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Zu Hause angekommen war sich Walid noch immer nicht im Klaren darüber, wie er an die Telefonnummer von Oberstleutnant Nepherte gelangen konnte. Erkundigungen nach Offizieren der ägyptischen Armee waren für eine Privatperson nicht möglich, ja, wurden von der Staatsmacht sogleich als suspekt gewertet. Auch waren die Gomaas ein eher entfernter Ast der weitverzweigten Familie der damaligen Braut, waren wohl eher wegen seines Status als Chefarzt einer großen Klinik eingeladen worden, denn als echter Freund des Paares. Walid versuchte, sich an die anderen Gäste der Hochzeit zu erinnern, über die er vielleicht den Kontakt herstellen konnte.
Er zog sich in sein Arbeitszimmer zurück, setzte sich ans Telefon, nahm sein Notizbuch hervor und begann zu blättern.
In den folgenden beiden Stunden rief er ein Dutzend Nummern an, sprach manchmal direkt von seinem Anliegen, erkundigte sich ein anderes Mal vorsichtig nach dem Militär, stieß meist auf direkte Ablehnung, manchmal gar auf schroffe Abweisung. In solch unsicheren Zeiten wollte niemand mit dem alten Establishment, mit der alten Militärdiktatur, in direkte Verbindung gebracht werden. Gleichzeitig wollte es auch niemand riskieren, es mit den immer noch Mächtigen zu verderben. Oder man fürchtete, durch eine Auskunft den Oberstleutnant in Schwierigkeiten zu bringen. Walid traf überall auf eine Mauer des Schweigens, auf Verunsicherung, auf mehr oder weniger offen gezeigte Furcht.
So weit war es in Ägypten in den wenigen Monaten gekommen. Für einen offenen, eher westlich orientierten, aber gläubigen Muslim war das sehr beschämend. Furcht hatte die Menschen so viele Jahrhunderte lang in seinen Klauen gehalten, war von mächtigen Männern benutzt worden, hatte das selbständige Denken der Menschen beherrscht.
Erst Nagib und Nasser, und später Sadat, änderten diese viele Jahrhunderte lang andauernde Unterdrückung. Zumindest für die Privilegierten, für die Elite des Landes. Die letzten vier Jahrzehnte lebte man endlich frei, sprach untereinander offen über die Politik und die Probleme des Landes, nahm kaum einmal ein Blatt vor den Mund, höchstens gegenüber der Familie von Mubarak, die stets recht empfindlich auf jede Art von Blasphemie reagierte.
Walid stellte seine Ellbogen auf das Pult, verbarg das Gesicht in seinen Händen, stützte das Kinn auf sie, entlastete wohltuend das verspannte Genick. Seine Kopfschmerzen wurden erträglicher.
Leise trat seine Frau Sana ein, hatte zuvor sanft am Türblatt geklopft, so, wie er es gernhatte.
»Walid, konntest du etwas in Erfahrung bringen, beim Minister?«, fragte sie ihn bange und sah ihn aus dunklen Höhlen und verweinten Augen bittend an.
»Nein«, antwortete er ihr grober als er es wollte, »der Schwachkopf weiß nichts oder will nichts wissen. Er ist genau das, was wir uns immer über ihn gedacht hatten. Ein eifriger Lakai und Karrierist, der selbst als Minister bloß die Stiefel der noch Mächtigeren leckt und sich ansonsten völlig aus jeder Schusslinie hält.«
»Und was machen wir nun?«, meinte Sana bitter und müde, »irgendwo muss unsere Tochter doch festgehalten werden?«
Walid setzte sich ruckartig auf, denn ein Gedanke war ihm gekommen.
»Was ist, wenn Malika gar nicht festgenommen wurde, sondern bloß wütend und ohne Abschied nach dem letzten Streit wieder nach Rio zurückgeflogen ist?«
Hoffnung zeigte sich einen Moment lang in den Augen seiner Gattin. Dann erloschen das Licht darin auch schon wieder: »Glaubst du wirklich?«
Der Kopf von Walid ruckte zwar, doch Sana konnte daraus weder ein Ja noch ein Nein lesen. Doch ihr Gatte zog eine der Schubladen im Pult auf und begann darin zu kramen, zog dann die Mappe mit den Unterlagen zur Universidade Federal do Rio de Janeiro heraus, begann sie durchzublättern, fand das Informationsblatt über das Studentenwohnheim, in dem Malika ein Zimmer bezogen hatte. Er nahm den Hörer auf, hielt noch einmal inne und warf einen Blick auf seine Armbanduhr, rechnete kurz die wahrscheinliche Uhrzeit in Rio de Janeiro aus, tippte dann die lange Nummer ein.
Die Sekretärin nahm wenig später seine Frage auf und versprach ihm, den Hausmeister zu informieren.
Eine Stunde später kam ihr Rückruf. Malika sei leider nicht angetroffen worden und nichts lasse darauf schließen, sie wäre in den Tagen ins Studentenheim zurückgekehrt. Ihre Zimmernachbarinnen hätten dem Hausmeister jedoch die Telefonnummer einer guten Freundin von Malika gegeben, einer gewissen Mei Ling. Vielleicht wüsste sie mehr über den Verbleib der Studentin?
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Am 15. Januar trat Chufu seine Rückreise nach Rio an, hatte bis dahin versucht, Jules zu erforschen, hatte auch viele Aufzeichnungen über das Verhalten und die Antworten seines Adoptivvater gemacht, wollte sie in den kommenden Tagen mit seinen Professoren besprechen. Denn auch wenn er ein begabter und sehr selbstbewusster Student war, so blieb er doch wissenschaftlich genug, um keine eigene Diagnose zu stellen. Soweit fühlte er sich ganz noch nicht.
Mei Ling und Chufu Lederer teilten sich seit zwei Monaten ein kleines Appartement nahe der Uni. Als Chufu am späten Abend dort eintraf, fand er eine verstört wirkende Mei vor, die ihn trotz ihrer zweiwöchigen Trennung nur flüchtig mit einem gehauchten Kuss auf die Lippen begrüßte und gleich danach zum Kern ihrer Bestürzung kam.
»Malika ist verschwunden.«
»Malika? Du meinst deine Freundin aus Ägypten?«
»Ja. Sie hat über Neujahr ihre Familie zu Hause besucht. Heute Morgen rief mich ihr Vater an und fragte mich, ob Malika in Rio sei. Ob ich in den letzten Tagen von ihr gehört hätte? Vor einer Woche verließ sie nach einem heftigen Streit mit ihrem Vater die Wohnung der Eltern und ist seitdem nicht mehr zurückgekehrt. Ihre Familie hat selbstverständlich die Polizei verständigt, doch ohne Erfolg. Malika blieb verschwunden. Und so rief er mich aus lauter Verzweiflung und mit der leisen Hoffnung an, seine Tochter sei vielleicht verärgert und ohne Abschied nach Rio zurückgekehrt. Ich habe dann Esfenda und Archipi, ihre Zimmerkolleginnen angerufen. Doch auch sie haben nichts von Malika gehört. Ich mach mir riesige Sorgen, Chufu. Bei all den Unruhen in Ägypten kann ihr doch weiß-was zugestoßen sein? Malikas Vater hat mir nämlich erzählt, sie habe seit ihrer Ankunft an den nächtlichen Demonstrationen gegen das Regime teilgenommen, wollte unbedingt ein Teil der Revolution sein. Vielleicht wurde sie vom Geheimdienst verhaftet? Vielleicht wird sie in irgendeinem Verlies festgehalten, vielleicht sogar gefoltert? Oh, Chufu, wir müssen irgendetwas unternehmen.«
Ihre Augen flehten. Ihre Hände hielten den Stoff seines Hemdes links und rechts auf Höhe seiner Oberarme fest umklammert, zerrten daran, als müsste sie ihren Freund Chufu aufrütteln.
»Bitte beruhige dich erst einmal, Mei«, meinte er liebevoll und strich ihr sanft über das Haar, »lass uns nichts überstürzen, sondern erst einmal gründlich nachdenken.«
Er zog sie an sich und drückte seine Lippen auf die ihren, spürte das Zittern, ihren Widerstand, ihre Erregung, die Sorge um ihre Freundin. Sie versperrte seiner Zunge den Zugang zu ihrem Mund, presste ihre Zähne fest zusammen, versuchte ihren Kopf nach hinten und von ihm weg zu biegen. Doch Chufu drückte ihren Körper umso fester an sich, ließ nicht locker. Und endlich gab Mei ihren Widerstand auf, öffnete sich ihm. Das Spiel ihrer Zungenspitzen durchströmte sie beide und Ruhe kehrte in ihren Körper zurück. Heftig, aber befreit atmend lösten sich die beiden voneinander.
»Danke«, meinte Mei schlicht und sah Chufu glücklich an.
»Komm, setzen wir uns«, übernahm er die Führung in ihrem Zweierteam, »und schildere mir noch einmal möglichst exakt, was Malikas Vater dir erzählt hat.«
Mei Ling und Chufu saßen zwei Stunden lang zusammen, überlegten sich, was zu unternehmen war. Natürlich dachte Mei sogleich an Jules. War Chufus Vater kein professioneller Problemlöser? Hatte er vielleicht sogar Kontakte nach Ägypten, die er aktivieren konnte?
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