Chufu Lederer studierte zusammen mit Mei Ling im dritten Jahr an der Universidade Federal do Rio de Janeiro Psychologie. Seit gut zwei Jahren lebten die beiden in einem gemeinsamen Apartment nahe der Universität und bereiteten sich derzeit auf den Abschluss ihres Studiums vor. Pläne für die Zeit danach hatten die zwei allerdings noch keine gefasst. Eine akademische Laufbahn an der Universität als Doktoranden erschien ihnen alles andere als prickelnd. Für eine eigene Praxis waren sie jedoch eindeutig zu jung und zu unerfahren. Und vor einem Leben als Angestellte einer größeren Nervenklinik grauste es beiden.
Nach dem ersten Verschwinden von Shamee vor gut einem halben Jahr hatten Chufu und Mei alles unternommen, um die jüngste Ling Tochter aufzuspüren, ließen sogar die anderen Familienmitglieder und deren Hausangestellten von Privatdetektiven über viele Wochen hinweg überwachen, um mögliche Verstrickungen zum organisierten Verbrechen in Brasilien aufzudecken. So fanden sie unter anderem eine Verbindung der Ling Eltern zu einem Menschenhändlerring heraus, aber auch, wie schlecht es mittlerweile um die Ehe von Zenweih und Sihena stand. Alle Nachforschungen bezüglich Shamee brachten jedoch nichts ein und sie rechneten bis zum überraschenden Auftauchen der jüngeren Schwester von Mei mit dem Schlimmsten. Als Shamee dann unversehrt zurückkehrte, keine Fragen beantwortete und Eltern wie Geschwister ohne jede Erklärung zu ihrem Verschwinden und dem Ort ihres Aufenthalts ließ, da spürte die ältere Mei trotzdem, dass der jüngeren Schwester etwas äußerst Bewegendes oder gar Schreckliches zugestoßen sein musste. Denn Shamee zog sich vor ihnen allen zurück, wirkte noch abweisender als früher, oft sogar geistig abwesend, auch sehr verunsichert und irgendwie seelisch verletzt. Zuerst vermuteten Chufu und Mei eine Drogensucht. Doch bevor sie weitere Nachforschungen in diese Richtung hatten anstellen können, war Shamee nach dem Streit mit ihrer Mutter erneut abgetaucht. Den Grund für die heftige Auseinandersetzung hatte ihnen Sihena allerdings nicht verraten, weigerte sich darüber zu sprechen. Und so lagen erneut bloß Vermutungen zu den Hintergründen vor, ließen eine höchst unruhige und schlechte Stimmung zwischen der Mutter auf der einen Seite und dem Vater mit den anderen Kindern auf der anderen zurück.
Alabima und Alina waren an diesem Sonntagmorgen nach Lausanne gefahren, wollten der katholischen Messe in der L’église Notre-Dame du Valentin beiwohnen. Jules begleitete die beiden, wenn auch ohne jede Begeisterung und aus reinem Pflichtgefühl heraus. Alabima war zwar äthiopisch-orthodoxe Christin. Sie erzog Alina jedoch katholisch, obwohl die Afrikanerin die strickte Ausrichtung der Papsttreuen auf die Erbsünde ablehnte. Doch dafür mochte sie umso mehr deren starke Gewichtung der Bergpredigt von Jesus Christus als die grundsätzliche Auslegung der gesamten Bibel, also auch des Alten Testaments.
Die Kirche Notre-Dame du Valentin war erst 1832 erbaut worden und durfte viele Jahrzehnte lang keine Glocken in ihrem Turm läuten lassen. Denn nach der Eroberung der Waadt durch die reformierten Berner im Jahre 1536 wurde der katholische Glaube über Jahrhunderte hinweg zuerst verboten und später diskriminiert. So waren den Katholiken lange Zeit Gotteshäuser gänzlich verboten und die stolze Kathedrale, fertig gestellt und geweiht 1275 in Anwesenheit von Papst Gregor X. und König Rudolf von Habsburg, hatte man den Katholiken damals weggenommen und den Protestanten übergeben. Selbst heute noch sorgte der Staat für den teuren Unterhalt des konfiszierten Gotteshauses. In ihm fand auch weiterhin nur eine einzige katholische Messe im Jahr statt.
Im September 2013 machte die Kathedrale schweizweit Schlagzeilen, weil einer Gruppe ehemaliger Papstgardisten der Zugang zur Kirche verweigert wurde, obwohl doch in der Waadt mittlerweile wieder weit mehr Katholiken als Protestanten lebten. Der Glaube konnte Berge versetzen. So jedenfalls interpretierte man in der Bibel Hiob 9,5 und Matthäus 17,20. Doch bestimmt passierten derlei Dinge nicht in Lausanne, wo sich die 27% Protestanten in der Bevölkerung weiterhin nicht um die Befindlichkeiten der 38% Katholiken scherten.
Jules kannte alle diese Geschichten, mochte als nicht-gläubiger und nicht-praktizierender Protestant generell keine Gotteshäuser. Ganz besonders verabscheute er jedoch diese katholische Notre-Dame du Valentin, in der er an diesem Sonntagmorgen zusammen mit Alabima und Alina saß. Denn mit ihrer völlig überdimensionierten Zugangstreppe und dem übermächtigen Eingangsportal quetschte sie sich brutal zwischen die Häuser des Quartiers, ähnlich einem Walrossbullen, der sich rücksichtslos zwischen seine Weibchen drängte. Hinzu kam der achtunddreißig Meter hohe Glockenturm, der die gesamte Umgebung dominieren wollte. Papst Johannes Paul II. verlieh der Notre-Dame du Valentin 1992 gar den Rang einer Basilica minor . Der Ehrentitel drückte die starke Verbindung dieses Gotteshauses zum Vatikan aus und sollte gleichzeitig ihre alles überragende Stellung in der Romandie zementieren.
Und nun saß also Jules mit seinen Lieben und vielen Gläubigen an diesem Sonntagmorgen in dieser ungeliebten Kirche und harrte der kommenden, von ihm so verabscheuten Dinge.
Die Orgel setzte plötzlich ein, vehement, zwingend, den gesamten Raum dröhnend füllend und alle bislang noch vorhandenen guten Gefühle vertreibend. Ein Rudel Ministranten drängte sich aus einer Seitenpforte, wurde von drei Priestern verfolgt. Die blickten mit harten Augen auf ihre vorangehenden, jungen Helfer, zeigten offenen Missmut oder gar Anzeichen von Zorn. Hatte es kurz zuvor in der Sakristei etwa Zwist oder gar heftigen Streit gegeben? Waren die sechs jungen Burschen etwa beim verbotenen Naschen des köstlichen Messweins erwischt worden? Oder hatten sie schlimme Zoten gerissen, während sie sich in ihre gelb-stichigen Gewänder hüllten, um sich so in gläubige Lämmer Gottes zu verwandeln?
Alle Kirchenbesucher hatten sich von den Stühlen erhoben, selbst Jules mit seiner Skepsis, und schauten dem Einzug der heute stattfindenden Konzelebration zu, der Liturgie mit mehreren Priestern und mit dem entsprechenden Pomp. Die Geistlichen verzichteten allerdings auf den qualmenden Weihrauch, wie Jules erleichtert feststellte. Dieser alles verpestende Kübel hatte seit der Einführung von Deodorants den Nutzen zur Gänze verloren, zauberte heutzutage höchstens noch Ekel in die Gesichter der Kirchenbesucher. Wenigstens der Kelch ging an diesem Sonntagmorgen an ihm und allen anderen vorüber.
Jules blickte kurz zu Alina hinüber, die regungslos dastand und dem Einzug von Ministranten und Priestern mit großen Augen folgte, fasziniert vom Prunk der Gewänder, dem feierlichen Schreiten und der damit ausgestrahlten Würde, wohl ebenso gefangen vom Dröhnen der Orgel und den ernsten Gesichtern der meisten anderen Kirchenbesucher.
Wo war bloß Gott, wenn man ihn mal brauchte?, dachte sich Jules und sah das Bild eines zornigen Zeus vor sich, wie er seine Blitze zur Erde schleuderte, mitten hinein in diese verlogene Rotte, die sich Christen nannte und Demut heuchelte, gleichzeitig aber Flüchtlinge herzlos abwies. Er musste über seinen Gedanken einer Gottesstrafe unwillkürlich schmunzeln und erhielt prompt einen recht derben Ellbogenstoß von Alabima in die Seite. Hatte sie etwa auf seinem Gesicht mitgelesen?
Der Einzug umrundete vollständig das Geviert der Besucher und schritt danach vor den Altar, begrüßte auch diesen. Dem Kreuzzeichen des ersten Priesters folgten alle Anwesenden mit Ausnahme von Jules, der sich in diesem Moment an das Lied Habemus Papam von Konstantin Wecker erinnerte, in dem der bayrische Liedermacher den Prunk und die Verlogenheit des Vatikans anprangerte und gegen Ende sang: »... und strahlend betreten am nächsten Morgen die Ehrwürdens die Bühne, behängt und beringt und geschmückt wie die Christbäume, und sprechen das Agnus Dei. Und wenn sie ihre Hände zum Segen erheben, mach ich mich ganz klein, um auch ja nichts abzukriegen davon.«
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