„Ach, der.“ Der Mann machte eine abfällige Handbewegung. „Ein Verrückter, der uns seit mehreren Tagen belästigt. Wir werfen Steine nach ihm, wenn er uns zu nahe kommt. Dann verschwindet er wieder für eine Weile. Er ist harmlos.“
„Von was lebt er?“, fragte ich. „In der Wüste gibt es weder Nahrung noch Wasser. Außer man kennt sich aus und findet eine Oase.“
„Wissen wir nicht. Wir staunen auch darüber. Vielleicht ist es eine Art von Magie, die ihn am Leben hält. Eigentlich müsste er längst tot sein. Wobei er fast schon aussieht, wie ein vertrockneter Leichnam.“
„Ist er bewaffnet?“, wollte Gendra wissen.
„Ja, er hat ein Schwert. Aber sein Geist ist so verwirrt, dass er damit nur herumfuchtelt, ohne recht zu wissen, was er damit anfangen soll. Schwert und Rüstung sind auch nicht mehr in gutem Zustand. Was ihr gesehen habt, war vermutlich die Vergoldung, die überall darauf ist. Der Kerl muss einmal ein reicher Mann gewesen sein.“
„Vergoldet?“ Ich sah Gendra an und wusste, dass sie denselben Gedanken hatte, wie ich: Das hörte sich nach einem Kurrether an.
„Wir werden nach ihm suchen“, sagte ich. „Vielleicht ist er ein Spion, der diesen Weg beobachtet.“
„Viel Glück“, wünschte uns der Mann. „Aber eigentlich ist es nicht nötig. Wenn ihr lange genug wartet, kommt er zu euch. Und jetzt müssen wir weiter.“ Er rief etwas zu seinen Begleitern und die trieben die Kette beladener Maultiere wieder an und kamen näher.
Ich ging zu Bercain, denn der Magier lebte schon länger hier.
„Haben Sie früher etwas von so einem geistig verwirrten Wüstenbewohner bemerkt?“, fragte ich ihn.
„Nein. Weder gehört noch gesehen. Was kein Wunder ist, wenn er die Händler mit dem Erz begleitet. Dann ist er jetzt erst in diese Gegend gekommen. Aber Sie haben Recht, er kann in der Wüste nicht lange überleben. Gibt es hier am Südrand eine Oase hinter den Dünen?“
Die Frage war an O’Praise gerichtet. Der nahm seine Umhängetasche und suchte darin herum, bis er eine gefaltete Karte fand, die zwischen vielen anderen ihrer Art steckte. Nach einem kurzen Blick darauf schüttelte er den Kopf. „Die nächste mir bekannte Oase liegt zwanzig Meilen nordwestlich an einer Karawanenroute, die selten benutzt wird.“
Wir sahen zu, wie die Maultiere vorbeizogen. Sie schienen nicht schwer beladen zu sein und standen gut im Futter. Vielleicht war beides nötig, damit sie die vielen hundert Meilen zwischen Gebirge und Küste bewältigen konnten. Sicherlich waren auch längere Pausen unterwegs notwendig, damit sie sich erholten. Außerdem musste genügend Kapazität vorhanden sein, um die Last auf andere Tiere umzuverteilen, falls eines von ihnen unterwegs verendete.
Die Treiber beachteten uns nicht weiter, aber am Ende des langen Zuges ritt ein Mann auf einem Esel. Er war besser gekleidet und hielt vor uns an.
„Ich bin Raktogan“, sagte er. „Handelsherr aus Tirgaj. Mein Auftrag lautet, Erz vom Gebirge zur Küste zu bringen, wie ihr bereits erfahren habt. Seid ihr Söldner, die nach Arbeit suchen?“
„Nein, wir sind auf dem Weg zum Perk-Gebirge“, antwortete ich. „Benötigen Sie die Dienste von Söldnern?“
„Man weiß nie“, sagte er vorsichtig. „Mein Treiber hat euch von dem Verrückten in der Wüste berichtet. Ein harmloser Kerl, dem die Sonne das Gehirn verbrannt hat. Aber wo einer ist, können mehr sein. Wenn ihr nachseht und mögliche Gefahren für uns beseitigt, wäre mir das ein Silberstück wert.“
Er nahm eine Münze aus der Tasche, warf sie hoch und fing sie wieder auf, damit wir sehen konnten, wie sie in der Sonne glänzte.
„Der Treiber sagte, man könne den Mann mit ein paar Steinwürfen vertreiben“, entgegnete ich.
„Ich sagte doch schon, dass ich wissen will, ob er alleine dort ist. Das kann eigentlich nicht sein. Also seht nach!“ Raktogan trieb seinen Esel an und folgte der langen Kette von Maultieren.
„Wenn es ein Kurrether ist, der sich dort herumtreibt, sollten wir tatsächlich nachsehen“, sagte Gendra. „Womöglich verstellt er sich und verfolgt den Weg des wertvollen Erzes. Der Händler und seine Leute scheinen nicht zu wissen, was genau sie transportieren, und das ist gut so.“
„Also reiten wir in die Wüste?“, fragte ich.
O’Praise und Bercain stimmten beide zu, allerdings war es in der Zwischenzeit Abend geworden. Wir beschlossen, ein Lager weiter südlich, zwischen dem Strauchwerk am Ausläufer des Dschungels einzurichten, während die Maultiere weiterzogen. Offenbar machten ihre Treiber erst Rast, wenn es ganz dunkel war.
Etwa eine Stunde später sahen wir in der Ferne ein großes Lagerfeuer, um das sich die Treiber versammelten.
Nachts hielten wir abwechselnd Wache, wie man es in abgelegenen Gegenden tun musste, aber es blieb ruhig. Am folgenden Morgen weckten uns noch vor Sonnenaufgang die fernen Rufe der Maultiertreiber, die ihre Tiere wieder beluden, um weiterzuziehen.
Bis wir unser Lager aufgeräumt und die Spuren so weit wie möglich beseitigt hatten, schien die Sonne bereits. Und in ihrem Licht sah ich wieder das verräterische Blinken in der Wüste, weit entfernt auf der Kuppe einer Düne. Von dort oben konnte man sicherlich gut den Weg der Maultiere verfolgen und auch uns sehen.
Wir ließen die Packpferde angeleint zurück und galoppierten zu viert los, auf dieses Ziel zu.
Als wir die ersten Ausläufer der Dünen erreichten, wurden wir langsamer. Wir suchten uns einen Weg in den Talsenken zwischen ihnen, wobei wir immer die Kämme im Auge behielten. Aber zunächst fanden wir keine Spur von dem Beobachter, den wir hier vermuteten.
Dann, nachdem wir die ersten haushohen Sanddünen hinter uns hatten, entdeckte ich einen dunklen Fleck, der sich langsam von uns wegbewegte. Wir ritten näher und sahen einen Mann, der sich mühsam die Seite einer Düne hochkämpfte, wobei er häufig abrutschte. Er bewegte sich, als sei er betrunken und bemerke gar nicht, auf was für einem Untergrund er sich bewegte. Immer wieder verlor er alles an Höhe, was er in den vergangenen Minuten erreicht hatte, ging aber an der gleichen Stelle wieder nach oben.
Als wir nahe genug waren, um ihn genauer zu erkennen, war eindeutig, dass es sich um einen Kurrether handelte. Seine abgerissene Kleidung, bestehend aus einer Lederrüstung und einem Hemd, musste einmal teuer gewesen sein. Die Knöpfe, soweit sie noch daran waren, glänzten golden, ebenso wie der Griff des Schwerts, das er in einer Scheide am Gürtel trug.
„Hallo!“, rief ich ihn an. „Wer sind Sie?“
Zunächst reagierte er nicht. Ich musste mehrfach rufen, während wir von den Pferden stiegen und langsam auf ihn zu gingen.
Schließlich drehte er sich um. Er sah fürchterlich aus. Sein Gesicht war eingefallen wie bei einem Verhungernden, die Haare hingen wirr von seinem Kopf. Das Erschreckendste an ihm waren aber seine Augenhöhlen. Denn die waren leer, die Augäpfel fehlten. Trotzdem starrte er uns an, als würde er uns sehen, und kam dann mit unsicheren Schritten auf uns zu.
Wir wichen zurück, so dass immer ein Sicherheitsabstand zwischen uns bestand.
Gendra räusperte sich, bevor sie vorbrachte: „Der Maultiertreiber sagte, der Mann sei ungefährlich.“
„Glaubst du, er versteht, was wir sagen?“, fragte ich.
„Zumindest hört er uns.“ Sie rief: „Bleiben Sie stehen! Wer sind Sie!“
Der Mann wankte weiter.
„Halt!“, brüllte ich nun, so laut ich konnte.
Diesmal reagierte er. Er hielt an und streckte uns in einer abwehrenden Geste die Arme entgegen. Seine Finger waren wie Krallen, die Fingernägel krumm und überlang. Sein Mund öffnete sich und ein helles Kreischen kam heraus.
Es hörte sich unmenschlich an, nicht um Hilfe bittend, sondern drohend. So zumindest kam es mir vor. Aber da er nun nicht mehr näherkam, blieben auch wir stehen.
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