Murlo, gab es einen Verkehrsunfall. Aber jetzt müsste sie gleich da sein.« Konstantins Antwort beruhigte Maximilian. Je älter er wurde, desto abhängiger wurde er von Theresas Anwesenheit.
Frederico flirtete mit Annabel. Madame reichte Maximilian eine Karaffe. Amalia, er musste zweimal hinsehen, als sie sich neben Konstantin setzte, sah ihrer Mutter zum Verzweifeln ähnlich. Statt eines der üblichen verschlissenen, unförmigen T-Shirts, trug sie ein hautenges Shirt zu einem halblangen Rock. Sie sah heute Abend nicht wie ein Junge aus, sondern wie ein junges Mädchen auf dem Weg zur Frau.
Er hatte ihre Mutter betrunken gemacht und verführt, er hatte sie gewollt, wie alles, was seinem Bruder gehörte. Geblieben war ihm Bellas Tochter, von der er nicht wusste, ob sie Johanns oder seine Tochter war. Er war nicht sicher, ob er es wissen wollte.
Annabel hörte Konstantin.
»Na, mein Milou , was hast du heute angestellt?«
» Ich habe im Stall geholfen. Marisa war da, sie hat nach Desdemona gesehen.« Annabel reckte den Hals, um einen Blick auf Amalias Tablet zu erhaschen.
»Zeigst du mir morgen dein Fohlen? Wie heißt es noch?«
»Es heißt Lauser und ist ein Hengst!!! Das habe ich dir doch geschrieben, Tintin!!!« Drei Ausrufezeichen bedeutete Ungeduld.
Konstantin legte einen Arm um Amalias Schultern. »Ja, ich erinnere mich.«
Er stand auf, als er Theresas schnellen Schritt erkannte.
Auch Maximilian erhob sich, um Theresa zu begrüßen. Sie küsste ihn flüchtig, ließ sich Konstantins Umarmung gefallen und ging zum Haus. »Ich bin gleich bei euch.«
Annabel legte die Hand auf Konstantins Arm, als er sich wieder setzte. Sie sah Theresa nach. Die Frau war groß, schlank, und, obwohl sie den ganzen Tag unterwegs gewesen sein musste, wirkte sie gepflegt.
Читать дальше