„Wer hat dich geschickt?“, fragte ich.
„Ein Beauftragter von Fürst Borran. Ich war in der Nähe von Kroyia, am Rand der Wüste. Es ist ein weiter Weg von dort hierher, weil die Wüste selbst kaum noch passierbar ist. Die Kurrether haben die Stämme der Wüstenkrieger bestochen und sie auf uns gehetzt. Die Stadt Kroyia ist für uns verloren.“
„Wie bist du von da aus hierher gekommen?“
„Entlang des Perk-Gebirges, östlich davon. Dann durch den Dschungel und das weite, fast leere Land bis hier an die Küste.“
„Bist du geritten?“
„Natürlich, sonst wäre ich Monate unterwegs gewesen. Es hat trotzdem mehrere Wochen gedauert. Ich habe genug Geld, um für dich ein Pferd zu kaufen, allerdings gibt es hier keine guten Reittiere.“
„Wo sind Serron und Martie?“
„Wir arbeiten seit einigen Jahren nicht mehr zusammen. Serron ist meist in Dongarth, dort kennt er alles und jeden, wie du weißt. Martie nimmt mal den einen, mal den anderen Auftrag an. Er sagt nicht, wer ihn bezahlt, aber ich habe den Eindruck, er treibt sich in den ganzen Ringlanden herum, um die Kurrether im Auge zu behalten. Inzwischen ist es besser, über seine Freunde nicht allzu gut Bescheid zu wissen. Dann kann man sie nicht verraten, wenn man in eine Falle tappt und verhört wird.“
„Wie kommen wir in die Ringlande, nachdem Kroyia gefallen ist?“, wollte ich wissen.
„Wir reiten von hier aus nach Westen, am Südrand der Wüste entlang. Sowohl die Wüstenkrieger als auch die Dschungelvölker meiden dieses Gebiet. Beide fühlen sich nicht wohl, weil es nicht ihre gewohnte Umgebung ist, und beide haben Angst vor dem jeweils anderen Volk. Es scheint eine Jahrhunderte lange Geschichte von gegenseitigen Überfällen und Kriegen zu geben, wobei sich so etwas wie eine Grenzzone herausgebildet hat.“
„Gibt es Wasser und jagdbares Wild?“
„Nicht im Überfluss, aber ausreichend für zwei erfahrene Reisende.“
„Und Monster?“
„Ich bin hierher gelangt, ohne angegriffen zu werden“, sagte sie nach einer Pause. „Man hat mir hier im Ort gesagt, das sei eine Ausnahme. Deshalb wagen sich Händler nur mit Geleitschutz dorthin.“
Ich war überrascht. „Also wird trotz alledem Handel betrieben?“
„Nicht, wie du es dir vorstellst. Der Westrand des Perk-Gebirges ist reich an Erzen, die man abbaut und hierher nach Tirgaj bringt. Normalerweise sind es Dutzende Esel, die gleichzeitig losziehen, begleitet von doppelt so vielen Söldnern.“
„Was für Söldner?“
„Abenteuerlustige Männer und Frauen, denen das Leben in Marlik oder den kleinen Städten entlang der Küste zu langweilig geworden ist. Ehemalige Soldaten der Ostraianer, die hier nach ihrer aktiven Zeit eine Arbeit gefunden haben, die sie noch leisten können. Stell sie dir nicht als gut ausgebildete Truppe vor. Eher alte Haudegen und Raufbolde, die sich gegenseitig an die Gurgel gehen, wenn die Langeweile zu groß wird.“
„Ich höre heraus, dass wir uns nicht so einem Geleitzug anschließen.“
„Nein, das ist zu gefährlich und zu langsam. Außerdem wollen wir möglichst nicht gesehen werden, sobald wir Tirgaj verlassen haben.“
Ich zog die Augenbrauen hoch. „Wie lange werden wir brauchen?“
„Der Weg, dem die Transporte folgen, führt nicht gerade auf das Ziel zu, sondern in einem Bogen, der weit nach Süden reicht. Die Wüste ...“
„Ich weiß, sie hat ungefähr Kreisform. Es muss wirklich wertvolles Erz sein, das man dort abbaut, wenn so weite Wege sich lohnen.“
Gendra nickte heftig. „Die Ostraianer schmieden daraus ihre Waffen. Und wie du weißt, gleichen die in ihrer Qualität denen aus dem alten Kaiserreich. Auch die Wirkung gegen magische Monster ist dieselbe.“
„Donnerwetter! Ich wusste nicht, dass dafür Eisenerz aus dem Perk-Gebirge notwendig ist. In Ostraia gilt alles, was mit der Waffenproduktion zu tun hat, als ein Staatsgeheimnis.“
„Es hat mich einige Zeit gekostet, das herauszufinden. Aber wie du schon sagtest, man würde einfaches Eisenerz nicht über solche Strecken transportieren. Denn wenn es hier in Tirgaj angekommen ist, muss es gelagert werden, bis ein Küstenschiff anlegt, das es nach Marlik bringt, und von dort geht der Weg weiter über das Meer nach Ostraia. Dieser lange Transportweg macht das Erz ziemlich teuer.“
„Warum sind die Kurrether noch nicht dahinter gekommen?“, fragte ich. „Die überlegenen Waffen der Ostraianer und der Menschen aus dem Kaiserreich sind ihnen bekannt. Ich würde denken, dass sie alles daran setzen, herauszufinden, aus welchem Metall sie sind. Um dann entweder diese Produktion zu unterbinden, indem sie zum Beispiel die Transportwege kappen, oder sogar selbst welche herzustellen.“
„Du vergisst, dass die Kurrether nichts von Arbeit halten. Sie können keinen Stahl schmelzen, keine Schwerter schmieden, keine ihrer Waffen selbst anfertigen. Ihnen gelten all diese Tätigkeiten als minderwertig und nicht ihres Interesses würdig. Es kann aber auch sein, dass die Ostraianer Möglichkeiten gefunden haben, die Erzminen und die Transportwege so zu sichern, dass die Kurrether nichts gegen sie unternehmen können.“
„Das wäre eine Erklärung. Allerdings, wenn es dir gelungen ist, hier in der Stadt solche Geheimnisse herauszufinden, dann können das auch kurrethische Spitzel. Als ich vor zehn Jahren in Marlik war, haben die Kurrether sogar einen der Küstentransporter als Versteck genutzt. Sie müssen also zumindest allgemein über die Transporte informiert sein. Übrigens, als ich hier in die Stadt kam, habe ich keine Schiffe im Hafen gesehen.“
„Die legen in Tirgaj nur kurz an. Das Erz befindet sich in den Lagerhäusern am südlichen Stadtrand. Sobald ein Segler eintrifft, wird er beladen und sticht wieder in See.“
Ich grübelte über die besonderen Waffen nach, von denen ich eine am Gürtel trug. In den Ringlanden waren sie legendär, in Ostraia und auf den Inseln des neuen Kaiserreichs weit im Norden nicht ungewöhnlich. Allerdings galten sie auch dort als teuer und waren nicht Teil der Standardausrüstung von Soldaten. Wenn das dafür notwendige Erz westlich von hier geschürft wurde, so war das viel näher an den Ringlanden als an dieser Küste. Man sollte vor Ort eine Eisenschmelze und Waffenschmieden errichten, am Südrand des Ringgebirges. Mit diesen Waffen könnte man ...
Gendra unterbrach meinen Tagtraum, indem sie sagte: „Vergiss nicht: Wenn man Krieg führen will, braucht man Kämpfer, nicht nur Schwerter.“ Sie ahnte, was in mir vorging. Wahrscheinlich hatte sie ähnliche Gedanken auch schon gehabt.
„Du hast Recht. Wie gehen wir weiter vor? Wenn wir keine Händler begleiten, die Erz transportieren - bleiben wir trotzdem auf dem Weg, den sie nehmen?“
„Ja. Wie schon gesagt, sie reisen immer mit Begleitschutz, deshalb sind die wilden Tiere und Monster entlang dieser Strecke vorsichtig, soweit es überhaupt noch welche gibt. Und das gilt auch für die Menschen.“
„Eingeborene aus dem Dschungel oder ein besonderes Volk?“
„Eingeborene, wie sie in dem Gebiet um Marlik herum leben. Hairam nennt man es, und die Menschen sind dunkelhäutig und meist friedlich. Sie gehören nicht zu den aggressiven Stämmen, die in den Dschungeln entlang des Flusses Djenon zu Hause sind, oder auch südlich des Ringgebirges.“
„Das beruhigt mich.“
„Damit will ich nicht sagen, dass sie immer friedlich sind. Manchmal versuchen sie ihr Glück, aber man kann sie leicht vertreiben.“
„Gut. Wir reisen zu zweit? Wann?“
„Frische Vorräte können wir morgen früh kaufen, Pferde ebenfalls. Je ein Reitpferd und ein Packpferd für uns. Benötigst du sonst noch etwas?“
Ich verneinte und ging zu der dicken Wirtin, um nach einem Zimmer für die Nacht zu fragen.
Niemand in Tirgaj interessierte sich für unseren Aufbruch. Wir ritten davon und ließen ein verschlafenes Städtchen hinter uns, das erst wieder munter werden würde, wenn ein Schiff anlegte, um Erz an Bord zu nehmen.
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