Eine Zeitlang hatte er geglaubt, er bräuchte einfach nur Sex. Egal mit wem. Aber das hatte sich schnell als Irrtum herausgestellt – bei den zwei, drei Versuchen seit Juttas Tod hatte er nicht gekonnt. Peinliche Situation... einmal war ihm der Rückzieher noch rechtzeitig gelungen, die anderen beiden Male konnte er sich nur verlegen entschuldigen und den betreffenden Frauen versichern, dass es nicht an ihnen gelegen habe. Beleidigt waren sie trotzdem gewesen, kein Wunder. Er war sich sicher, dass dieses Versagen keine körperlichen Ursachen hatte, also hatte es seiner Ansicht nach einfach daran gelegen, dass die Frauen eben nicht Jutta waren.
Nur half ihm das nicht über seine Sehnsüchte hinweg. Er wollte mit einer Frau schlafen. Mit einer Frau, die er liebte – aber er konnte keine mehr lieben. Nicht nach Jutta. Dummes Gefasel, tadelte er sich selbst und boxte sein Kopfkissen zurecht, bevor er sich umdrehte, das konnte gar nicht sein. Man konnte doch nicht sein Leben lang zölibatär leben, weil einen die Erinnerung an eine Tote nicht losließ! Vor allem nicht, wenn das Unterbewusstsein so gar nicht zölibatär war... Die wüsten Träume waren die einzige Erleichterung, die ihm vergönnt zu sein schien – wenn sie lange genug dauerten. Auf die andere Möglichkeit, aus Teeniejahren noch vertraut genug, war er schnell genug gekommen, aber sie funktionierte nicht – immer verlor er mittendrin die Lust. Wie sollte man sich auch in Leidenschaft verlieren, wenn die Phantasien so trübsinnig und die einzige Gesellschaft die eigene Hand war? Armselig.
Vielleicht sollte er, sobald die letzten Lizenzverträge abgeschlossen waren (lange konnte das nicht mehr dauern), nach Hause fliegen und sich wieder auf die Suche machen.
Wenn dann aber auch dieser Frau etwas zustieß...? Er musste etwas an sich haben, was Unglück anzuziehen schien, Unglück, das ihn selbst stets nur indirekt traf. Ächzend suchte er sich wieder eine bequemere Position, strampelte die Decke weg, bis es ihn wieder an den nackten Gliedmaßen fror. Vielleicht sollte er sich doch mal einen Pyjama kaufen.
Nein. Das half gar nichts, er konnte nicht schlafen, weil er unglücklich war, nicht, weil ihm abwechselnd zu heiß und zu kalt war. Wenn er nur endlich einschlafen würde! Lieber ein wilder, erotischer, verstörender Traum als diese quälenden Gedanken. Und sobald wie möglich zurück nach Hause – die Flucht war gescheitert, eindeutig.
„- kann gar nicht früh genug beginnen“, sprach Stadträtin Breitl in das mit Luftballons verzierte Mikrofon. Peter langweilte sich. Ab und zu schrieb er eine der Plattitüden mit, die Schmieders ehrgeizige Tochter da vorne absonderte, ansonsten beobachtete er das Publikum – Presse, so wie er, junge Eltern, die künftigen Besucher fest an der Hand, die Erzieherinnen, von denen eine zu jedem Satz der Breitl die Augen zum Himmel verdrehte.
„Kinder sind unser kostbarster Rohstoff -“
Welch origineller Gedanke! Wie war sie darauf bloß gekommen?
„- und ihre Bildung und Erziehung muss unser Hauptanliegen sein -“
„Ja, so lange es kostenneutral läuft. Verdammte Sonntagsreden“, murmelte die Frau neben ihm und hielt ihr kleines Mädchen energisch fest, das natürlich zu den vielen Luftballons wollte. Peter grinste ihr zu. „Das nennt man Politik.“
„ Ich nenne es hohles Geschwätz. Ich kenne so viele Lehrer, und glauben Sie, diese Sonntagsredner machen nur einmal extra Geld locker? Nein, nur mit solchem Gequatsche sind sie großzügig!“
„Immerhin gibt es diesen neuen Kindergarten“, wandte Peter leise ein.
„Ja, aber trotz aller stolzen Reden – den hat die Stadt nicht bezahlt, sie hat ihn bloß genehmigt. Das ist eine Selbsthilfeaktion der Eltern im Viertel gewesen.“
„Lobenswert.“
Ursula Breitl sprach von der Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt – mit kleinen Seitenhieben auf die Bundesregierung.
„Sicher lobenswert, aber nicht, wenn sich die falschen Leute dafür loben lassen. Wetten, sie wird mit keinem Wort erwähnen, wer das Ganze organisiert hat?“
„Angenommen. Ein Essen, hinterher? Sie lassen Ihre Kleine doch hier, oder?“
„Ja. Aber ich muss zur Arbeit. Na gut, einen Döner vorne an der Ecke. Topp!“
Peter schlug ein, die Umstehenden beobachteten das mit freundlichem Interesse. Der Rede lauschte ohnehin niemand.
Ursula Breitl verbreitete sich über Medienerziehung. Sogar Peter, der technische Neuerscheinungen sehr schätzte, fand es albern, Kindern, die noch gar nicht lesen und schreiben konnten, den Umgang mit Computern beizubringen.
Er tauschte sich mit seiner Nachbarin halblaut darüber aus und notierte ab und an ein Stichwort. Diese Worthülsen konnte er aus dem Gedächtnis rekonstruieren, außerdem würde morgen das große Interview mit Richter erscheinen, da blieb für die Sache hier höchstens eine halbe Spalte, und dafür hatte er schon genug. Vor allem, wenn noch ein Foto reinkam. Breitl mit ausgewählten Kleinkindern und ein, zwei Luftballons – oder so. Die Fotos waren immer gleich. Sollte Sonjas Akku schwächeln, konnte man etwas Passendes im Archiv ausgraben. Merkte kein Schwein.
Ursula Breitl streifte die Gefahren des Internets und wandte sich der dringend erforderlichen Rückkehr zu den Werten des christlichen Abendlands zu.
„Jetzt hat sie´s gleich“, murmelte Peter und notierte Werte/Abendland (da wusste er dann schon).
„Glauben Sie?“
„Klar, das ist immer der letzte Punkt. Etwas Erhebendes und Pathetisches gehört ans Ende. Mit Ausblick auf die Zukunft. Haben Sie nie Erörterungen geschrieben?“
„Doch, klar. Die erzählt wohl auch immer dasselbe?“
„Immer“, seufzte Peter. „Statt Stichworten hätte ich wirklich nur Standard notieren müssen und einen alten Artikel rausziehen. Kurz die Suchfunktion – Hort oder Spielplatz durch Kindergarten ersetzen -, Datum ändern, fertig.“
„Jaja, die Presse hat´s schon schwer, was?“ Seine Nachbarin feixte ihn an.
Er seufzte betont mitleiderregend. „Furchtbar!“
Die Breitl kam tatsächlich zum Ende und erklärte den Kindergarten für eröffnet. Sie hatte kaum feierlich das quietschbunte Band durchgeschnitten, als alle Eltern ihre Kinder losließen und die kreischend nach drinnen stürzten, wo es angeblich Lollis gab. Die verblüffte Breitl konnte sich gerade noch auf die Seite retten. Peter seufzte wieder. „Na, dann werde ich mal. Treffen wir uns in zehn Minuten wieder hier?“
„Gut. Bis dahin hab ich Miriam klar gemacht, dass sie bis heute Mittag hier bleiben darf.“ Peter nickte und bahnte sich einen Weg zum Mikrofon. „Frau Breitl? Lachner, vom MorgenExpress ...“
„Ach ja. Ihr Name ist mir ein Begriff.“ Sicher kein guter, überlegte er, aber sie musste zu allen Journalisten freundlich sein. „Schreiben Sie die Gründung dieses Kindergartens den Bemühungen Ihrer Fraktion zu?“
Sie blinzelte misstrauisch. „Indirekt schon. Wie Sie vielleicht wissen, geht die Gründung auf eine Elterninitiative zurück, nicht auf städtische Gelder... Wir schmeicheln uns, die Bürger zu solcher Eigeninitiative zu ermutigen und sie mit Hilfe und Beratung dabei zu unterstützen, außerdem natürlich bürokratische Hemmnisse abzubauen, wo immer es möglich ist. Unser Stadt ist ohnehin dermaßen überreglementiert, denken Sie an den Hickhack um das neue Dosenpfand...“
Dumm war die Frau nicht, musste Peter zugeben, während er den Ausführungen lauschte, die mit dem Kindergarten rein gar nichts mehr zu tun hatten, sie hatte die Falle sofort gewittert. „Würden Sie Ihre eigenen Kinder auch hierher schicken?“, fragte er, als der Exkurs über bürokratische Hemmnisse zum Ende gelangt war. Sie seufzte kummervoll. „Wir haben leider nur ein Kind, unseren Florian – und mein Mann hat darauf bestanden, dass er in den Kindergarten von St. Korbinian geht.“
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