Doch Chufu wehrte ab. Jules sei derzeit kaum in der psychischen Verfassung, um hilfreich zu wirken. Und er erzählte Mei von den Befürchtungen von Alabima, von seinen eigenen Beobachtungen, von den fast schizophrenen Zügen, dem nächtlichen und ruhelosen durch das Haus Wandern, vom Waffenarsenal im Keller und den Anzeichen von Verfolgungswahn. Mei sah ihn bekümmert an.
»Dann hat ihn unser Abenteuer vor einem Jahr so sehr zugesetzt?«
Chufu nickte: »Ich hab selbst dir nicht alles erzählt, was ich von Jules erfahren habe, Mei. Doch glaub mir, kaum ein Mensch kann eine solche Anspannung, all die Angst um die Liebsten, die andauernde Todesfurcht und vor allem die lange Ungewissheit ertragen, ohne die eine oder andere Neurose zu entwickeln. Schlimm ist nur, dass Jules dies alles nicht einsieht, mit keinem Psychologen darüber reden will, geschweige sich auf eine Therapie einlässt. Ich hab die letzten paar Tage vieles versucht, um ihn zur Einsicht zu bringen. Doch er streitet alles ab, verniedlicht sein Verhalten, macht sich über unsere Sorgen sogar lustig. In dieser Gemütsverfassung gleicht er einem Pulverfass, das jederzeit in die eine oder andere Richtung hochgehen kann.«
»Oh, das tut mir sehr leid, Liebling. Ich wusste nicht, wie es um Jules steht.«
Mei küsste Chufu zärtlich, was er ebenso erwiderte.
»Aber was unternehmen wir für Malika?«, fragte sie bekümmert.
»Selbstverständlich fliegen wir sofort nach Kairo. Dort sehen wir weiter.«
Sie trafen spät nachts auf dem Cairo International Airport ein, lösten am Schalter ihr Visum, reihten sich in eine der Schlangen vor der Einreiseabfertigung ein. Der Beamte stellte die üblichen Fragen. Chufu beantwortete sie wie ein gewöhnlicher Urlauber. Sie bekamen die Visums-Briefmarke in ihre Pässe geklebt und den Stempel darauf gedrückt, konnten zum Gepäckband weitergehen. Ihre beiden Rollkoffer waren bereits von hilfsbereiten Händen vom Band gehoben und in die lange Gepäckreihe gestellt worden. Mei und Chufu nahmen ihre Koffer auf und gingen in einem Schwarm von deutschen und niederländischen Touristen unbehelligt durch die Zollkontrolle.
Chufu war nicht zum ersten Mal in Ägypten. Die Lederers hatten vor drei Jahren gemeinsam das Land der Pharaonen besucht, dabei die Sehenswürdigkeiten von Gizeh und Sakkara ebenso gesehen, wie das koptische Viertel, die großen Märkte und die muslimische Altstadt mit seinen tausend Moscheen. Da sie meistens zu Fuß unterwegs gewesen waren und Chufu einen recht guten Orientierungssinn besaß, fühlte er sich der Hauptstadt mit ihren zwanzig Millionen Einwohnern und einem nicht zu bändigenden, kaum durchschaubaren Verkehrsgewühl gewachsen.
Die Taxifahrer bestürmten alle Urlauber, sobald sie aus dem Flughafengebäude traten, drangen auf sie ein, riefen ihr Angebot in Englisch, Französisch und Arabisch, veranstalteten ein wilden Tohuwabohu. Chufu erkannte, wie es Mei neben ihm immer unsicherer und banger wurde, sah, wie sie ihre Schultern wie zur Abwehr hochzog und sich ängstlich umblickte.
»So ist nun einmal Arabien, Mei«, er musste sie beinahe anschreien, so laut war der Tumult, »stell dir einfach vor, du seist Sindbad der Seefahrer und auf dem Markt der Tausend Diebe. Mit dieser Einstellung kommst du in ganz Ägypten gut zu Recht. Sieh es als ein Abenteuer in einer fremden Welt. Du brauchst als Frau auch niemals Angst haben, denn kein Ägypter mit einem Funken Stolz wird zulassen, dass deine Ehre von einem anderen Muslim beschmutzt wird.«
Chufu wählte als möglicher Fahrer einen jungen Mann aus, der zurückhaltend in der zweiten Reihe stand. Er suchte seinen Augenkontakt und rief ihm zu: »Sprechen Sie Englisch?«, und als dieser erfreut grinsend zustimmend nickte, »wir müssen ins Ramses Hilton.«
Dann drängte der Philippine mit Wucht durch die gedrängte Menge, zog Mei an der Hand hinter sich her. Endlich waren sie durch die Traube der einheimischen Fahrer gestoßen, folgten dem mit langen Schritten vorauseilenden Ägypter, verließen das hell beleuchtete Flughafengebäude in Richtung der Parkplätze, die im Halbdunkel lagen. Das Fahrzeug des jungen Ägypters stand nicht bei den offiziellen Taxis, sondern auf einem Besucherparkplatz. Es war ein weißer, nicht allzu neuer Hyundai Accent. Weder ein Taxischild noch eine Beschriftung verlieh ihm den Status eines offiziell zugelassenen Transportfahrzeuges. Mei sah darum Chufu fragend und auch etwas verunsichert an.
»Alles in Ordnung, Liebling, die wilden Unternehmer sind die allerbesten«, gab er altklug bekannt.
Zusammen mit dem jungen Fahrer hievte er das erste Gepäckstück in den Kofferraum, das zweite wurde auf der Rückbank verstaut. Mei stieg hinten ein, Chufu vorne.
»Chufu Lederer«, stellte er sich ihrem Fahrer vor, reichte ihm die Hand.
»Achmed«, meinte dieser und griff nach ihr, »Achmed Nagarin.«
Der Motor startete und der Hyundai setzte sich in Bewegung. Als sie auf der El-Orouba in Richtung Stadt unterwegs waren, begann Chufu eine Unterhaltung.
»Wir werden einige Tage in Kairo bleiben und suchen einen zuverlässigen Fahrer, der uns die ganze Zeit über betreut, der sich in der Stadt auch ganz besonders gut auskennt.«
Der fragende Blick von Achmed verriet vorsichtige Zurückhaltung.
»Falls Sie uns in Rekordzeit ins Hilton bringen können, dann haben Sie den Job.«
Bislang war noch keine Rede von Geld gewesen, auch nicht für die Fahrt vom Flughafen in die Stadt. Chufu wusste von seinem ersten Besuch her, dass die einfache Fahrt in einem offiziellen Taxi achtzig bis hundert Pfund kosten durfte. Private Anbieter lagen in der Regel zwanzig Pfund tiefer. Aufgrund des sicheren Auftretens des Philippinen war für Achmed klar, dass seine Fahrgäste die Preise kannte und Verhandlungen über die Tarife unnötig waren. Denn bei kundigen Besuchern lohnte sich meistens eine gewisse Zurückhaltung. Denn Leute aus dem Westen, die Kairo bereits mehrmals besucht hatten, belohnten die guten Fahrer mit außerordentlich hohen Trinkgeldern. Und falls man doch einmal an einen unfairen Knauser geriet, der einen am Zielort im Preis noch drücken wollte? - Insha’Allah. - Denn es lag doch alles in Gottes Hand und gegen sein Schicksal konnte man als schwacher Mensch nichts ausrichten.
Achmed wechselte von der El-Orouba auf die al-Nadi über, verließ diese jedoch nach dem Palast der Republik und kurvte durch einige recht enge Gassen seinem Ziel zu. Mei Ling im Fonds des Wagens begann sich immer mehr Sorgen zu machen, auch wenn Chufu völlig gelassen auf dem Beifahrersitz saß und vor sich hin zu träumen schien. Sie erreichten nach wenigen Minuten die Ramsis, die nur wenig Verkehr aufwies. Und so konnte Achmed stark beschleunigen, raste die Straße mit manchmal siebzig Kilometer pro Stunde entlang, verschaffte sich mit ständigem Hupen auch Platz zwischen den Minibussen, überholte Last- und Lieferwagen, drängte an westlichen Luxusschlitten und an östlichen Billigtransportern vorbei, strebte dem Hotel Ramses Hilton rasend schnell zu.
Nach knapp fünfunddreißig Minuten hielt er vor dem Eingang. Eine echte Rekordzeit und Chufu nickte Achmed anerkennend zu.
»Wenn Sie wollen, dann haben Sie den Job«, meinte er lächelnd und reichte dem jungen Ägypter eine hundert Pfund Note, »vierhundert pro Tag plus Benzingeld.«
Achmed schlug freudestrahlend in die dargebotene Hand ein. Irgendwie gefielen ihm die beiden Asiaten. Er stieg aus und öffnete den Kofferraumdeckel, damit der herbeieilende Gepäckträger des Ramses Hilton den Koffer herausheben konnte. Ein zweiter schnappte sich den anderen vom Rücksitz und die beiden trugen das Gepäck wie Beute in Richtung Rezeption davon.
»Und ab wann brauchen Sie mich morgen früh?«
»Wir haben einen langen Flug hinter uns und sind todmüde. Hinzu kommt der Jet-lag. Sagen wir am Nachmittag um zwei Uhr?«
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