„Ich glaube, ich habe von solchen Menschen schon einmal gehört“, sagte O’Praise. „Sie sind besessen, aber nicht von einem bösen Geist, sondern von einem ekelerregenden Monster der Wüste.“
„Was heißt das, besessen?“
„Angeblich gibt es eine Art von Würmern, die im Sand lauern. Ihre Opfer sind kleine Wüstentiere, nur selten wird ein Mensch von ihnen befallen. Vielleicht sind unsere Körper nicht so geeignet für sie. Sie sind klein und eigentlich ungefährlich - außer sie kommen mit nackter Haut in Berührung. Sei es, dass jemand barfuß geht, sei es, dass er sich mit den Händen abstützt, während er eine Düne hochklettert. Dann dringen sie durch die Haut in den Körper ein. Meist bekommt man dadurch nur einen Furunkel, der nach ein paar Wochen abheilt und eine Narbe zurücklässt. Aber manchmal gelingt es den Würmern, bis in das Gehirn ihrer Opfer vorzudringen. Sie fressen es auf und setzen sich und ihre Brut an seine Stelle.“
„Das hört sich bestialisch an und kann nicht stimmen“, sagte Bercain. „Ein Mensch kann ohne Gehirn nicht leben.“
„Wie gesagt, angeblich übernehmen diese Würmer die Stelle des Gehirns. Sie versuchen, den Körper zu steuern, was ihnen aber nur schlecht gelingt. Außerdem fressen sie ihn von innen her weiter auf, sie übernehmen dabei die Funktion der Muskeln und Organe. Deshalb können Menschen, die von diesen Unwesen befallen sind, nicht normal sterben. Sie sind zum Schluss nur noch eine Hülle aus Haut, deren Inneres aus Würmern besteht.“
„Sind sie gefährlich?“, fragte ich und behielt den schwankenden Kurrether scharf im Auge. Er machte keinen Schritt mehr auf uns zu.
„Ich weiß es nicht. Jedenfalls kann man sie nur töten, indem man sie verbrennt. Ansonsten fallen sie eines Tages einfach um, wenn die Würmer das gesamte Innere des Körpers bis auf die Knochen gefressen haben. Dann werden sie gefährlich, weil sie unzählige Eier legen. Aus denen kommen neue winzige Würmer hervor und suchen nach einem Opfer. Der Kreislauf beginnt von vorne.“
„Warum verfolgt er die Maultiere mit dem Erz?“, wollte ich wissen.
„Vielleicht ist noch ein Rest Gehirn im Schädel dieses Mannes, das ihm sagt, dass er ein Mensch ist, und er will zu seinesgleichen.“
„Und nun?“ Ich sah O’Praise fragend an.
„Ich weiß nicht. Sollen wir ihn überwältigen und verbrennen?“
„Ich bin dagegen“, sagte Gendra. „Wir jagen ihn weiter in die Wüste hinein. Wenn er niemanden angreift, müssen wir ihn nicht töten. Noch dazu nur aufgrund einer Vermutung, denn einen Beweis für Ihre Annahme haben Sie offenbar nicht, Kartenmacher.“
„Ich habe nur einmal davon gehört, am Lagerfeuer eines Stammes der Wüstenkrieger. Es war eine von vielen Geschichten über die Gefahren der Wüste, mehr nicht.“
Mit lautem Gebrüll gingen wir näher an den Mann heran. Er wich zurück, wandte sich schließlich um und versuchte wieder, den Hang der Düne hochzuklettern, dasselbe Unterfangen, bei dem wir ihn schon beobachtet hatten. Diesmal strengte er seine Kräfte mehr an und er schaffte es. Oben drehte er sich um und sah zu uns herunter, als wolle er sehen, ob wir ihm folgten. Ich glaubte, einen dünnen, weißen Faden aus seinem linken Auge ringeln zu sehen, der sich dann wieder zurückzog. Aber er war schon zu weit weg, vielleicht war das nur Einbildung.
Über den Kamm der Düne entschwand er unserem Blick.
Wir ritten zurück zum Weg.
„Zweifellos war es ein Kurrether“, sagte ich unterwegs. „Das kann bedeuten, dass noch mehr von ihnen hier in der Gegend sind.“
„Hätten die sich dann nicht um ihn gekümmert?“, fragte Bercain.
„Wer weiß“, sagte ich. „Vielleicht gehörte er zu einem Erkundungstrupp und ist der einzige Überlebende, sozusagen.“
Die Maultiere waren unserem Blick entschwunden. Wir setzten unseren Weg nach Westen fort, auf das ferne Gebirge zu.
4 Das Dorf
Gendra ritt schweigend vor uns her, seit Stunden schon. Nun hielt sie ihr Pferd an und wartete, bis wir sie eingeholt hatten.
„Mir geht ein Gedanke nicht aus dem Kopf“, sagte sie. „Ich erzähle ihn euch und ihr sagt mir, ob es völliger Unsinn ist.“
„Fang an!“, ermunterte ich sie.
Während wir langsam weiterritten, begann Gendra: „Es geht um diese Wesen, die den Kurrether befallen haben. O’Praise, Sie sagten, Menschen fallen ihnen nur selten zum Opfer, unsere Körper seien wahrscheinlich nicht so gut geeignet für diese Parasiten.“
„So habe ich es in Erinnerung“, bestätigte der Kartenmacher. „Aber ich weiß das alles nur vom Hörensagen.“
„Die Wesen haben sich aber in dem Kurrether eingenistet. Könnte es sein, dass seine Art anfälliger dafür ist?“
„Wer kann das schon wissen?“, fragte ich. „Worauf willst du hinaus?“
„Es gibt diese Stämme der Wüstenkrieger in der dreihundert Meilen durchmessenden Wüste, in deren Zentrum eine große Stadt liegt, Kherdanai. Das sind zusammen Zehntausende Menschen, und trotzdem hat nur einer von uns etwas über diese Parasiten erfahren. Das bedeutet, der Befall durch sie muss außerordentlich selten sein. Andererseits kommen höchstens vereinzelt Kurrether in diese Wüste. Und trotzdem ist einer von ihnen den Würmern zum Opfer gefallen. Das ist doch ausgesprochen unwahrscheinlich, oder?“
„Na, und?“ Ich verstand noch nicht, worauf sie hinaus wollte.
„Es wäre die perfekte Waffe“, sagte Gendra nach einer Pause. „Ein Parasit, der nur für Kurrether gefährlich ist. Wenn wir einige die Eier dieser Wesen finden und ...“
Magi Bercain hielt sein Pferd an und rief: „Das ist der hinterhältigste Gedanke, den ich je gehört habe!“
O’Praise dagegen lachte. „Warum? Es ist eine Waffe, die den Gegner tötet. Jeder von uns trägt eine tödliche Waffe an seinem Gürtel, und zumindest Gendra, Aron und auch ich haben sie bereits gegen Menschen eingesetzt.“
„Trotzdem“, sagte der Magi. „Einen Feind absichtlich mit einer Krankheit zu infizieren, das ist ...“
„Wie das Vergiften eines Brunnens“, sagte der Kartenmacher. „Ein anständiger Mensch tut es nicht, auch nicht im Krieg. Aber wenn es ums Überleben geht, wenn es heißt, die Anderen oder ich, dann ist jede Waffe erlaubt. So jedenfalls sehen es alle Völker außerhalb der Ringlande.“
„Wer Brunnen vergiftet, tötet damit auch Kinder und Alte“, sagte Gendra. „Aber in den Ringlanden gibt es keine kurrethischen Kinder, und Alte auch nur, solange sie noch eine Funktion als Räte übernehmen können. Es würde also nur Gegner treffen, die wir wirklich loswerden wollen.“
„Alles, was wir über diese Parasiten wissen, haben wir von O’Praise gehört“, wandte ich ein. „Es muss nicht stimmen. Wir wissen nicht einmal, ob der Mann, den wir in der Wüste gesehen haben, wirklich von ihnen befallen worden ist. Vielleicht hat er nur in der Hitze seinen Verstand verloren. Außerdem, wer sollte die Eier dieser Wesen unter Kontrolle halten, damit sie nicht die falschen Menschen infizieren? Man müsste das ausprobieren, Versuche durchführen, die schiefgehen können. Nein, das kommt nicht in Frage!“
Doch so leicht war Gendra nicht zu überzeugen. „Wir könnten zurückreiten und abwarten, bis der Mann stirbt. So, wie er wirkt, kann es nur noch Tage dauern. Dann sammeln wir die Parasiteneier ein. Wenn wir sie sicher verwahren, vielleicht in einem Gefäß, das Magi Bercain mit einem besonderen Spruch versiegelt, können wir sie mitnehmen und von einem Heiler untersuchen lassen. Der müsste uns sagen können, ob und wie man sie einsetzen kann.“
Die Versuchung war groß, dem nachzugeben. Eine Möglichkeit, alle Kurrether sterben zu lassen, ohne die eigene Bevölkerung dabei zu gefährden - das klang wie die Erfüllung eines heimlich gehegten Wunsches. Aber etwas in mir wehrte sich dagegen. Einen Feind im Kampf von Angesicht zu Angesicht mit dem Degen zu töten, fiel mir nicht schwer. Ich hatte es oft genug getan. Aber dieses heimtückische Ermorden aller, das konnte nicht ehrenhaft sein. Das sagte ich auch.
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