1 ...7 8 9 11 12 13 ...19 Leise ging die Türe zum Flur auf. Sana Gomaa kam mit einem Tablett herein, darauf vier Gläser mit dampfendem Tee. Die Mutter von Malika hatte wohl an der Tür der Entwicklung des Gesprächs gelauscht und war nach der dritten Einladung und ihrer Zustimmung sogleich in die Küche geeilt, wo das Wasser im Kessel schon lange am Kochen war und die Teegläser bereitstanden. Die beiden Asiaten hatten sich vom Sofa erhoben und Mei Ling gab der Frau die Hand, drückte sie sanft, während Chufu ihr zunickte und ein »sehr erfreut, Sie kennen zu lernen, Misses Gomaa«, mehr flüsterte als sprach.
Sana setzte sich neben ihren Mann, verteilte dann die Gläser. Walid begann zu sprechen, erzählte von der Ankunft seiner Tochter vor drei Wochen, wie sie voller Begeisterung zu den Versammlungen auf dem Tahrir-Platz gegangen war, wie sie nächtelang fortblieb, die Tage zu Hause verschlief oder Pamphlete verfasste, Twitter und Facebook-Beiträge schrieb, zu einer Speerspitze der Revolution werden wollte. Viele seiner Sätze quittierte Mei Ling mit staunenden Augen, denn sie hatte Malika eher als eine unpolitische Frau gesehen, die sich voll auf ihr Psychologiestudium konzentrierte, die zwar gerne mit ihr ins Kino oder zum Essen ging, sich jedoch von den Partys weitgehend fernhielt, so dass sie an der Uni längst als Spaßbremse und weiblicher Moralapostel galt.
Dass ihre scheinende Zurückhaltung auf eine unpolitische, islamisch geprägte Kindheit und Jugend beruhte, war für Mei Ling immer klar gewesen. Darum hätte sie ihrer ägyptischen Freundin diesen Wandel gar nicht zugetraut. Die Freiheitsbewegung in Kairo musste ihr einen neuen Lebenssinn eingepflanzt haben, vielleicht den einzigen, der für Malika derzeit noch zählte.
Walid Gomaa schilderte auch den letzten Streit mit seiner Tochter, wie sie am späteren Nachmittag desselben Tages das Haus verließ. Da Malika bei ihren Eltern weiterhin ein Zimmer mit genügend Kleidern, Wäsche und Toilettenartikeln zur Verfügung stand, brachte sie bei ihren Besuchen jeweils nur wenige persönliche Dinge mit, konnte mit Handgepäck reisen. In ihrer Tasche trug sie neben Handy und Brieftasche auch ihren Pass ständig mit sich. Aus diesem Grund kamen die Eheleute Gomaa auch auf die Idee, ihre Tochter könnte aus lauter Zorn über den Vater ohne Verabschiedung wieder nach Rio zurückgeflogen sein.
Sie gingen zu viert all die möglichen Schwierigkeiten und Situationen durch, in welche Malika geraten sein konnte. Vielleicht war sie bei einer Demo verletzt worden, lag nun als Namenlose in einem der vielen Spitäler der Stadt oder auch bei Freunden und Bekannten. Die Geheimpolizei konnte sie gefangen halten. Vielleicht musste sie sich auch vor den Schergen der Staatsmacht verbergen, vor all den Denunzianten, die so viele Jahrzehnte recht gut und auf Kosten von politisch engagierten Menschen gelebt hatten? Vielleicht kehrte sie nicht zurück, um ihre Familie nicht zu gefährden? Nach ihrem letzten Streit mit dem Vater wusste sie, dass sie von ihm keine Unterstützung zu erwarten hatte. Der Gang in den Untergrund konnte ihre Antwort darauf sein. Nicht zuletzt mussten sie auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Malika einem gewöhnlichen Verbrechen zum Opfer gefallen war. Denn in turbulenten Zeiten suchen Gewalttäter stets die Nähe zum Geschehen, erhoffen sich genügend Ablenkung, um ihre Verbrechen ungestört zu begehen.
Es gab um das Ausbleiben von Malika viel mehr Möglichkeiten, als einer bangen Mutter oder einem besorgten Vater lieb sein konnte. Walid und Sana sprachen an diesem Nachmittag das erste Mal auch offen miteinander über alle möglichen Ursachen für das Verschwinden ihrer Tochter. Sie hatten sich bislang auf die Verhaftung durch den Geheimdienst versteift, wollten vielleicht dadurch ganz bewusst andere Möglichkeiten ausblenden. Doch nun kamen sie nach und nach offen auf den Tisch und während Walid immer wieder hart Schlucken musste, brachen Sana und Mei immer wieder in Tränen aus.
Später würde sich Walid Gomaa fragen, warum er den beiden asiatischen Studenten aus Rio de Janeiro so offen gegenübergetreten war, warum er ihnen sein Herz geöffnet hatte und ihnen vertraute. Lag es an ihrem Psychologiestudium, das sie auf heikle Lebenssituationen vorbereitete? Waren sie einfach fantastische Zuhörer, an die sich jeder bangende und verunsicherte Mensch gerne wandte? Er wurde sich nicht schlüssig über die Gründe. Doch er war sich selbst gegenüber ehrlich genug, einzugestehen, wie gut ihm das Gespräch mit Mei und Chufu getan hatte.
Gegen Abend trafen die anderen Geschwister von Malika ein. Man begrüßte sich mit Respekt, fasste für jeden Neuankömmling zusammen, was man gemeinsam erörtert hatte. Auch ihre Brüder und die Schwestern hatten sich wo immer ihnen möglich um Aufklärung bemüht. Leider ohne jeden Erfolg oder Spur. Walid erzählte Chufu und Mei auch von diesem Armeeangehörigen, dem Oberstleutnant Amjad Labib Nepherte von der Wüstenbrigade zwölf beim Wadi Bashrein. Chufu schrieb sich den Namen und den Ort auf, erkundigte sich dann, wie man dorthin gelangen konnte. Doch Walid schüttelte den Kopf.
»Nur mit einer Sondergenehmigung kann man sich derzeit der Grenze zu Libyen nähern. Wer nicht über den notwendigen Passierschein verfügt, wird bereits Hunderte von Kilometern vorher abgefangen und zurückgeschickt. Man könnte vielleicht von der libyschen Seite her zum Wadi Bashrein vordringen, würde jedoch mit großer Bestimmtheit an der Grenze entdeckt und verhaftet werden. Und als Gefangener hätte man sicherlich kaum eine Chance, den Oberstleutnant sprechen zu können.«
Chufu stimmte ihm zu, fragte nach anderen Bekannten im ägyptischen Militär. Walid winkte ab: »Die Armee wird in winzigen Abteilungen geführt, die kaum Kontakt zueinander halten. So schützte sich bereits Sadat vor einem neuerlichen Aufstand durch das Militär und Mubarak übernahm die Organisation, verfeinerte sie sogar noch. Die oberste Spitze der Armee sitzt wie eine Spinne in einem Geflecht von Truppen und Trüppchen, die sich gegenseitig beaufsichtigen und sich so jeder Möglichkeit berauben, eigenständig zu Denken oder gar zu Handeln.«
Erst tief in der Nacht verabschiedeten sich Mei und Chufu von Familie Gomaa. Zurück blieb ihr Versprechen, in den nächsten Tagen in Kairo zu bleiben, sich umzusehen und auf eigene Faust nach neuen Informationen zu suchen. Sie ließen bedrückte Menschen mit wenig Hoffnung zurück.
*
Vier ältere Männer saßen in einem der Hinterzimmer der Synagoge zusammen. Alle trugen sie die schwarzen Anzüge, die weißen Hemden, die langen Bärte und Zöpfe orthodoxer Juden. Rabbi Eli Ellstone schnäuzte laut in sein Stofftaschentuch, stopfte es nach dem Abwischen der Nase umständlich in die Jackentasche. Moshe Zuckerberg wartete ungeduldig darauf, wieder die volle Aufmerksamkeit aller Anwesenden zurück zu erhalten. Er war ein angesehener Kaufmann im Givat Ram Quartier, handelte mit Kunststoffprodukten, von der Gießkanne bis zum Swimmingpool. Seit einem Jahr führte sein Schwiegersohn Danijel das Geschäft zur Hauptsache und Moshe konnte sich seiner zweiten Leidenschaft, der Politik, vermehrt widmen.
»Also, Natan, wie vertrauenswürdig ist denn dieser Kontakt?«
Der Angesprochene Natan Singer, Professor für Quantenphysik an der nahen Hebräischen Universität von Jerusalem, räusperte sich.
»Meiner Meinung nach ist er recht zuverlässig und gleichzeitig auch leicht zu manipulieren.«
»Aber so viel Geld?«, warf der Vierte am Tisch ein. Doron Moskovitz war mit Mitte Fünfzig der Jüngste von ihnen. Er hatte sich aus kleinsten Anfängen hochgearbeitet, besaß heute ein halbes Dutzend Lebensmittelläden in und um Jerusalem mit über hundert Angestellten. Diesen Aufstieg hatte er nicht nur seiner Geschäftstüchtigkeit zu verdanken. Genauso wichtig war das große Beziehungsnetz, das er sich über die letzten zwanzig Jahre verschaffen konnte, mehrheitlich durch Anbiederung bei den unterschiedlichsten orthodoxen Gesellschaften und Gruppen. Nur aus diesem Grund war er mehr zufällig als gewollt in diese Runde von Entschlossenen geraten. Ihre radikalen Reden hatte er zu Anfang als einen weiteren Sturm im Wasserglas abgetan, wie er ihn schon oft gehört hatte. Doch mittlerweile war er von der Gefährlichkeit und der Unberechenbarkeit der anderen drei Männer überzeugt. Doch für einen Rückzug steckte er längst viel zu tief in der Sache drin. Und so war er in den letzten Wochen immer mehr zum Mahner und Zauderer geworden, zum Bremsklotz ihrer gerechten Sache.
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