Da hielt man ein halbes Leben lang Kontakt zu vielen wichtigen Männern eines Landes und dann kommt eine kleine Revolution und die Hälfte von ihnen verschwand spurlos, setzte sich ins Ausland ab oder blieb unauffindbar. Und der Rest spielte kaum mehr eine Rolle, versuchte höchstens noch im Hintergrund den einen oder anderen Faden neu zu ziehen.
Walid fühlte sich einsam. Wer ein Ziel vor Augen hat, welches er nur mit Hilfe von Anderen erreichen kann und er findet diese anderen nicht, der ist wahrhaftig allein gelassen.
Sein Tee war längst erkaltet, schmeckte nicht mehr. Walid stürzte den Rest trotzdem hinunter, stand auf, legte drei einzelne Pfundnoten auf den Tisch und ging zur Talaad Harb zurück, ging ihr entlang und in Richtung Hauptbahnhof, ruhelos, getrieben von seiner Ohnmacht gegenüber seinem Schicksal.
»Dr. Gomaa? Dr. Walid Gomaa?«, wurde er plötzlich angerufen. Er blieb stehen und drehte sich um, erkannte Halim Hamal, einen seiner Assistenzärzte am Kasr El Aini Hospital.
»Ah, Halim, was treibt Sie denn hierher?«
Walid wusste, dass Dr. Hamal als koptischer Christ nicht nur in Misr Al Quadima wohnte, sondern nur selten und eher ungern in seiner Freizeit in die rein muslimischen Stadtteile ging, nach allem, was in den letzten Monaten in Kairo alles zwischen den Religionsgruppen vorgefallen war. Gut möglich, dass Hamal auch etwas feige war. Zumindest schien er übervorsichtig, der junge Familienvater. Walid schätzte ihn als Arzt trotzdem hoch ein, besaß Halim doch die ruhigen, abgeklärten und klar operierenden Hände, die Walid schon vor ein paar Jahren verloren hatte.
»Ich besuche einen guten Bekannten. Er wohnt hier gleich um die Ecke. Und Sie?«
»Ach, ich schlendere nur so herum.«
Eine unglückliche Pause entstand, zwei, drei Sekunden des Schweigens, der Suche nach einem weiteren Gesprächsthema, einem Anknüpfungspunkt. Walid wurde in diesem Moment bewusst, wie wenig ihn doch mit Dr. Hamal verband, ja, dass er im Grunde genommen gar nichts über seinen Kollegen wusste, seine Interessen außerhalb der Arbeit nicht kannte. Sie waren sich aufgrund der Hierarchie viel zu fern, um über ihre Familien oder gar über private Sorgen zu sprechen, hatten außerhalb der Klinik auch keine gemeinsamen Bekannten, keine Themen.
»Der kleinen Biasa auf Station zwölf geht es wieder besser. Sie erholt sich gut von der Chemo.«
Wie schal und unwirklich diese Worte doch klangen, hier, auf dem Gehsteig der Talaad Harb, inmitten von Passanten und dem Lärmen des Verkehrs.
»Ja, sie macht sich.«
Die Antwort von Dr. Hamal ließ das Thema auch schon wieder fallen, doch dafür räusperte er sich nun laut und vernehmlich.
»Dr. Gomaa, ich weiß, wir sind keine wirklich guten Bekannten oder gar Freunde. Doch bitte gestatten Sie mir trotzdem eine Frage. Bedrückt Sie etwas? Sie sehen so verstört aus, so betroffen. Ist mit Ihrer Familie alles in Ordnung?«
Walid war überrascht. Sah man ihm seinen Kummer so offensichtlich an? Konnte Dr. Hamal so klar in seinen Gedanken lesen? Der besorgte Gesichtsausdruck seines Kollegen ließ jedenfalls auf eine starke Anteilnahme schließen.
»Nur ein paar Probleme mit einer meiner Töchter«, wiegelte er ab. Die Entwicklung dieses Gesprächs begann ihn zu stören.
»Bestimmt mit Malika, stimmt’s?«, bohrte Dr. Hamal unangenehmen nach, »es sind immer die Jüngsten, die am Meisten zu schaffen machen.«
Walid brauste innerlich vor Zorn auf, blieb äußerlich jedoch noch ruhig.
Was nahm sich dieser Dr. Hamal ihm und seiner Familie gegenüber heraus? Er war ein Kollege, gut. Er schien um ihn besorgt zu sein, in Ordnung. Doch es gehörte sich nicht, ungefragt in Angelegenheiten der Familie herumzustochern. Selbst nicht für einen dummen Christen.
Und doch, die Augen von Dr. Hamal schienen Walid plötzlich viel zu blank, zu ausdruckslos. Sein Gesicht zeigte zwar Anteilnahme, seine Augen jedoch eher ein Lauern. War Dr. Hamal womöglich ein Karriereteufel, der auf seinen Posten in der Klinik aus war? Suchte er nach einer Schwäche bei seinem Vorgesetzten? Das war kaum möglich. Als koptischer Christ hatte er keinerlei Chancen, jemals über den Status eines Assistenzarztes hinaus zu gelangen. Nicht hier in Ägypten. Warum aber dann dieses Lauern in seinem Blick? War Dr. Hamal bloß ein Arschloch, das sich an der Not anderer Leute ergötzte?
Walid war verwirrt. Vielleicht entschlüpften ihm deshalb die bestätigenden Worte: »Ja, Malika macht mir ein paar Sorgen« und rasch fügte er hinzu, »Mädchen in ihrem Alter sind nun mal schwierig.«
Dr. Hamal nickte bestätigend. Doch Walid wusste, dass der junge Arzt keine Töchter im Alter von Malika hatte und auch keine jüngeren Schwestern, er also über keinerlei Erfahrung in diesem Punkt verfügen konnte. Also doch bloß ein Arschloch , dachte sich Walid.
»Ich muss weiter«, meinte er plötzlich schroff zu seinem Untergebenen und stellte damit wieder den Abstand zwischen ihnen, der die Hierarchie im Krankenhaus vorgab. Mit großer Genugtuung registrierte Walid den Unmut beim Assistenzarzt.
»Wenn ich noch etwas für Sie tun kann?«, drang der freche Kerl trotzdem noch einmal auf ihn ein.
»Sehr freundlich, aber nein«, beendete Walid ihr Gespräch endgültig, »wir sehen uns wohl Morgen in der Klinik?«
Und damit ließ er Dr. Arschloch, wie er ihn von nun an stets still nennen würde, auf dem Gehsteig stehen und verließ ihn mit Raum greifenden Schritten.
*
Man konnte die Lederers keine durchschnittliche Schweizer Familie nennen. Jules hatte nach seinem Wirtschaftsstudium in St. Gallen einige Jahre für eine große Anwaltskanzlei in Zürich gearbeitet. Zu Anfang unterstützte er die internationale Klientel in komplexen Steuerfragen, später begann er, für sie heikle und zunehmend gefährliche Operationen auszuführen. Er entwickelte sich zu einem gefragten Problemlöser, der intelligent, aber auch handgreiflich die Interessen seiner Klienten durchzusetzen verstand. Irgendwann wurde ihm sein Umfeld dann zu eng und er machte sich selbständig.
Jules Lederer hatte sich in diesen Jahren ein großes Beziehungsnetz aufgebaut, das ihn bei neuen Aufträgen auch unterstützte.
Vor einigen Jahren geriet er in ein mörderisches Abenteuer, lernte auf einem Erdöltanker Chufu kennen, den damals fünfzehnjährigen, philippinischen Waisenjungen. Er verliebte sich wenig später in Alabima, eine Oromo aus Äthiopien. Die beiden heirateten und adoptierten Chufu. Und nur ein Jahr später wurde ihre bislang einzige Tochter Alina geboren, die mittlerweile ihren fünften Geburtstag gefeiert hatte und alle Anzeichen einer Altklugen zeigte.
Sein letzter Auftrag hatte nicht nur Jules, sondern seine gesamte Familie in einen Strudel von Gewalt gerissen. Darum musste Jules seiner Alabima versprechen, in Zukunft kürzer zu treten und keine gefährlichen Fälle mehr zu übernehmen. Geld hatte er längst mehr als genug verdient und sie konnten völlig sorgenfrei leben, in ihrer Villa am Lac Léman im malerisch gelegenen Dorf La Tour-de-Peilz.
Chufu war seit fast zwei Jahren an der Universidade Federal do Rio de Janeiro und studierte dort Psychologie. Die Familie seiner Freundin Mei Ling stammte aus China, hatte sich in Brasilien eine neue Existenz in der Gastronomie aufgebaut. Auch Mei studierte am Institudo de Psicologia der UFJR. Das philippinisch-chinesische Pärchen harmonierte ausgezeichnet, stand sich seit vielen Monaten sehr nahe. Und selbst wenn eine eher pummelige Chinesin so gar nicht ins Bild der Mädchen aus Brasilien passen wollte, für Chufu war sie die einzig Richtige, da war er überzeugt. Und so sprach der ehemalige Waisenjunge mit großem Stolz von seiner Familie, die weniger einem Patchwork entsprach als vielmehr einem weltweiten ausgebreiteten Flickenteppich, wie er anderen oft lachend erklärte.
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