Gendra nickte. „Wünschen wir uns, dass das alles gut ausgeht und die Kurrether nicht eines Tages über die Welt herrschen. Die anderen Völker wären dann nur noch Sklaven, die für sie arbeiten.“
„Was werden sie tun, wenn es dazu kommt?“, überlegte Bercain laut.
„Wer?“, fragte ich begriffsstutzig zurück.
„Die Kurrether. Ihr Ziel ist es, alle Völker zu unterwerfen. Was, wenn es ihnen gelingt?“
Ich dachte darüber nach, bevor ich antwortete: „Sie werden sich gegenseitig zerfleischen, untereinander um die Macht kämpfen. Wenn sie die Welt beherrschen, wird es Regenten für die verschiedenen Länder oder sogar Kontinente geben. Und die werden sich mit allem bekämpfen, was sie haben, um noch mehr Macht zu erlangen.“
„Interessanter Gedanke“, sagte O’Praise. „Niemand weiß, welche Struktur die Herrschaft in der Heimat der Kurrether derzeit hat. Ob es einen König gibt oder einen gewählten obersten Herrscher. Aber egal, welche Regierungsform sie haben, wenn ihre maßlose Aggression sich nicht mehr nach außen richten kann - weil es kein noch nicht erobertes Außen mehr gibt - wird sie sich gegen ihr eigenes Volk richten.“
„Dabei ist das alles so unnötig“, sagte Magi Bercain. „Die Welt bietet genügend Platz.“
„Irgendwann wird die ganze Welt besiedelt sein“, widersprach Gendra.
„Das liegt noch Jahrtausende in der Zukunft. Schauen Sie sich um. Im Norden eine riesige Wüste, in der nur einige kriegerische Stämme leben. Mehr ernährt das Land dort nicht. Aber südlich von hier? Einige Eingeborenenstämme in einem Dschungelgebiet, das sich hunderte Meilen weit erstreckt. Vielleicht sogar ...“
„Rund eintausend Meilen weit nach Süden, wobei die Landschaft sich merklich ändert und zum Beispiel riesigen Tobacco-Plantagen weicht“, sagte O’Praise. „Und sechshundert Meilen weit nach Westen, von hier aus. Aber das sind nur geschätzte Werte. Von dem, was sich im Süden dieses Kontinents befindet, weiß selbst ich nur vom Hörensagen. Trotzdem haben Sie Recht: Alleine, um diesen Kontinent vollständig zu besiedeln, wären Millionen und Abermillionen Menschen erforderlich. Auch Ostraia ist halbleer, um es einmal so zu sagen, und der Rest des Kontinents nördlich davon wird gerade von einigen zehntausend ringländischen Auswanderern unter den Pflug genommen. Er ist weitaus größer als die Ringlande selbst.“
„Wie steht es mit Askajdar?“, wollte ich wissen.
„Dieser Kontinent ist eine Ausnahme. Er ist dicht besiedelt von verschiedenen Völkern, die aber alle miteinander verwandt sich und sich in Aussehen und Kultur von der übrigen Welt unterscheiden. Askajdar hat ein Gleichgewicht erreicht, das stabil ist: Es gibt kein Wachstum, weil kein Platz mehr vorhanden ist, aber die Menschen vermehren sich auch nicht weiter, als für den Erhalt der Bevölkerungszahl notwendig ist. Deshalb besteht keine Notwendigkeit, andere Kontinente zu besiedeln. Askajdar ist sich selbst genug.“
„Es wäre schön, wenn das für alle Völker gelten würde“, sagte ich.
„Das ist nicht möglich, weil manche von ihrer innersten Einstellung her herrschen wollen. Es gibt viele Gebiete auf der Welt, wie wir gerade festgestellt haben, die die Kurrether besiedeln könnten, ohne andere unterjochen zu müssen. Aber sie wollen Herrscher sein. Wie einst die Vorfahren der Ringländer.“ O’Praise sah mich nachdenklich an, bevor er fortfuhr. „Erst die zwangsweise Umsiedlung in das befriedende und träge machende Gebiet um den Berg Zeuth hat euch zu nicht so gewalttätigen Menschen gemacht. Vielleicht wird man dereinst mit den Kurrethern ähnlich verfahren.“
Ich lachte auf. Diese Vorstellung war zu komisch. Alle Ringländer würden ihre bisherige Heimat verlassen und durch Kurrether ersetzt, die dann dort ein träges und friedliches Leben führten.
Gendra hielt ihr Pferd an. „Ich muss euer philosophisches Gespräch unterbrechen. Was ist das dort?“ Sie deutete nach rechts, auf die fernen Dünen der Wüste.
Ich starrte in die angegebene Richtung und sah etwas aufblitzen. „Metall“, sagte ich. „Wo poliertes Metall ist, sind Menschen. Reiten wir hin?“
„Noch nicht“, sagte O’Praise und deutete nach Westen. „Zunächst warten wir auf die dort.“
Tatsächlich bewegten sich weit voraus einige dunkle Punkte auf dem Weg, dem wir folgten.
„Das sind Händler mit Eisenerz“, erklärte Bercain. „Ob das Glitzern in der Wüste etwas mit ihnen zu tun hat?“
„Wir bleiben hier und machen uns bereit, notfalls zu den Waffen zu greifen“, sagte ich. „Gendra und ich wissen uns zu verteidigen. O’Praise?“
Der dunkelhäutige Kartenmacher zog ein vergleichsweise kleines Messer heraus. „Ich habe einige von denen zum Werfen. Außerdem einen Dolch.“
„Können Sie damit umgehen?“, fragte ich skeptisch.
O’Praise lachte. „Gut genug, um tausende Meilen auf Reisen überlebt zu haben.“
„Das überzeugt mich. Magi Bercain, ich nehme an, um Sie brauchen wir uns keine Sorgen zu machen?“
„Wohl kaum. Allerdings werde ich absteigen. Auf dem Pferd sitzend nützt mir mein Stock als Waffe nicht viel.“
„Ich dachte eher an ihre magischen Fähigkeiten“, sagte ich. „Können Sie sich verteidigen?“
„Ja, aber ich setzte Magie nicht gerne im direkten Kampf ein. Wie schon gesagt, bin ich kein Feuermagier, sondern auf das Erdreich spezialisiert. Und das ist eine eher behäbige Materie, die sich weniger für blitzartige Aktionen eignet.“
„Ich werde ebenfalls absteigen“, sagte nun O’Praise. „Der Magi und ich werden unsere Reitpferde und die beiden Packpferde beiseite führen. Dann haben Sie beide, Gendra und Aron, mehr Platz auf dem Weg. Sie bleiben im Sattel, damit Sie schnell eingreifen oder jemanden verfolgen können.“
So vorbereitet blieben wir, wo wir waren, und sahen abwechselnd in die Wüste und nach Westen. Das Aufblitzen von Metall wiederholte sich nicht, während die Händler langsam näher kamen. Es war eine Kolonne von etwa zwanzig Maultieren, die von Menschen zu Fuß geführt und begleitet wurden. Eine langsame und umständliche Art, um schwere Lasten über eine weite Entfernung zu befördern.
Als die ersten Eselsführer in Rufweite waren, blieben sie stehen. Sie berieten sich und schickten dann einen einzelnen Mann zu uns. Eine Gefahr konnten sie in unserer kleinen Gruppe eigentlich nicht sehen, denn wir waren vier und sie mehr als zwei Dutzend. Aber vermutlich war es gerade die Art, wie wir mitten auf dem Weg standen und abwarteten, die sie misstrauisch machte.
Der Mann war mit einer Art Machete bewaffnet, die ohne Scheide an seinem Gürtel hing - eine gefährliche Angewohnheit, bei der man sich selbst verletzen konnte. Aber vielleicht hatte er sie nur mitgenommen, um nicht wehrlos zu wirken.
Er war mittelgroß und hager, das Gesicht wirkte wie gegerbt, so sonnenverbrannt war es. Zunächst musterte er Gendra und mich, dann Bercain und O’Praise, die mit unseren Pferden abseits standen.
„Wer seid ihr?“, fragte er.
„Reisende auf dem Weg zum Gebirge“, antwortete ich. „Und ihr?“
„Wir transportieren Erz zur Küste.“ Er überlegte einen Moment, bevor er hinzufügte: „Es ist nur Eisenerz. Ein Überfall bringt euch also nicht viel ein.“
„Warum lohnt sich dann der weite Transport?“, provozierte ich ihn.
Er zuckte mit den Schultern und antwortet: „Keine Ahnung. Jemand bezahlt dafür, also machen wir es. Geht aus dem Weg, damit wir weiterkönnen.“
„So viel Platz nehmen wir nicht ein“, sagte ich. „Übrigens, da ist jemand in der Wüste. Gehört der zu euch?“
Er sah zu den fernen Dünen hin und fragte: „Wo ist da jemand?“
„Er versteckt sich“, behauptete ich. „Ich habe etwas Metallisches aufblitzen sehen. Das kann nur von einem Menschen stammen.“
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