1 ...6 7 8 10 11 12 ...25 »Wie meinst du das?«, fragte ich zurück.
»Das war ein Spruch von Karl Valentin, ein Deutscher Satiriker aus München. Er war im 20. Jahrhundert berühmt.«
»Und was hat er damit gemeint?«
»Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er kann auch erkennen, dass A falsch war.«
»Ja, das hab ich gehört. Doch was soll es bedeuten? Auf was bezog er sich?«
Karl zuckte mit den Schultern, wobei er mir meine rechte Brust etwas quetschte und ich ihn deshalb von mir stieß.
»Ich denke, er meinte alles damit, das ganze Leben.«
»Und du beziehst den Spruch auf…?«
Wahrscheinlich klang meine Stimme aggressiv. Oder auch nur warnend. Jedenfalls stemmte sich Karl leicht erschrocken von der Matratze hoch und sah mir ins Gesicht, schien darin nach der richtigen Antwort zu suchen.
»Nun, ich meine unsere Aktion. Bei der E-Braun in Bochum.«
»Und was genau meinst du damit…?«
Mein Tonfall blieb wohl erschreckend hart, denn Karl zuckte zusammen und wirkte irritiert.
»Ich finde die ganze Idee einfach blöd«, platzte es dann doch aus ihm heraus.
»Hast du Schiss?«, versuchte ich ihn anzustacheln. Doch er blieb ernst.
»Nein, Alina, sei doch nicht gleich eingeschnappt.«
»Eingeschnappt?«, warf ich ihm an den Kopf, »eingeschnappt? Da planen wir zu viert seit zwei Wochen die Aktion und nun kommst du mir mit so was?«
»Ich mein doch nur…«, versuchte er mich zu beruhigen, erzielte die gegenteilige Wirkung, denn nun war ich wirklich auf hundertachtzig und warf mich auf ihn, packte seine Handgelenke und zwang ihn auf den Rücken, setzte mich auf seine Hühnerbrust, sah ihn wohl wie eine Furie von oben herab ins Gesicht.
»Hör zu, du Memme, wenn du glaubst, ich akzeptiere einen Rückzieher von dir, dann…«
»Nein, nein«, wehrte er sogleich ab, der verdammte Feigling, das Muttersöhnchen, der verwöhnte Bengel aus reichem Haus, »doch eure Pläne führen in die Katastrophe. Man wird uns anklagen, verurteilen, vielleicht sogar ins Gefängnis werfen.«
Seine Bedenken ernüchterten mich, ließen meinen Zorn in wenigen Sekunden verrauchen, füllten mich stattdessen mit Abscheu. Ich stieg, nackt wie ich war, von seiner Brust und stand auf, holte mir frische Unterwäsche aus der Kommode, begann mich anzuziehen. Karl hatte sich bequem auf die Seite gelegt, stützte seinen Kopf mit der einen Hand, sah mir zu.
»Überleg doch mal, Alina. Wenn wir den Absperrzaun durchschneiden und auf das Gelände vordringen, begehen wir Sachbeschädigung und Landfriedensbruch. Aufgrund der neuen Terrorgesetze können sie uns sogar als eine nationale Gefahr einstufen und uns für Jahre hinter Gitter stecken.«
»Wenn du zu feige dazu bist?«, gab ich ihm bloß bissig zurück, schlüpfte in den Mini-Rock von gestern, zog dann meinen cremefarbenen, seidig-weichen Pullover aus Kaschmirwolle über.
»Ich hab keine Angst«, behauptete Karl, doch seine Stimme verriet mir das Gegenteil, »aber es ist sinnlos, sein Leben, seine Zukunft, für so eine Hauruck-Übung aufs Spiel zu setzen.«
»Du hast mit deinen Eltern gesprochen?«
Das war weniger eine Frage als vielmehr eine Feststellung. Seit Monaten hatte ich Karl dahingehend bearbeitet, dass er sich endlich von seiner Mutter und vor allem seinem Vater löste und sich ihrem Einfluss entzog. Aus irgendeinem Grund war ich wohl gescheitert. Entweder war Karl nicht radikal genug oder er war ein derartiger Schwächling, dass er sich für nichts und niemanden entscheiden konnte. Oder aber?
Bei diesem Gedanken stockte mein Atem und ich betrachtete den schlaksigen Kerl auf meinem Bett genauer, studierte sein Gesicht, registrierte jedes Zucken seiner Muskeln. Und da sah ich es tatsächlich, die Hinterlist, die Niedertracht, seine Falschheit, noch bevor er mir antwortete.
»So gut fickst du nicht, als dass ich dafür meine Karriere wegwerfe.«
Ich antwortete eine ganze Zeit nicht, stand nur da, sah auf ihn herab, sah sein Grinsen, seine Überheblichkeit, seine so plötzliche Sicherheit. Bestimmt hatte ihm sein Vater ins Gewissen geredet, von Familientradition und Verantwortung gesprochen, die Vorteile eines Lebens im Wohlstand geschildert, die Süße der Macht über andere Menschen, die man als Unternehmer täglich spürte. Und das niederträchtige Schwein war darauf hereingefallen und würde uns nun verraten, wenn er es nicht schon getan hatte. Ich überlegte fieberhaft. Denn unsere Pläne waren weit gediehen, sollten bereits in wenigen Tagen umgesetzt werden, am 1. Mai, wenn die Polizeikräfte durch Kundgebungen der Arbeiterschaft und ihren oft gewalttätigen Märschen beschäftigt waren und auch die Sicherheitstruppe im Kraftwerk reduzierten Dienst versah.
»Mit wem hast du gesprochen?«
Ich war kühl, ja derart ernüchtert, dass es mich innerlich fror. Und gespannt wartete ich auf seine Antwort.
»Mit niemandem«, log er mich an. Ich sah es in seinem Gesicht.
»Erzähl keinen Scheiß, Mistkerl.«
Mein Gesichtsausdruck musste ihn erneut erschreckt haben, denn er rappelte sich eilig von der Matratze hoch, suchte seine Unterhose neben dem Bett. Ich stürzte mich auf ihn, versetzte ihm einen gewaltigen Kinnhaken, der ihn besinnungslos aufs Bett zurückwarf. Meine Fingerknöchel waren aufgeplatzt und die ganze Hand tat mir weh. Doch ich achtete nicht darauf, setzte mich erneut auf seine Brust, klemmte seine Oberarme mit meinen Unterschenkeln fest, schlug ihm mit der offene Handfläche ins Gesicht, bis er aufwachte.
»Du sagst mir jetzt sofort, wann und mit wem du über unsere Pläne gesprochen hast, verdammt«, fuhr ich ihn an, als seine Augen nicht mehr glasig blickten.
»Fahr zu Hölle.«
Soviel Standhaftigkeit hätte ich dem Kerl gar nicht zugetraut. Wie hatte er mich bloß derart täuschen können? Über eine so lange Zeit? Immerhin mehrere Monate. Egal. Ich knallte ihm meine Faust gegen seine Nase, quetschte sie derart, dass sogleich Blut herausschoss.
»Schpinscht duu«, nuschelte er voller Schmerzen, wollte sich unter mir frei strampeln, warf seinen Kopf hin und her, erreichte nichts.
»Wann und mit wem?«
Ich blieb unerbittlich, hob erneut drohend meine kleine Faust und Karl zerbrach.
Ja, er hatte alles seinen Eltern gebeichtet, nachdem ihm bewusst geworden war, dass das alles kein Spiel mehr sein sollte, sondern dass es ernst galt. Der Feigling hatte bei seinem Vater um Rat gefragt und der hatte ihn mit einem Staatsanwalt zusammengebracht, dem Karl alle unsere Pläne verriet. Während er wimmernd unter mir lag und gestand, durchfuhr es mich zuerst heiß und dann eiskalt. Und ich freute mich ein erstes Mal in meinem Leben über die arg strenge Schulung und das intensive Training meines Vaters. Denn der hatte mir zumindest eines schon als Jugendliche beigebracht, nämlich in gefährlichen Situationen die Ruhe zu bewahren. Drei drängende Fragen beschäftigten mich. Welche schriftlichen Aufzeichnungen gab es über unsere Pläne? Wo befanden sich diese Unterlagen? Konnten Sabine und Gonzales einem Verhör durch Polizei und Staatsanwaltschaft standhalten?
»Bleib liegen«, befahl ich Karl und erhob mich vom Bett, suchte mein Handy, rief erst Sabine und danach Gonzales an, schilderten ihnen den Verrat und die möglichen Konsequenzen. Beide versicherten mir völlige Loyalität und Verschwiegenheit, versprachen auch, sofort alles Schriftliche zu beseitigen.
»Im Spülbecken verbrennen und die Asche mit viel Wasser runterspülen«, riet ich den beiden und unterbrach danach die Verbindung.
Karl lag immer noch genauso auf dem Bett, wie ich ihn verlassen hatte. Der Schlappschwanz war mir körperlich derart unterlegen, dass er sich nun wieder wie ein Welpe gab, der doch Schutz verdiente, der feige Schweinehund.
Sollte ich ihn nun aus meiner Wohnung werfen? Oder ihn besser gefangen setzen? Fesseln und knebeln? Doch zu welchem Zweck?
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