„Dann wären Sie in unseren Augen eine Art von seefahrender Priesterschaft“, sagte ich verblüfft.
Wieder lachte er. „Das mag für Sie so scheinen. Wir halten es schlicht für vernünftig, über Gottes Wille Bescheid zu wissen, bevor wir weite Reisen auf dem Meer unternehmen. Sehen Sie sich um: Hunderte Meilen Wasser in allen Richtungen. Nicht einmal eine Insel gibt es in diesem Teil des Ozeans. Hier sind nur wir und Gott. Sollten wir uns da nicht bemühen, ihn möglichst gut zu verstehen?“
Ein Ruf erklang vom Mastkorb, wo in schwindelerregender Höhe ein Matrose stand und den Horizont absuchte - nach Feinden und nach Anzeichen von schlechtem Wetter. Nun hatte er etwas entdeckt. Ich verstand zwar nicht, was er rief, aber Kapitän Marong rannte zu dem Maat am Steuerruder und sagte hektisch einige Worte zu ihm. Dann gab er mit lauter, bellender Stimme Befehle.
Männer und Frauen kletterten die Wanten hoch, holten Segel ein, hissten andere und ermöglichten es so unserer Fregatte, sich mit dem Bug fast gegen die bisherige Fahrtrichtung zu drehen. Das Deck legte sich dabei für einige Momente so schräg, dass alles, was nicht angebunden war, ins Wasser gefallen wäre. So auch ich, hätte mich nicht ein Matrose festgehalten, der wie zufällig neben mir stand. Vermutlich hatte ihm der Kapitän schon vorher ein Zeichen gegeben, auf mich zu achten.
Bemerkenswert war, dass nichts und niemand tatsächlich vom Deck ins Meer rutschte. Die Matrosen, die oben in den Wanten hingen, klebten wie Spinnen in ihrem Netz. Ohne, dass ich es bisher bemerkt hatte, war alles auf dem Schiff für solche Manöver vorbereitet, nichts lag einfach nur herum. Es war ein Kriegsschiff, und es herrschte militärische Ordnung und Disziplin.
Nachdem ich mit Hilfe des Matrosen einen sicheren Platz gefunden hatte, wo ich mich an dicken Seilen festhalten konnte, entdeckte ich den Grund für das abrupte Manöver. Am südlichen Horizont stieg eine Rauchwolke in den Himmel. Hier, mitten auf dem Ozean, konnte das nur ein brennendes Schiff sein. Würde unsere Fregatte dessen Besatzung zu Hilfe eilen oder in einen Kampf eingreifen?
Letzteres schien der Kapitän zu planen, denn mir wurde befohlen, unter Deck zu gehen und meine Kabine vorerst nicht zu verlassen. Der Tonfall des Offiziers, der mir diesen Befehl Bellard Marongs überbrachte, ließ keinen Widerspruch zu, deshalb gehorchte ich. Ich wählte jedoch nicht den direkten Weg, sondern stieg hinab ins Kanonendeck. Die Luken waren offen und Matrosen damit beschäftigt, die schweren Kanonen für einen Kampf vorzubereiten. Ein Maat brüllte mich an, also kehrte ich zurück nach oben und ging in meine Kabine. Durch das kleine Bullauge konnte ich nichts sehen. Aber dafür hörte ich umso mehr. Menschen rannten über Deck, Befehle wurden gebrüllt, Maste und Aufbauten ächzten unter der Belastung schneller Manöver.
Dann herrschte Stille. Für zwei oder drei Minuten, bevor ein gewaltiger Krach mich taub werden ließ. Unsere Kanonen feuerten!
Schließlich kehrte mein Hörvermögen zurück. Ich konzentrierte mich auf laute Rufe, seltsame Geräusche und nachfolgend erneut eine unerwartete Stille. Als ich es nicht mehr länger aushielt, verließ ich die Kabine und ging nach oben.
Alles war wie immer. Matrosen waren auf den Rahen unterwegs, die Offiziere gingen an der Reling entlang und beobachteten das Meer und die Arbeiten an Deck. Kapitän Marong stand beim Steuermann und studierte mit ihm eine Karte.
Ich ging zu den beiden. Als sie ihre Unterhaltung unterbrachen, fragte ich: „Was ist geschehen?“
„Ein Schiff der Kurrether hat einen Frachtsegler aus Ostraia in Brand geschossen und versenkt. Wir haben daraufhin den Kurrether in Stücke geschossen.“ Marong deutete über das Meer. „Dort drüben.“
Einige dunkle Flecke auf der Wasseroberfläche waren alles, was ich sah. So weit entfernt, dass ich nicht erkennen konnte, um was es sich handelte. „Sind das Überlebende?“, fragte ich. „Retten wir sie nicht?“
„Die Kurrether haben die Ostraianer gnadenlos absaufen lassen und dabei zugesehen“, sagte Marong heftig. „Das entspricht nicht dem Verhalten, das wir auf dem Meer erwarten. Selbst unter Kriegsgegnern gilt, dass man Schiffbrüchige rettet. Aber keine Sorge, zwei Beiboote der kurrethischen Viermastbark konnten sich vor dem Untergang vom Wrack lösen.“
„Ist so eine Viermastbark ein großes Schiff?“
Der Kapitän und der Steuermann lachten über meine Frage. „Doppelt so lang wie unsere Fregatte“, antwortete Marong schließlich. „Drei Mal so viele Kanonen und eine entsprechend große Besatzung.“
„Und Sie konnten sie trotzdem versenken - mit einer Salve?“
„Mit der ersten Breitseite, genau. Wer uns ärgert, hat schon verloren.“
Ich wusste, dass das Seevolk sich nicht in den Verteidigungskrieg der Völker gegen die Kurrether einmischte. Aber weshalb eigentlich, wenn sie so überlegen waren? „Warum helfen Sie dann nicht allen anderen Menschen, indem Sie die ganze Flotte der Kurrether versenken und so jeden weiteren Krieg verhindern?“
„Warum ist die Welt rund und überwiegend mit Wasser bedeckt?“, fragte Marong zurück. Er drehte sich um und ging davon.
Ich sah den Steuermann fragend an. Er grinste und schüttelte den Kopf; zu dem Thema wollte auch er nichts sagen. Nach einem weiteren Blick auf die fernen, dunklen Flecken im Meer, die langsam außer Sicht gerieten, fragte ich ihn: „Zwei Rettungsboote, sagte der Kapitän. So weit entfernt vom Land werden sie nicht überleben können, oder?“
„Kurrether sind ein zähes Pack“, antwortete er und spuckte aus; eine Angewohnheit, die alle Besatzungsmitglieder hatten. „Außerdem ist so ein großes Schiff nie alleine unterwegs. Irgendwo weiter im Süden müssen Begleitschiffe sein. Deshalb brauchen wir uns um die Überlebenden nicht zu kümmern.“
In den folgenden Tagen, die ereignislos bei günstigem Wetter verliefen, fiel mir zum ersten Mal auf, wie Bellard Marong mich aushorchte. Es war nicht offensichtlich, denn jeder von uns erzählte Geschichten aus seiner Vergangenheit oder gab Gerüchte und Sagen zum Besten. Ich verbrachte die Abende mit den Offizieren und erfuhr dabei vieles über die Seefahrt und all die Monster und gewaltigen Stürme, die angeblich jeder einzelne hier an Bord schon erlebt hatte.
Doch eines Abends bemerkte ich, wie allgemein alles gehalten war, was die Männer und Frauen des Seevolkes erzählten. Nie gab es etwas Konkretes über ihr Leben, wenn sie nicht auf dem Meer waren, oder über ihre Familien, ihre Herkunft. Ich dagegen berichtete immer freier und offener von dem, was ich in den vergangenen Jahren erlebt hatte. Kapitän Marong vermittelte mir geschickt den Eindruck, er wisse eigentlich über alles Bescheid, was in den Ringlanden, in Ostraia und überhaupt auf der Welt vor sich ging. Ich hatte das Gefühl, er lasse mich nur erzählen, damit ich die anderen unterhielt, nicht damit er etwas Neues erfuhr.
Und doch war es wohl so, dass er vorher kaum etwas darüber gewusst hatte. Über die Gesellschaftsordnung in den Ringlanden und die Gründe, warum viele von uns auswandern wollten. Über unsere Abstammung aus einem Teil der Welt, der nördlich von Ostraia lag. Dass unsere dortigen Vorfahren krankhaft kriegerisch gewesen waren, weshalb man sie zwangsweise in die Ringlande umsiedelte, nachdem es vor vielen Jahrhunderten gelungen war, sie zu besiegen. Über die dort wirksame Magie des Berges Zeuth, die jeden - also auch uns - friedlich und passiv machte. Wie die Kurrether dies ausnutzten, um die Ringlande zu unterwandern und ihren Reichtum an Gold und anderem zu stehlen. Diese Beute half ihnen, ihre Kriege zu finanzieren.
Ich kam bei meinen Erzählungen an den langen Abenden - und unter dem Einfluss des starken Alkohols, den man an Bord gerne trank - auf alles zu sprechen, was Außenstehende eigentlich nicht erfahren sollten. Die Rolle der Priester und Fürsten bei der Planung der heimlichen Auswanderung von jungen, gut ausgebildeten Ringländern. Das Schmuggeln von Kulturgütern und allem, was Fachwissen vermitteln konnte, aus den Ringlanden heraus. Die Wege, die wir nutzten, und die Probleme, mit denen wir uns konfrontiert sahen. Die Hilfe der Ostraianer, die jedoch nicht uneigennützig war. Denn sie zielte darauf ab, den Kurrethern die Ringlande als Quelle für Gold und Waffen abzunehmen und uns wieder zu einem kriegstüchtigen Volk zu machen. In Zukunft sollten wir aktiv in den Kampf für die Freiheit der Welt eingreifen.
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