Ihre Scheinheiligkeit gegenüber dem Monsignore erschien der jungen Alawitin als eine geringe Verfehlung, gemessen an all den Demütigungen, die sie immer noch täglich als Muslimin empfand, wenn sie mit Fadoua im Kinderwagen der nahen Oxford Street entlang spazierte oder durch Covent Garden schlenderte. Sex, Sex, Sex, schrie es von überall her auf sie ein, zeigte sich sogar in den Gesichtern der Passanten. Es schien nichts Wichtigeres im heutigen London zu geben, nichts Anderes zu gelten. Aus den Schaufenstern und von den Plakatwänden herunter lächelten leicht bekleidete Models, so als bestünde das Leben nur aus lauter Spaß und sexuellen Ausschweifungen. Junge Frauen zogen sich wie Huren an, boten sich den Blicken der Männer wie eine käufliche Ware an, staksten auf hochhackigen Schuhen, Miniröcken und knappen Blusen oder Shirts über die Gehsteige, freuten sich sogar über die lästerlichen Pfiffe oder zotigen Sprüche der männlichen Fleischbeschauer.
An einem Freitagabend ging Holly Peterson mit der jungen, muslimischen Mutter aus, wollte mit ihr eine der angesagten Diskotheken der Stadt besuchen. Zuvor hatte sich die Syrierin in einer Boutique mit dem entsprechenden Outfit ausstatten lassen müssen, mit engen, weißen Jeans und einer Bluse mit Ausschnitt, dazu passenden Sandalen, die ihren schlanken Fuß so wunderbar betonten, wie die Boutique-Betreiberin ihr weismachen wollte, während sich die junge Alawitin vor dem Spiegel stehend innerlich für ihr durchaus hübsches Aussehen vor Allah schämte.
Bevor die beiden jedoch am späteren Abend das Appartement verließen, musste sich Sheliza von Holly erst noch stark schminken lassen.
»Du musst wie achtzehn oder älter aussehen, sonst lassen sie uns gar nicht erst rein«, hatte die aparte Britin lächelnd gemeint und das Gesicht der jungen Muslimin anschließend um Jahre altern lassen. Als Henry Huxley die beiden wenig später verabschiedete, hatte der Engländer ein besonderes Funkeln in den Augen, aber nicht etwa ein amüsiertes, sondern eher ein angespanntes. Und er hatte Sheliza auffordernd und wohlwollend zugenickt. Denn der feinfühlige Brite wusste wohl nur zu gut, welch heftigen Kulturschock die 15-jährige Muslimin in dieser Nacht erleben würde.
Sie hatten sich noch gar nicht in die lange Schlange vor dem Tanzlokal eingereiht, als sie bereits die ersten Sprüche über sich ergehen lassen mussten, von wegen Dreier-mit-Mutter-und-Tochter und ähnlichen obszönen Einladungen, ausgesprochen von schmierigen, angetrunkenen Typen in knappen T-Shirts und hängenden Jeanshosen, oft Maurerdekolleté zeigend, wie Holly Peterson schmunzelnd Sheliza erklärte. Zum Glück wurden sie wenig später vom Türsteher entdeckt und zu sich nach vorne gewunken und auch gleich eingelassen. Holly sah aber auch entzückend aus, wie Sheliza selbst fand, trug eine enge, dunkelblaue Jeans, die ihre langen, schlanken Beine mit den schmalen Knöcheln hervorragend betonte, einen recht weiten, rosafarbenen Pullover, der mehr von ihren üppigen Brüsten erahnen als klar erkennen ließ. Die Engländerin trug nur mittelhohe Sandalen an ihren Füssen, weil sie nicht größer als die meisten der möglichen Tanzpartner sein wollte, wie sie der Muslimin erklärt hatte.
Als die Türe zum Kellerlokal aufschwang, wummerten Basstöne und schrillte Gitarrengeplärr wie ein Schwall hoch zu ihnen. Sheliza blieb unwillkürlich stehen, als wäre sie gegen eine Wand geprallt, musste von Holly mit sanftem Druck die schmutzige Betontreppe hinuntergeführt werden. Der Lärm schwoll weiter an, je tiefer sie gelangten, und Sheliza hielt sich längst ihre Ohren zu, worauf Holly in ihrer winzigen Umhängetasche kramte und zwei Pfropfen herauszog, ihrer Pflegetochter irgendetwas zuschrie und danach die gummiartigen Stöpsel in deren Gehörgänge stopfte. Dankbar nickte Sheliza der Britin zu, denn der Lärm in ihrem Kopf war endlich auf Zimmerlautstärke verringert.
Unten mussten sie an einem winzigen, aus ein paar Brettern gezimmerten Tickethäuschen zwei Eintritte lösen, bekamen einen Stempel auf ihren linken Handrücken gedrückt und einen Getränkegutschein ausgehändigt, stürzten sich daraufhin in das Getümmel des erstaunlich großen Kellergewölbes, das mit seinen Nebenräumen bestimmt mehreren hundert Besuchern Platz bot und auf dessen Bühne drei Musiker ihre Instrumente malträtierten und in Mikrophone kreischten. Holly schrie Sheliza irgendetwas zu und deutete mit dem Zeigefinger in Richtung der langen Bar. Gemeinsam kämpften sie sich durch die Masse an Menschen. Die allermeisten Besucher waren Männer, nur ein Viertel von ihnen Frauen. Dementsprechend oft wurde Sheliza von Händen und Armen und Beinen gestreift, meistens absichtlich, nur manchmal versehentlich. Strahlende Gesichter schwangen sich vor ihre Augen, grinsten und lachten, versprühten ihren Scharm und den Willen zum Sex. Abstoßend, widerlich, geradezu unmenschlich. Beinahe sehnte sich die 15-jährige in diesem Moment zurück in den Bürgerkrieg nach Syrien und in eines der Gefängnisse der ISIS, wo man sie zumindest in Ruhe gelassen hatte, sie nicht berührte, sich ihr nicht aufdrängte, sie keinen Moment lang als Sexobjekt entwürdigte, sie nur mit dem Tode bedroht hatte.
Die junge Mutter riss sich jedoch zusammen, lächelte zurück, stieß den einen oder anderen mit der flachen Hand sanft aus dem Weg, zwängte sich zwischen anderen hindurch, gelangte endlich zur Bar und stellte sich neben Holly an die Theke. Die Britin bestellte für sie beide und wenig später wurden zwei große Kelchgläser vor sie hingestellt, gefüllt mit irgendwelchen farbenfrohen Flüssigkeiten, garniert mit einem Spieß, an dem ein paar Fetzen Früchte recht dekorativ hingen.
»Alkoholfrei«, glaubte Sheliza durch die Ohrpfropfen zu vernehmen und nickte dankbar, hob ihr Glas und prostete Holly zu, die ihrerseits mit einem strahlenden Lächeln und ein paar freundlichen Handbewegungen etwas mehr Platz für sie beide an der Bar schaffte. Zwei junge Männer in schwarzen Lederjacken erhoben sich wenig später von ihren Hockern und boten sie ihnen mit den Händen fuchtelnd an. Holly nickte dankbar und führte Sheliza hinüber und sie setzten sich. Die beiden Kerle bauten sich sogleich links und rechts von ihnen auf, als wären sie nun ihre persönliche Beute, begannen schreiend mit ihnen zu quatschen. Sheliza verstand kaum ein Wort, spürte nur den Atem des einen unangenehm auf ihrem Hals und auf der Wange, roch die säuerliche Bierfahne, konnte kaum von den gelben Zähnen wegsehen, bog sich immer weiter vom ständig Nachdrängenden weg, stieß unsanft mit Holly zusammen, die sie aufmunternd und forschend ansah, ihren Oberarm mit der Hand sanft umfasste und ihr »Toilette« ins Ohr schrie. Sie nickte dankbar und wie erlöst. Holly sagte etwas zum Kerl neben ihr, bahnte anschließend für sie beiden den Weg hinüber zum mit Washroom bezeichneten Ausgang. Der Flur dahinter machte einen Knick und verzweigte danach in zwei Räume für Männer und Frauen, deren Türen mit automatischen Schließern für einigermaßen Ruhe dahinter sorgten. Zwei junge Frauen standen vor einem der vier Waschbecken, kontrollierten ihr Make-Up, trugen beide weiße, halb-durchsichtige Blusen und darunter rote BHs, hatten schwarz und dick umrandete Augen und knallgrüne Lippen, sahen verbraucht aus wie vierzig, waren wohl doch eher erst zwanzig, blickten Holly und Sheliza zuerst abschätzend und dann neidisch an, als sie den Waschraum verließen.
Eine der Kabinen war noch besetzt und das Mädchen oder die Frau hinter der Blechtür kotzte sich gerade die Seele aus dem Leib, fluchte zwischen dem heftigen Aufstoßen immer wieder laut vernehmlich. Sheliza zog endlich die Stöpsel aus ihren Gehörgängen und verstand nun, dass der Ärger der Frau in der Kabine weit weniger mit ihrem Unwohlsein zusammenhing als vielmehr mit dem vielen guten Geld, das diese bislang in ihren Freitagabend-Rausch investiert hatte und das unwiederbringlich verloren war.
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