»Nein, nein, keine Angst, Labi«, meldete der sich beruhigend, »ich habe Henry selbstverständlich gebeten, ihm vorerst nichts zu erzählen. Wenn alles gut läuft, wird Jules auch nie etwas davon erfahren.«
Alabima blieb skeptisch, bat wie zuvor um einen Anruf am nächsten Morgen und unterbrach die Verbindung. Nachdenklich ging sie in den Garten, zog sich im Häuschen neben dem Pool die Gummistiefel an, packte die Daunenjacke vom Haken und einen Spaten von der Wand und machte sich daran, eines der im Winter brach liegenden Blumenbeete umzugraben. Im letzten Herbst hatte sie darin Engerlinge entdeckt. Die wollte sie nun mit Hilfe der Januarkälte auf natürliche Weise bekämpfen. Heute war der richtige Tag dazu, knapp über null Grad, ausreichend kalt, um jede ungeschützte Larve zu töten, gleichzeitig warm genug, so dass die Erde dem Spaten keinen echten Widerstand entgegenbrachte. Nach einer guten Stunde war sie fertig, kehrte zufrieden ins Haus zurück und fing mit Kochen an. Pünktlich um halb eins rief sie Jules aus seinem Büro zum Essen.
»Und wie geht es Chufu?«, fragte der sie ganz direkt und nachdem er sich etwas umständlich an den Küchentisch gesetzt hatte.
Im ersten Moment erschrak Alabima zutiefst. Doch Jules Augen blickten ohne Argwohn und auch gar nicht spöttisch oder wissend.
»Du hast doch heute Morgen mit ihm geskypt, oder?«
Nun war Alabima doch alarmiert.
»Woher weißt du das?«, fragte sie ihn etwas unsicher zurück.
»Na, als ich mir um zehn Uhr aus der Küche was holte, hab ich im Flur doch gehört, dass du in deinem Büro sitzt und mit jemandem sprichst. Und um diese Uhrzeit tauscht ihr euch doch regelmäßig aus?«, fasste er seine Beobachtungen zusammen, »und? Geht es ihm und Mei gut? Haben sie das neue Semester erfolgreich gestartet?«
»Darüber haben wir gar nicht gesprochen«, meinte Alabima und blieb damit bei der Wahrheit. Sie wollte Jules um keinen Preis anlügen. Denn ein Betrug hatte nach ihrer Auffassung in ihrer Lebensgemeinschaft keinen Platz, selbst wenn man sich einreden konnte, er wäre nur zum Besten des anderen. Doch einem Menschen durch eine Lüge das Recht abzusprechen, selbst über sich und sein Empfinden oder sein Handeln zu entscheiden, war eine Art von Verachtung, die Alabima nicht kannte. Doch die Äthiopierin spürte die Gratwanderung, auf der sie sich befand.
»Du bist heute so schweigsam«, wurde sie nun sanft von ihm getadelt, »steckt der Junge oder Mei in Schwierigkeiten?«
Alabima schluckte.
»Nein, den beiden geht es gut.«
»Aber warum bist du dann so komisch? Irgendwas steckt doch dahinter?«
Alabima lächelte ihren Gatten etwas gequält an.
»Bloß eine Frauenangelegenheit.«
»Bei dir oder bei Mei?«, kam die erwartete Rückfrage.
»Bei Mei.«
»Etwas Ernstes? Müssen wir uns Sorgen machen?«
»Das ist noch nicht raus. Wir müssen noch abwarten.«
Jules schien sich mit ihren Antworten zufrieden zu geben, widmete sich dem Nudel-Auflauf mit den Erbsen und Karotten als Beilage. Alabima kochte gerne einfache Gerichte, so, wie sie in allen Gegenden der Schweiz gerne gegessen wurden. Die zuvor al dente gekochten Nudeln wurden in eine feuerfeste Schüssel gegeben und mit zwei aufgeschlagenen Hühnereiern durchtränkt. Dann kam noch eine dicke Schicht geriebener Käse darüber. Im Ofen bei 180° brauchte das Gericht zwanzig Minuten. Ein Teil des Rühreis war durch die Nudeln bis zum Boden der Schüssel getropft und dort zu einer hauchdünnen Schicht karamellisiert. Sie schmeckte leicht süßlich und bildete einen wunderbaren Kontrast zur würzigen Bergkäse-Schicht an der Oberfläche des Auflaufs. Die Nudeln dazwischen waren dank der Eier fest miteinander verbunden worden und stichfest. Man konnte Speckwürfel oder auch Schinkenstreifen zur Anreicherung hinzugeben. Doch Alabima und Jules waren sich darin einig, dass die Mischung aus gebackenem Käse, Rührei und der etwas angebrannten Eiweißkruste vollauf genügte, ja, dass jeder zusätzlich Geschmack das Gericht bloß gröber und damit gewöhnlicher machte.
Zum Auflauf hatte Alabima eine Kilobüchse Erbsen und Karotten aus einem Supermarkt heiß gemacht. Sie selbst mochte den Konservenduft nicht besonders. Doch Jules liebte ihn umso mehr, verband ihren Geschmack mit den glücklicheren Tagen seiner Kindheit, wie er ihr gegenüber mehr als einmal erwähnt hatte, damals noch, als er ab und zu im Pförtnerhaus des Anwesens seiner Eltern beim Verwalter-Ehepaar Amstutz gesessen war und mit ihnen zusammen zu Mittag essen durfte. Maria und Urs waren ihm damals mehr Vater und Mutter gewesen, als seine leiblichen Eltern und so hatte sich der damalige Geschmack bei ihm mit höchst positiven Gefühlen verbunden.
Im Radio lief irgendeine Sendung. Plätschernde Musikstücke wurden durch kurze, meist amüsante Kommentare des Sprechers unterbrochen. Jules und Alabima nahmen das Mittagessen mehrheitlich schweigend ein, sahen sich zwischendurch zwar immer wieder an, bedienten sich nach Bedarf aus den beiden Schüsseln, tranken Mineralwasser. Beide schienen ihren eigenen Gedanken nachzuhängen.
»Was hast du für Pläne für heute Nachmittag?«, fragte Alabima, nachdem Jules das Besteck schräg auf dem Teller abgelegt hatte.
»Ich weiß noch nicht. Vielleicht etwas Sport? Ich setz langsam Fett an.«
Und wie zur Bestätigung packte er mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand an seine Hüfte, klemmte dort die Haut unter dem Hemd zusammen und zog daran. Alabima sah wegen der Tischkante zwar nur den Oberarm, wusste jedoch sehr genau, dass Jules stark übertrieb, immer noch schlank war, mit schmaler Taille und breiten Schultern. Von einem Modellathleten unterschieden ihn seine sehr kräftigen Oberschenkel und der in den letzten Monaten dank einem ausgedehnten Kraft- und Ausdauertraining recht wuchtig gewordene Brustkorb. Der einst eher schmal und agil wirkende Jules war zu einem menschlichen Brocken mutiert. Seine Körpergröße von knapp eins achtzig milderte den Eindruck zwar und in einem gut geschnittenen Anzug sah Jules eher ein wenig verfettet als wirklich sportlich aus. Doch das war bei fast allen Kraftpaketen so, die sich auf dem Schenkeltrainer vierhundert Kilogramm auflegten und die Arm- und Schultermuskulatur mit dreißig Kilogramm schweren Hanteln formten.
Jules verschwand im Keller und Alabima räumte den Tisch ab, stellte das Geschirr in die Spülmaschine und schaltete sie ein, setzte sich danach mit einem Espresso ins Wohnzimmer auf die Couch, blättere in einer Modezeitschrift. In zwei Stunden würde sie Alina aus der Krippe abholen, vorher noch Einkaufen gehen. Plötzlich stand Jules unter der Türe. Sein T-Shirt und die Sporthose waren vom Schweiß durchtränkt, auf seiner Stirn, den Wangen und der Nase glänzten Tropfen und sein Haar klebte an seinem Kopf.
»Sag es mir«, verlangte er, »erzähl mir endlich, welche Probleme Chufu und Mei haben.«
Alabima erschrak über den wilden Blick ihres Ehegatten. Er schien innerlich äußerst aufgewühlt zu sein, fast schon in Panik oder voller Zorn.
»Stecken die verfluchten Amerikaner etwa dahinter?«, herrschte er sie an, als ihm ihr Zögern zu lange dauerte, »oder gar die Mexikaner?«
Alabima hob beschwörend ihre Hände.
»Ganz ruhig, Jules«, versuchte sie ihn zu beschwichtigen, erkannte gleichzeitig, dass ihn ihre Worte bloß weiter anstachelten und fügte darum rasch hinzu, »es ist wirklich nichts. Mach dir keine Sorgen.«
»Was verschweigt ihr vor mir? Ich bin doch nicht blöd? Irgendetwas ist im Busch. Red endlich, verdammt«, herrschte er seine Gattin an.
Alabima war zusammengezuckt, meinte dann in beschwörendem Tonfall: »Bitte reg dich nicht auf Jules. Es gibt nichts, was du wissen müsstest, keinerlei Gefahr. Nur du wirst immer nervöser, seit der Sache in Mexiko, siehst überall nur noch Feinde und Bedrohungen...«
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