1 ...6 7 8 10 11 12 ...19 „Im Übrigen“, fuhr O’Praise fort, „soll ja so etwas wie eine Besiedlung nun in Angriff genommen werden. Wenn der Weg von der Küste zum Perk-Gebirge zu einer guten Straße ausgebaut wird, hat das Auswirkungen. Die Raststellen im Abstand von ein oder zwei Tagesreisen werden wie Keime sein, aus denen sich Größeres entwickelt. Vielleicht siedelt sich ein Hufschmied in der Mitte der Strecke an. Er hätte sicherlich genug zu tun, wenn häufig Transporte durchkommen. Ein Bauer könnte Obstbäume pflanzen und die Früchte für gutes Geld an die Reisenden verkaufen. Ihr versteht, worauf ich hinaus will.“
Ich nickte und dachte darüber nach, während O’Praise vom Pferd stieg und das Ritual begann, das er mehrfach täglich ausführte. Er nahm aus den Satteltaschen eine Mappe, in der ein Buch, Schreibzeug und ein seltsames Instrument waren. Zunächst notierte er alles, was er um sich herum sah. Von der Art des Pflanzenwuchses über die Tiere bis zur Landschaftsform. Dann hielt er das Instrument in die Sonne und bestimmte auf komplizierte Weise den genauen Ort, an dem wir uns befanden. Außerdem schrieb er auf, wie das Wetter war, in welche Richtung der Wind blies und wie stark. Es dauerte meist eine halbe Stunde, bis er fertig war.
„Wenn Sie alle Gegenden, die Sie bisher bereist haben, so ausführlich dokumentiert haben, müssen Sie eine umfangreiche Bibliothek selbst geschriebener Bücher besitzen“, sagte ich einmal.
Er lachte und antwortete: „Ja, es sind fast fünfzig Bände. In ihnen ist festgehalten, was ich über die Welt weiß.“
„Was sicherlich mehr ist, als jeder andere Mensch weiß“, sagte Gendra. „Diese Bücher müssen wertvoll sein. Nicht zuletzt für Ostraia und die Kurrether. Wo bewahren Sie sie auf?“
„Den Ort kennt niemand außer mir“, antwortete er. „Sie sind außerdem gut geschützt. Sollte doch einmal ein Dieb bis zu ihnen vordringen, so würden sie sich durch ein heftiges Feuer sofort selbst zerstören.“
„Sie sind bereit, die gesamte Arbeit Ihres Lebens zu vernichten?“, fragte ich nach.
Er tippte sich mit dem Schreibstift an den Kopf. „Vieles davon habe mich mir gemerkt, wenn auch bei weitem nicht alles. Aber weil richtig ist, was Gendra gesagt hat, muss sichergestellt werden, dass die Bücher nicht in die Hände der falschen Leute geraten.“
„Oder ihr Kopf“, ergänzte ich trocken.
Er lachte noch einmal, saß auf und wir ritten weiter.
Der Wind wehte von Norden und brachte den Gluthauch der Wüste mit sich. Trockene Luft, die uns feinen Staub in die Augen blies. Das war ich von meinen früheren Reisen her gewohnt, ich konnte mich dem anpassen. Die Pferde würden wir von nun an häufiger rasten lassen und in der Mittagszeit ihnen und uns eine lange Pause gönnen.
Interessant war, was dieser Wind mit der Landschaft machte. Er war nicht kräftig genug, um die Sanddünen zu bewegen, die ich in der Ferne sah. Entweder, die Magie der kreisförmigen Wüste verhinderte das, oder er blies immer so schwach wie derzeit. Jedenfalls sorgte er dafür, dass der Boden mit einer dünnen Schicht aus Staub bedeckt war, in der man jede Spur eine Zeitlang sehen konnte. Kaum etwas wuchs in diesem Streifen von einer Meile Breite südlich der Wüste. Jenseits davon begann der Dschungel, dessen dichtes, dunkelgrünes Laub wie eine Mauer wirkte.
Die mit Staub bedeckte Fläche war trügerisch, denn man sah die Unebenheiten des Bodens nicht so gut. Das war gefährlich für unsere Pferde. Der Weg, dem wir folgten, zeichnete sich nicht mehr so deutlich ab wie bisher, aber solange wir uns in der Mitte zwischen Wüste und Dschungel hielten, konnten wir nicht in die Irre gehen oder in eine Falle geraten.
Trotzdem widerfuhr uns genau das. Unerwartet verloren die Pferde den Boden unter den Hufen. Das Erdreich sackte zunächst eine Handspanne tief ab, und dann noch weiter. Gendra, die vorneweg ritt, sprang mit einem gewagten Satz aus dem Sattel, als sie merkte, wie ihr Pferd strauchelte. Sie landete weich auf dem Boden und sank ein wenig ein.
O’Praise und ich konnten unsere Reittiere noch zurückhalten. Wir ritten ein stückweit in die Gegenrichtung, dann stiegen wir ab. Gendra kam zu uns. Sie stapfte dabei schwerfällig durch Staub, der ihr bis über die Knöchel reichte. Reitpferd und Packpferd zog sie an den Zügeln hinter sich her. Die Tiere scheuten, weil sie offenkundig Angst hatten vor diesem ungewöhnlichen Untergrund.
„Treibsand!“, rief ich O’Praise zu. „Wir müssen hier am Rand bleiben, um nicht zu versinken.“
Er blieb stehen und sah zu, wie Gendra sich abmühte, Schritt für Schritt näher zu uns zu kommen. „Das kann nicht sein“, sagte er. „Treibsand ist nass, er entsteht bei verdeckten Quellen oder in Flussmündungen. Dieser Sand ist trocken. Es muss eine andere Erklärung dafür geben.“
Er kniete sich hin und begann, mit den Händen vorsichtig die Staubschicht beiseite zu fegen. Direkt vor ihm war darunter fester Boden, doch der senkte sich ab, je weiter O’Praise vordrang. Die Schicht aus Sandstaub wurde dicker und dicker.
Gendra trat zu uns. „Ich habe in Tirgaj nichts gehört von solchen Fallen auf dem Weg. Es ist kein Treibsand, sagen Sie?“
„Keinesfalls. Trotzdem muss es etwas Ähnliches sein, denn normaler Sand ist fest, wenn man auf ihn tritt. Das Gewicht des Menschen oder Pferdes drückt auf den Untergrund, verfestigt ihn und man kann nicht einsinken. Höchstens einen Fingerbreit, wenn er locker daliegt. Was also ist das?“
Er richtete sich auf und hielt uns seine Hände entgegen. Obwohl er im Staub gewühlt hatte, glänzten sie, als seien sie nass. Er rieb die Finger aneinander und sagte: „Trocken, aber doch schmierig. So etwas habe ich noch nie erlebt.“
Ich ging zwei Dutzend Schritte Richtung Wüste, wo ich einen schweren Stein fand. Mit dem kehrte ich zurück und wuchtete ihn in die trügerische Sandfläche. Er rollte ein stückweit, dann versank er.
„Es könnte eine Falle sein, die ein Tier gebaut hat“, sagte ich. „Eine riesige Spinne oder etwas Ähnliches, das dort unten auf Beute lauert. Nun ärgert es sich, weil es nur einen Stein gefangen hat.“
„Möglich, aber von so einem Wesen hätten die Händler berichtet, die auf dieser Strecke regelmäßig Erz transportieren.“ O’Praise ging ein Stück zurück. „Hier ist fester Boden.“ Langsam tastete er sich voran, bis klar war, dass sich die trügerische Fläche mitten im Weg befand und sich links und rechts davon etwa drei Schritte weit ausbreitete.
„Das kann noch nicht vorhanden gewesen sein, als die letzten Transporte hier entlang kamen“, folgerte er.
Wir waren so auf dieses seltsame Phänomen konzentriert, dass uns erst das Wiehern eines der Pferde aufmerken ließ.
Ein Mann kam uns auf dem Weg entgegen.
Er war bereits so nahe, dass er mitten in der gefährlichen Fläche war. Trotzdem sank er nicht ein.
Es war eine merkwürdige Gestalt, schlank und groß, in einen weißen Umhang gekleidet. In der einen Hand hielt er einen langen Stock, den er bei jedem Schritt aufsetzte, als wäre der Untergrund steinhart, in der anderen einen Stoffbeutel.
Gendra und ich hatten die Hände an den Waffen, während der Mann näherkam.
O’Praise dagegen musterte ihn und rief ihm dann zu: „Der Boden ist unsicher, gehen Sie weiter nach links oder rechts, bevor Sie versinken!“
Der Mann hielt an, sah sich um als suche er die Gefahr, vor der er gewarnt wurde, und kam dann weiter auf uns zu. Zwei Schritte vor uns blieb er stehen und sah uns der Reihe nach an.
„Der Versuch ist missglückt“, sagte er. „Ich bedauere, dass ich Sie in Gefahr gebracht haben. Mein Name ist Bercain, ich bin ausgebildeter Magi der Magischen Akademie in Dongarth.“
3 Am Rand der Wüste
Die Kunst der Magie galt als schwer zu erlernen. Das war einer der Gründe, warum man die Adepten viele Jahre lang in einer Akademie unterrichtete. Ein anderer Grund war, dass jemand, der die Magie beherrschte, eine enorme Macht in Händen hielt, die er nicht missbrauchen durfte. Deshalb war es ein wichtiger Teil der Ausbildung, den künftigen Magiern die richtigen Verhaltensweisen nahezubringen, die einzuhalten sie sich verpflichteten. Nur, wer sowohl über die Kenntnisse der Kunst selbst, als auch über die notwendigen gefestigten Charakterzüge verfügte, durfte sich schließlich Magi nennen und eine entsprechende Robe tragen.
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