»Hallo Chufu, hallo Mei, ich bin Henry«, brach er vom ersten Moment an das Eis zwischen ihnen und schüttelte dann ihre Hände, fuhr jedoch mahnend fort, »ich hab gesehen, dass du die ursprüngliche Version vom Musikstück wieder hochgespielt hast. Das war zwar gut gemeint, doch auch gefährlich. Immerhin hattest du das Lied einige Zeit lang auf deinem Laptop liegen. Damit hast du Spuren zu dir hinterlassen. Du hast es doch hoffentlich in der Zwischenzeit dort gelöscht und danach die Harddisk neu formatiert?«
Mit einer solchen Begrüßung hatten Chufu und Mei nicht gerechnet. Sie blickten sich etwas betreten und gleichzeitig ertappt an. Danach gestand der Philippine ein: »Ich muss wohl noch einiges lernen. Aber ich setz den Laptop neu auf, sobald wir zurück im Hotel sind, muss mir dazu jedoch erst noch neue Software besorgen, denn die CDs hab ich ja nicht dabei.«
Huxley lächelte nachsichtig und betrachtete sich die beiden jungen Asiaten wohlwollend.
»Na, immerhin wird Jules wahrscheinlich nicht wissen, wo wir uns in diesem Moment aufhalten. Das hoffe ich wenigstens.«
»Es wäre wohl doch ein großer und recht dummer Zufall, wenn mein Vater gerade in diesen wenigen Stunden das Musikstück kontrolliert hätte, denke ich. Soweit ich weiß, habt ihr es schon lange nicht mehr benutzt?«
Henry zog die beiden etwas zur Seite, um ungestörter mit ihnen reden zu können.
»Ach, weißt du, Chufu, du kennst Jules noch nicht wirklich. Dass er dir von mir und von dieser Möglichkeit der Kommunikation erzählt hat, mag viele Gründe haben, Zufall oder Nachlässigkeit war es jedoch kaum. Jules ist zu professionell, um nicht alle Umstand im Auge zu behalten.«
»Doch wenn er heute nachschauen geht, wird er doch nichts mehr finden?«, warf Mei fragend ein, »er wird nichts von unserem Treffen hier in Kairo erfahren, oder?«
Henry lächelte sie verständnisvoll an.
»Na, zum einen hat sich das Upload-Datum des Liedes verändert. Jules weiß also, dass daran manipuliert wurde. Und da er keinen neuen Text darin findet, wird er misstrauisch werden. Zudem weißt weder du noch ich, ob Jules in seinem Kompilierprogramm keine Routine eingebaut hat, die zum Beispiel automatisch eine Kopie jedes Songs irgendwohin im Internet zusätzlich ablegt.«
Chufu und Mei sahen betroffen drein und der junge Philippine meinte etwas kleinlaut: »Ich muss wohl wirklich noch viel lernen.«
»Geheimagent wird man nicht an einem Tag«, meinte Henry beschwichtigend, »doch wie gelangen wir vom Flughafen in die Stadt?«
»Wir haben uns mit einem privaten Fahrer angefreundet. Und im Hotel haben wir bereits ein Zimmer für dich reserviert, vorerst für die nächsten fünf Tage.«
»Und wie habt ihr euer Transportmittel gefunden?«
»Als wir hier ankamen, stürmten zwei Dutzend Taxifahrer auf uns los. Achmed stand etwas abseits und hielt sich zurück. Von Jules weiß ich, dass hier in Ägypten fast alles irgendwie organisiert ist, all die Taxifahrer also unter Umständen allesamt zu einer einzigen Zentrale gehören und bloß Angestellte sind. Da hab ich mir gedacht, ein unabhängiger Privater sei vielleicht die bessere Wahl für unseren Zweck. Er spricht auch gut Englisch.«
Henry lächelte breit, als er die Verteidigungsrede des Philippinen hörte.
»Na, dann werden wir dem guten Achmed mal auf den Zahn fühlen«, und fuhr versöhnlich und auch zweideutig fort, »dein Ansatz scheint mir jedenfalls recht viel versprechend zu sein.«
Achmed Nagarin fand Anklang beim Briten, beantwortete seine Fragen offen, direkt und ehrlich. Henry verlangte allerdings die Bestätigung seiner Angaben und so fuhren sie zuerst in das el-Muski Quartier und besuchten dort die Familie ihres Fahrers. Sie gehörte zu den vielen ärmeren Sippen in Kairo, die auf dem Dach eines Wohnhauses und in selbst gebauten Hütten lebten. Achmeds Mutter Samira und zwei seiner Schwestern waren anwesend. Die übrigen Mitglieder der fünfzehnköpfigen Familie gingen ihrer Arbeit nach oder machten Besorgungen.
Die Nagarins hatten sich Wellblechhütten gebaut und lebten seit vielen Jahren recht zufrieden mit ihren Nachbarn auf den Dächern der benachbarten Wohnhäuser zusammen. Die Duldung der zahlenden Mieter der Häuser verdienten sie sich durch verschiedene Dienstleistungen, wozu das Putzen der Treppenhäuser oder Botengänge gehörten. So wusch in einem muslimischen Land eine Hand die andere. Man ließ einander leben, solange man voneinander profitierte.
Henry war nach dem Besuch auf dem Dach recht angetan, wollte von Achmed aber noch wissen, wie er sein Fahrzeug finanziert hatte.
»Meine beiden älteren Brüder konnten studieren. Damals lebte Vater noch«, meinte der junge Ägypter und wunderte sich insgeheim immer noch über die Neugierde dieses Fremden aus Europa, »sie haben für mich die Anzahlung beim Händler geleistet und ich verdiene als Fahrer genug, um ihn über ein paar Jahre hinweg abstottern zu können.«
»Du warst beim Militär«, fragte Henry weiter.
»Ja, wie jeder einigermaßen gesunde Mann. Die üblichen drei Jahre.«
»Du wolltest dort nicht bleiben? Karriere machen?«
Achmed schüttelte den Kopf.
»Um keinen Preis. Als Mitglied einer armen und unbedeutenden Familie von Dachbewohnern hätte ich als Offiziersanwärter ganz unten durchgemusst. Auf die jahrelangen Demütigungen durch die höheren Ränge wollte ich gerne verzichten. In der ägyptischen Armee braucht man gute Beziehungen, um wirklich Karriere zu machen. Das haben Assad und Mubarak zu ihrer eigenen Sicherheit so eingeführt. Familienbanden zählen mehr als echte Leistungen und gar Können und Wissen.«
»Du scheinst ein wenig verbittert zu sein?«
Henry deutete die Worte des jungen Ägypters richtig.
»Mein Kommandant hätte mich gerne behalten und wollte mich auch fördern. Doch er selbst brauchte mehr als zwanzig Jahre, um gerade mal Oberst zu werden, weil auch er damals keine Unterstützung erhielt. Das wäre wohl auch mein Weg gewesen. Bücklinge vor irgendwelchen unfähigen Idioten machen, um von ihnen als Fußabtreter geduldet zu werden.«
»Dann nimmst du aktiv an der Revolution gegen das Regime teil?«
Achmed verstummte, presste seine Lippen ablehnend zusammen. Mei und Chufu dagegen bewunderten die Verhörtechnik des Briten. Mit wenigen Fragen, beinahe beiläufig, hatte er ihren Fahrer zu einem für sie möglicherweise äußerst wichtigen Punkt gelenkt. Eine ganze Weile lang dachte Achmed angestrengt über seine Antwort nach, starrte dabei stur durch die Windschutzscheibe, vermied jeden Blickkontakt mit Henry, der neben ihm saß und weiterhin stumm abwartete.
»Muss ich darauf antworten?«
Die Stimme des Ägypters klang gepresst, fast schon ängstlich.
»Nein, natürlich nicht«, beschwichtigte ihn Henry sogleich und fügte versöhnlich an, »ich wollte nur herausfinden, wie naiv oder wie misstrauisch du bist. Es ist gut.«
Achmed machte sich nun doch zunehmende Sorgen. Was hatte dieser Engländer bloß vor? Was sollte die Fragerei nach seinen Wünschen und seiner politischen Gesinnung? In was für eine Geschichte war der Kerl und die beiden sympathischen Asiaten hier in Kairo eigentlich verwickelt, dass der Kerl ihn so verhörte und seine Familie kennenlernen wollte? Sollte er in irgendetwas Illegales hineingezogen werden? Achmed wurde noch nicht schlau aus dem Mann aus Europa, wollte aber auf der Hut bleiben.
»Wir sollten am besten miteinander etwas trinken gehen, offen miteinander reden und uns besser kennenlernen«, meinte nun Henry jovial und beinahe aufgekratzt, »fahr uns doch zu einem netten Lokal, in dem wir uns ungestört unterhalten können.«
»Ich will in nichts Gefährliches oder gar Illegales hineingezogen werden«, hatte sich Achmed entschieden, sprach die Worte hastig und mit einem Seitenblick auf den Briten. Henry begann zu schmunzeln: »Keine Sorge, mein Junge, wir gehören zu den Guten.«
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