„Heimtückisch?“, entgegnete Gendra. „Wie nennst du dann das, was die Kurrether in den Ringlanden tun? Sie stehlen unter der Hand den Reichtum des Landes und benehmen sich dabei so, als seien sie in Wahrheit Wohltäter. Selbst jetzt, wo sie ihr wahres Gesicht zeigen, indem sie die Passstraßen absperren und ein mörderisches Spitzelsystem einrichten, verhalten sie sich noch so, als müssten wir ihnen dafür dankbar sein.“
Ich rang mich zu einer Entscheidung durch und sagte: „Trotzdem: Wir tun es nicht! O’Praise, zeichnen Sie den genauen Ort, wo wir den Mann gesehen haben, in Ihre Karten ein.“
„Ist bereits geschehen.“
„Dann machen Sie bitte eine Kopie davon, die ich mitnehme. Ich werde sie Fürst Borran vorlegen, sobald ich ihn in den Ringlanden treffe. Soll er entscheiden, ob man dieses Mittel im Kampf gegen die Kurrether einsetzen darf oder nicht.“
Gendra war damit nicht einverstanden, aber da Bercain und O’Praise meinen Vorschlag unterstützten, gab sie schließlich nach. In Gedanken versunken setzten wir unseren Weg fort.
Wir waren weiterhin nicht direkt nach Westen unterwegs, weil die Wüste sich nach Süden ausdehnte. Aber bald würden wir den Punkt erreichen, an dem sie begann, zurückzuweichen. Der Dschungel zu unserer Linken folgte dieser magisch herbeigeführten Landschaftsform und blieb immer im selben Abstand. Die Distanz zwischen den ersten Dünen im Norden und den ersten hohen Bäumen im Süden war überall fast auf einen Schritt genau derselbe, jedenfalls kam es mir so vor. O’Praise bestätigte das. Er ritt manchmal sogar in die Wüste hinein und dann in die andere Richtung, um die so festgestellten Entfernungen in seine Karten einzutragen.
„Was spielt das eigentlich für eine Rolle, ob es etwas mehr oder weniger ist?“, fragte ich ihn irgendwann. „Die freie Fläche ist breit genug, um die Transporte zwischen Gebirge und Küste passieren zu lassen.“
„Das ist richtig“, sagte er. „Das ist sie heute. Aber mein Werk ist nicht nur für die Gegenwart bestimmt. Ich arbeite auch für die Zukunft. Menschen werden sich eines Tages fragen, ob die Landschaft sich verändert. Dann können sie die Entfernungen messen und mit meinen Karten vergleichen. Nur so kann man zum Beispiel feststellen, ob sich die Wüste langsam ausdehnt oder in ihrer Größe gleich bleibt. Dasselbe gilt für den Dschungel. Außerdem erfasse ich die Zusammensetzung der Pflanzenwelt und die Tierarten. Auch dabei geht es vor allem darum, dass man langfristige Veränderungen erst erkennen kann, wenn man Aufzeichnungen aus früheren Zeiten hat.“
„Gibt es solche Aufzeichnungen bereits?“, wollte Gendra wissen.
„Wenige von diesem Kontinent. In Ostraia existieren allerdings Archive, die viele Jahrhunderte zurückreichen. Es ist immer interessant, dort in den alten Unterlagen zu wühlen.“
„Was haben Sie dabei festgestellt?“, fragte ich. „Auch Dinge, die die Ringlande betreffen?“
„Wie gesagt, gibt es darüber wenige Aufzeichnungen. Die Ostraianer haben in ferner Vergangenheit das Gebiet innerhalb des Ringgebirges erkundet, bevor sie eure Vorfahren dort ansiedelten. Es gibt einige interessante Unterschiede zur heutigen Zeit, an denen man erkennen kann, wie die Besiedlung ablief. Allerdings war ich nie selbst in den Ringlanden, sondern weiß nur durch Kontakte mit dortigen Kartenmachern darüber Bescheid.“
„Erzählen Sie!“, forderte ich ihn auf.
„Man hatte erwartet, dass die neu angesiedelten Menschen als erstes Wälder roden, um Platz für Felder und Weideflächen zu schaffen“, begann er. „Dem war aber nicht so. Sie verließen sich auf die Jagd und das Fischen. Statt eine zuverlässige Selbstversorgung aufzubauen, hat man zunächst das Ringgebirge nach nutzbaren Erzen abgesucht. Eisenerz und Kohle waren nicht schwer zu finden, weil noch nie jemand sie abgebaut hatte. Man errichtete Schmelzen und Schmieden und begann, Waffen herzustellen. Eure Vorfahren waren immer schon hervorragende Handwerker. Wahrscheinlich einst sogar die besten der Welt, was ihnen auch in den vielen Kriegen geholfen hat. Erst, als jeder ein Schwert hatte und man sich bekämpfen konnte, besann man sich darauf, dass jagdbares Wild nicht unbegrenzt vorhanden war. Außerdem hatte man in den ersten Wintern bemerkt, dass in einigen Gegenden ziemlich raues, kaltes Wetter herrschte. Nun erst, die Berichte sagen es sei im zwanzigsten Jahr gewesen, gründete man Städte. Dabei waren sich die Menschen uneins, wo sie siedeln sollten. Sie verstreuten sich, anstatt gemeinsam etwas aufzubauen. Deshalb dauerte es weitere Jahrzehnte, bis niemand mehr hungerte und jeder ein Zuhause hatte.“
„Wahrscheinlich hat der Einfluss des Zeuth so lange gebraucht, um die Menschen zu befrieden“, warf ich ein.
„Man weiß es nicht. Jedenfalls entstanden mehrere Siedlungen, die weit auseinander lagen. Einige wurden später aufgegeben, die übrigen bildeten die Ausgangspunkte für die Gründung der sieben Provinzen.“
„Das ist interessant, aber was hat das mit der Arbeit eines Kartenmachers zu tun?“, fragte Gendra ungeduldig.
„Diese Geschichte beantwortet die Frage, warum die Hauptstädte der Provinzen der Ringlande dort liegen, wo sie heute sind“, antwortet O’Praise. „Ich finde es wichtig, das zu wissen, denn es gibt eigentlich in jeder Provinz Stellen, die besser für eine große Stadt geeignet wären. Außerdem erklärt es, warum es sieben Provinzen gibt, die sich weitgehend unabhängig voneinander entwickelt haben. Jeder Ringländer weiß, dass jemand aus Kerrk einen anderen Charakter hat, als jemand aus der Hafenstadt Kethal oder als ein Pferdezüchter aus Pregge. Aber warum ist das so, obwohl eure Vorfahren gleichzeitig in die Ringlande kamen und sich kaum voneinander unterschieden?“
„Kennen Sie die Antwort?“
„Es ist so, weil die ersten Städte so weit von einander entfernt waren, dass man zunächst kaum Kontakt miteinander hatte. Vermutlich für Jahrhunderte. Das genügte, um den Charakter ganzer Bevölkerungsgruppen zu formen, entsprechend der Landschaft, in der sie lebten. Ein Matrose an der Küste denkt und redet anders, als ein Waffenschmied aus dem bergigen Krayhan.“
„Und was ist mit Dongarth?“, fragte ich. „Wann wurde die Hauptstadt gegründet?“
„Als man die Konflikte zwischen den wachsenden sieben Provinzen befriedete, indem die Fürsten einen König wählten. Keine Provinz sollte den Vorteil haben, dass die Königsburg in ihrem Territorium steht. Also hat man sie ins Zentrum der Ringlande gebaut und das Gelände in der Umgebung dem Königshaus als Besitz gegeben.“
„Wie wurde die Stadt besiedelt?“, fragte Gendra. „Ich meine, wie kam die Bevölkerung dorthin? Schließlich ist Dongarth heute mit Abstand die größte Stadt der Ringlande.“
„Zunächst holte man viele Bauarbeiter, um die Burg zu bauen, und ein Teil von ihnen blieb vor Ort. Das Königshaus benötigte Diener und Soldaten. Außerdem hat man bald erkannt, dass wichtige Einrichtungen wie der Tempel des Einen Gottes oder die Magische Akademie des Zeuth nicht in einer Provinzhauptstadt sein sollten. Das hätte dem dortigen Fürsten einen Vorteil gegenüber den anderen verschafft. Deshalb wurden sie ebenfalls in Dongarth neu errichtet. Die Bauarbeiten zogen weitere Handwerker an, die Bedürfnisse von Königshaus, Akademie und Tempel dann einige Händler, und so ging es weiter.“
Ich sagte lachend: „Zumindest widerlegt das die Behauptung, Dongarth habe das Gesindel aus den ganzen Ringlanden angezogen und sei deshalb so groß geworden.“
„Ganz und gar nicht“, widersprach O’Praise mit ernstem Gesicht. „Je größer eine Stadt wird, desto mehr Möglichkeiten bietet sie, sich unehrlich zu verhalten. In einem Dorf kennt jeder jeden, da kommt man damit nicht so ohne weiteres durch. Aber in Dongarth? Da taucht man in der Menge unter und keiner kümmert sich darum, was man angestellt hat. Ein interessantes Phänomen, das aber nicht in das Wissensgebiet eines Kartenmachers fällt, das gebe ich zu.“
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