Ich hatte inzwischen Zeit, über die seltsame Zusammenarbeit zwischen Megatraphons und dem Seevolk nachzudenken. Wenn dieses riesige Wesen ein junges seiner Art war, so mussten die älteren noch größer sein und Platz bieten für Städte und Werften auf ihrer Oberfläche. Waren sie die unbekannte Heimat des Seevolks - so ungebunden wie sie selbst auf ihren Schiffen?
Marong verneinte, ohne mehr darüber zu sagen.
Ich setzte nach: „Keiner der Matrosen hat von einem Lagerraum mit Vorräten berichtet. Sie wissen schon, Schiffszwieback, Trockenfleisch, Wasserfässer. Alles, was ein Schiff in Notsituationen benötigt. Warum?“
Er sah mich eine Weile schweigend an, entschied sich dann aber, mir mehr zu sagen, als er eigentlich vorgehabt hatte. „Das ist nicht notwendig, weil es keine Rettungsinsel für Notfälle ist, sondern ein Transporter. Diese jungen Megatraphons sind schneller als ältere Tiere. Man kann gewaltige Mengen an Material in ihnen lagern, das sie in alle Weltmeere bringen. Sie freuen sich sogar, wenn man ihnen solche Aufgaben gibt, es ist ein Spiel für sie. Deshalb sind die Lagerräume auch niedriger, als man sie sonst schaffen würde. Der Megatraphon soll nicht zu dick werden, das verlangsamt ihn.“
„Dieser hier transportiert Baumaterial für neue Schiffe“, sagte ich. „Folglich ist das Ziel eine Werft des Seevolks. Wo kommt er her und wohin bringt er das Material?“
„Er kommt von den Inseln des neuen Kaiserreichs, weit im Norden. Wohin er unterwegs ist, werde ich Ihnen nicht sagen. Dass er hier aufgetaucht ist, spricht dafür, dass er eigentlich noch zu jung für so eine Aufgabe ist. Er hat sich gelangweilt und nachgesehen, was an der Wasseroberfläche los ist. Vielleicht hat ihn der Kanonendonner der Schlacht nach oben gelockt. Ich werde ihm signalisieren, dass er wieder abtauchen und sich beeilen soll.“
„Wie machen Sie das?“
„Wie immer“, sagte er, lachte auf und ging davon.
Während die Sonne schon am Horizont stand, wurde die Gangway eingezogen. Als ich am folgenden Morgen wieder an Deck kam, war der Megatraphon verschwunden. Unsere Fregatte hatte Segel gesetzt und traf fünf Tage später in der Nähe eines kleinen Ortes an der Küste südlich von Marlik ein. Dort brachte man mich mit einem Ruderboot heimlich an Land.
2 Tirgaj
Die Ostküste unseres Kontinents führte in einer leichte geschwungenen Linie vom eisigen Norden bis zum ebenso eisigen Süden der Welt. Dabei war diese ganze, fast endlos lange Küste kaum besiedelt. Im Norden nicht, weil dort das von Monstern beherrschte alte Kaiserreich lag, im Süden nicht, weil die Gegend zu weit entfernt war von allen kulturell hochstehenden Völkern. Der Bereich dazwischen war landschaftlich schön, aber fast leer. Einen Grund dafür konnte mir niemand nennen. Die größte Stadt an der Ostküste hieß Marlik. Sie lag an der Mündung des Flusses Djenon und diente als Ausgangshafen für die Schiffe, die das Meer mit Ziel Ostraia überquerten.
Dies war der Hafen, über den die Auswanderer aus den Ringlanden geleitet wurden. Von Marlik aus gelangten sie auf Schiffen des Seevolkes nach Ostraia. Das einzig Interessante, was über die Küste südlich davon zu sagen blieb, betraf einige kleine Küstenstädte, die vom Erztransport lebten. Es gab im Inland einen Bergzug, der fast genau von Nord nach Süd verlief und wie ein Ausleger unseres Ringgebirges wirkte, auch wenn er anders aussah und anders entstanden sein musste. An der Ostflanke dieses Perk-Gebirges gab es reiche Erzadern, die abgebaut wurden. Das Erz transportierte man zum Meer, wo es von Küstenfrachtern aufgenommen und nach Norden bis Marlik gebracht wurde. Dort holten es große Segler aus Ostraia ab.
Weil die Gegend so dünn besiedelt war, konnte man nirgendwo auf Unterstützung hoffen, wenn man den weiten Weg von der Küste bis zum Ringgebirge zurücklegen wollte. Wobei sich im Norden auch noch eine riesige Wüste erstreckte und im Süden ein Dschungel, die ein ebenso großes Hindernis darstellten, wie der genannte Gebirgszug.
Kapitän Bellard Marong hatte den Auftrag, mich zwanzig Meilen südlich von Marlik an Land zu lassen.
„Eine Wegstunde von hier befindet sich einer von den kleinen Häfen, von denen aus die Küstenfrachter Erz nach Marlik bringen“, sagte er, bevor ich die Strickleiter hinunter ins Ruderboot stieg. „Der Ort heißt Tirgaj. Wenn Sie jetzt losmarschieren, treffen Sie kurz nach Einbruch der Dunkelheit dort ein. Gehen Sie in die Hafenkneipe. Eine Frau namens Mirlah wartet dort auf Sie. Die Menschen in Tirgaj sind einfache, misstrauische Leute, aber empfänglich für ein paar Münzen. Nutzen Sie das aus, falls es Probleme gibt. Kurrether sind dort nicht anzutreffen. Mirlah kennt den Weg nach Westen, sie wird Sie begleiten. Sollte sie wider Erwarten nicht da sein, müssen Sie die Reise alleine antreten. Viel Glück!“
Mehr konnte oder wollte er nicht sagen, also marschierte ich in der angegebenen Richtung los, sobald ich an Land war. Wie erwartet war es Nacht, als ich in der Ferne die Lichter aus den Fenstern von Häusern sah. Viele waren es nicht, und das hellste gehörte tatsächlich zu einer Taverne am Hafen.
Ich hatte mir darüber Gedanken gemacht, wie man an einem so abgelegenen Ort reagieren würde, wenn unvermittelt ein Fremder auftauchte. Deshalb hatte ich mir eine Geschichte zurechtgelegt. Aber auf die musste ich nicht zurückgreifen. Im Schankraum saßen einige alte Männer und spielten Karten. Hinter dem Tresen langweilte sich eine ebenso alte, überfette Frau, und in einer Ecke balgten sich Kinder mit einem Hund.
Ich ging zu der Frau, bestellte ein Bier und legte eine Silbermünze hin, die genügen müsste, um eine Woche davon zu leben. Entsprechend groß wurden ihre Augen und sie beeilte sich, mir das Bier zu bringen.
„Ist Mirlah hier?“, fragte ich nach dem ersten Schluck. Das Bier war dünn und nicht gekühlt, entsprechend widerlich schmeckte es. Hier bestand nicht die Gefahr, dass ich mich betrank.
„Klar, ist sie“, antwortete die Frau und brüllte: „Mirlah! Besuch für dich!“
Ein Vorhang, hinter dem ich die Küche vermutete, wurde beiseite geschoben und eine Frau kam heraus. Sie war ebenfalls nicht mehr jung, jedoch kräftig gebaut. Aber nicht fett wie die Wirtin, eher muskulös. Sie kam mir bekannt vor, doch es dauerte einen Moment, bis ich wusste, woher.
Ich bemühte mich, es mir nicht anmerken zu lassen, sondern nickte ihr nur zu. „Sie sind Mirlah?“
„Bin ich. Was wollen Sie?“ Ihr Blick bestätigte mir, dass auch sie mich nach all den Jahren erkannt hatte.
„Bellard Marong hat mir Ihren Namen genannt. Ich brauche jemanden, der mir den Weg zeigt. Sie kennen sich hier in der Gegend aus?“
„Ich bin keine Einheimische, nur auf der Durchreise. Aber ein stückweit kann ich Sie begleiten - falls Sie dafür bezahlen.“
„Was verlangen Sie?“
Mirlah zeigte auf einen Tisch in der Ecke: „Reden wir darüber.“
Wir setzten uns, ich bestellte etwas zu Essen für mich und Bier für Mirlah. Dann ließ uns die dicke Wirtin alleine. Wir waren weit genug vom Tresen und den Kartenspielern entfernt, um nicht belauscht zu werden, wenn wir leise sprachen.
„Wie geht es dir, Gendra?“, fragte ich.
„Gut, soweit das unter diesen Umständen möglich ist. Man hat mich hierher beordert, um einen Mann in die Ringlande zu begleiten. Aber man hat mir nicht gesagt, dass du es bist.“
„Ich wusste auch nur, dass eine Frau namens Mirlah hier wartet.“
Wir sahen uns eine ganze Weile schweigend an, bevor wir weitersprachen. Gendra sah deutlich älter aus, als ich sie in Erinnerung hatte. Die zehn Jahre waren an ihr nicht spurlos vorüber gegangen. Vermutlich hatte sich auch mein Äußeres nicht zu meinem Vorteil verändert.
Ihr Gesicht wirkte härter, eine rötliche Narbe verlief nun seitlich des rechten Kinns. Aber noch immer sah man ihr an, dass sie fit und kräftig war, und kein Mensch würde auf die Idee kommen, sich so ohne Weiteres mit ihr anzulegen. Sie war und blieb eine Söldnerin, und das bedeutete, dass sie regelmäßig trainierte - wenn sie nicht sowieso unterwegs war und kämpfte, oder andere Aufträge ausführte.
Читать дальше