Die Stärke ihrer Partnerschaft beruhte auf der Verschiedenheit ihrer beiden Persönlichkeiten, deren Eigenschaften sich ideal ergänzten. Deshalb hatte ihre Lebensgemeinschaft bislang alle Tiefen, den Schmerz und das Leid überwinden können.
Jede gute Partnerschaft beruhte auf einer Gleichberechtigung. Diese erreichte man jedoch nur durch gegenseitige Wertschätzung. Waren sich die beiden Menschen in ihrem Wesen jedoch sehr ähnlich, standen sie in ständiger Konkurrenz zueinander. Aus einem Wettbewerb heraus ergab sich jedoch nie ein Gleichgewicht, kam es immer zu einem Sieger und einem Verlierer, was unweigerlich zu Spannungen in der Beziehung führte. So jedenfalls empfand Jules seit einiger Zeit, nachdem ihm diese Zusammenhänge richtig bewusstwurden. Computer-Dating-Plattformen mochten stets das Gleichartige und Verbindende zweier Menschen suchen. Doch der wahre Kitt in der Beziehung zweier Individuen bestand in den Unterschieden ihrer Persönlichkeit, handelte es sich um Liebe oder um Freundschaft. Gleichartige Vorlieben vermochten das Interesse am anderen zwar zu wecken und auch zwei Menschen kurzzeitig aneinanderbinden. Doch nur unterschiedliche, sich gleichzeitig ergänzende Wesenszüge führten zu langfristig stabilen und damit erfolgreichen Partnerschaften. Hatte man aber sein perfektes Gegenstück im Leben mit sehr viel Glück gefunden, so hielt man es selbst über turbulenteste Zeiten hinweg fest.
»Ich könnte bestimmt dafür sorgen, dass der Kerl seine Strafanzeige noch vor der Verhandlung zurückzieht«, bot der Schweizer seine Unterstützung an, ohne Näheres zu verraten. Aber Alabima wusste auch so, was Jules damit meinte.
»Lieber nicht. Denn ich habe in der Zwischenzeit erkennen müssen, dass uns die Staatsanwaltschaft überwachen lässt.«
»Immer noch?«
Der Schweizer schien weder überrascht, noch beunruhigt.
»Ja. Denn im Gegensatz zu dir wusste die Polizei von meinem Taekwondo-Training.«
Die Lederers waren den Behörden in der Vergangenheit schon mehr als einmal aufgefallen. Vor Jahresfrist sah sich Alabima sogar mit einer Anklage wegen Anstiftung zum Mord an ihrem früheren Liebhaber konfrontiert, saß mehrere Wochen in Untersuchungshaft, bis sich das Verfahren als Justizirrtum herausstellte. Deshalb wunderte sich Jules auch nicht über die weitergehende Beschattung durch den Staatsapparat, sondern nickte gleichgültig.
»Trotzdem könnte ein wenig Druck auf den Kerl nicht schaden?«
Alabima schüttelte nun jedoch sehr heftig und klar ablehnend den Kopf, blickte ihren Gatten zwingend an und sagte knapp, aber befehlend: »Nein, Jules!«
Er nickte zustimmend und gab nach. In einer knappen Viertelstunde musste er Alina von der Schule abholen, während Alabima das Mittagessen fertigkochen wollte. Es war ein fast normaler Dienstagvormittag bei den Lederers.
*
»Und wie wollt ihr mich bestrafen?«
Sheliza bin-Elik blickte ernst, aber auch auffordernd Henry Huxley und seine Lebenspartnerin Holly Peterson an. Die 15-jährige, syrische Alawitin hatte ihre Eltern verloren, floh vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat in die Türkei. Im Flüchtlingslager lernte sie den zwei Jahre älteren Sherif Nimraui kennen. Die beiden verliebten sich ineinander und Sheliza erwartete wenig später ein Kind. Doch der junge Vater verstieß die angehende Mutter, wollte von ihr und ihrem gemeinsamen Kind nichts wissen. Henry Huxley nahm die verzweifelte 15-jährige Waise mit nach London, betreute die werdende Mutter seitdem zusammen mit seiner Lebenspartnerin Holly Peterson. Die beiden Briten dachten sogar schon an Adoption.
Doch die gläubige Muslimin hatte sich sehr schwer getan im freiheitlichen und freizügigen Westen mit seiner allgegenwärtigen Sittenlosigkeit. Mit dem Fortschreiten ihrer Schwangerschaft fühlte sie sich immer unwohler, dachte auch oft an ihre Familienangehörigen, die womöglich doch noch irgendwo und irgendwie in Syrien überlebt hatten. Noch vor der Geburt ihrer Fadoua verließ Sheliza heimlich London, reiste mit Unterstützung eines salafistischen Imams zurück in ihr Heimatland, gab sich dort als Sunnitin aus, die zu ihrem kämpfenden Ehemann unterwegs war. Doch die Suche nach Überlebenden ihrer Familie blieb erfolglos und als ihr Schwindel schließlich aufflog, geriet sie in die Fänge der ISIS-Terroristen. Henry Huxley musste zusammen mit seinem guten Freund Jules Lederer viele Hebel in Bewegung setzen, um die junge Mutter und ihr Neugeborenes in Syrien aufzuspüren und heraus zu holen. Bei der Rettung von Mutter und Tochter erhielt der Brite eine Schussverletzung am Unterschenkel, zwar nicht wirklich schlimm und doch äußerst schmerzhaft und hinderlich. Darum humpelte der Brite derzeit noch mit Krücken oder zumindest einem Stock herum.
Erst am Tag zuvor waren Henry Huxley mit Sheliza bin-Elik und ihrer wenige Wochen alten Tochter Fadoua von Bagdad aus nach London zurückgekehrt, waren von Holly Peterson in Heathrow abgeholt worden. Die drei hatten bislang noch nicht über die vergangenen Monate gesprochen, über das heimliche Verschwinden der werdenden Mutter aus London, über den Vertrauensbruch von Sheliza gegenüber ihren Pflegeeltern, auch nicht über die großen Gefahren, denen sich der Teenager mit seiner Tochter ausgesetzt hatte und in die sich Henry Huxley und Jules Lederer begeben mussten, um die beiden aus dem Bürgerkriegsland zu retten. Nein, diese Aussprache fand noch nicht statt, weil Holly und Henry am Vortag darauf bestanden hatten, als erstes bei Harrods die Ausstattung für das Kinderzimmer von Fadoua auszusuchen und gleich in ihr Appartement liefern zu lassen und anschließend bei Harvey Nichols alles Notwendige an Wäsche und Kleidung für die Kleine zu besorgen. Der gestrige Nachmittag und der Abend waren darum mit Besorgungen und dem Einrichten des Zimmers ausgefüllt gewesen und Mutter und Tochter gingen wenig später todmüde zu Bett.
Doch an diesem frühen, nächsten Morgen war Sheliza bin-Elik in die Wohnküche des großen Appartements getreten und verlangte von ihren Pflegeeltern ein Urteil.
»Wie kommst du darauf, dass wir dich bestrafen wollen?«
Henry Huxley und Holly Peterson schienen nicht wirklich überrascht oder irritiert, hatten etwas Ähnliches erwartet. Trotzdem fragte Holly nach.
»Na, ich war sehr undankbar euch gegenüber, habe euch angelogen und mich heimlich aus dem Staub gemacht. Trotzdem suchtet ihr wochenlang nach mir. Henry und Jules mussten mich und Fadoua aus höchster Gefahr retten und Henry wurde dabei sogar verletzt. Nicht auszudenken, wenn ihm…«, sie stockte und sprach erst nach einer Weile weiter, »… ich mache mir riesige Vorwürfe.«
Henry und auch Holly lächelten der jungen Mutter aufmunternd zu.
»Das brauchst du nicht, Sheliza«, stellte der Brite entschieden klar, »es irrt der Mensch, solang er strebt«, zitierte er einen von ihm hoch geschätzten Deutschen Dichter, den er auch der jungen Muslimin schon ans Herz gelegt hatte, »du bist noch so jung und darum für dein Ungestüm nicht vollends verantwortlich.«
»Ich fühle mich aber schuldig. Und ich erwarte eure Bestrafung.«
Die beiden Engländer konnten in das Herz der Syrierin blicken, erkannten die muslimische Erziehung, wonach Vater und Mutter unter allen Umständen geehrt werden mussten. Und Henry und Holly waren in den vergangenen Monaten irgendwie zu ihren Ersatzeltern geworden. Darum nickten die beiden Briten nun, was aber nicht nach Einverständnis aussah. »Wir sind wirklich der Auffassung«, begann Holly, »dass eine Bestrafung falsch wäre. Denn du, Sheliza, warst noch ein unbedarftes Mädchen, als du uns wegliefst. Zurückgekehrt bist du jedoch als Frau und Mutter, die in Zukunft Verantwortung tragen wird, für sich selbst, aber auch für ihr Kind. Die frühere Sheliza hätten wir bestrafen können und auch bestrafen müssen. Doch dich? Eine junge Erwachsene? Nein, dich zu bestrafen wäre falsch und unnütz.«
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