In den Akten stieß ich auf einen Vermerk, der das Treffen Rieders mit einem unserer Abteilungsleiter betraf. Er war unter dem Fall «Steglitz» abgelegt:
Koslowsky notfalls auf Verlangen Münchens decken, da OA für möglich gehalten wird.
Koslowsky war der Name des Bundeswehrgenerals, «OA» das Kürzel für Ostarbeit. Es bedeutete, dass man kriminelle Tätigkeiten decken wollte, um größere Fische im Gefolge des Generals zu fangen. Eine Verfahrensweise, die München schon in wesentlich ungünstigerem Licht dastehen lassen würde.
Leider hatte sich meine vermeintliche Spur die dritte innerhalb weniger Wochen – als völlig unbrauchbar erwiesen: Oster konnte nachweisen, dass München nicht den Westberliner Mann, sondern unseren echten Bundeswehr-General im Auge gehabt hatte. Sie wussten gar nichts von Koslowsky in Berlin. Also deckten sie auch keine Straftaten – und sie liefen uns wieder einmal den Rang ab, weil Koslowsky, der echte General, eigentlich in unser Ressort gefallen wäre …
Das alles hätte mir kaum die Nachtruhe geraubt. Ich würde den Preis der Ausspitzelung eines befreundeten Dienstes gern gezahlt haben, solange es mit rechten Dingen zuging. Eine Schlamperei aufzudecken galt zwar nicht gerade als freundlicher Akt der Schwesterorganisation gegenüber, war aber auch kein Verbrechen.
So aber wusste Oster von unserer Aktivität, unser Interesse an Skandalen auf der anderen Seite mußte ihn früher oder später stutzig machen. Er konnte sich die Einzelheiten zusammenreimen und, wenn Traphan auftauchte, zu gewissen gleichartigen Schlüssen kommen.
Sooft ich auch darüber nachdachte: Es gab nur eine sichere Lösung. Irgendwann später würde sich Oster an meine Nachforschungen erinnern. Und er würde den Erpressungsversuch zum Anlas nehmen, Erasmies Leute auf meine Spur zu setzen …
Ich würde mir nicht selbst die Hände schmutzig machen wollen. Es gab andere Wege. Man mußte sie nur finden.
Ich schob mir ein Kissen unter den Nacken und entspannte mich.
Die alten Möbel der Wohnung rochen nach Vergangenheit. Im Sonnenlicht, das durch die hohen Fenster fiel, tanzte der Staub.
Ich versuchte wieder in die Gefühlswelt meiner Kindheit zurückzukehren, wie ich es schon so oft getan hatte. Unter halb geöffneten Lidern beobachtete ich das Schattenspiel der Blätter auf dem Fensterrahmen. Die Krone einer Ulme bewegte sich im leichten Wind.
Alles war farbiger und um so vieles intensiver gewesen, wie es nur die Frische des Gefühls in frühen Kindertagen erscheinen lässt; alle Dinge, selbst die geringsten, waren von der Aura seltsamer Spiegelungen und Farben umgeben, als befinde man sich auf einem fremden Planeten. Ein unendlicher Raum immerwährender Entdeckungen und von einer fremd erscheinenden Lust erfüllt, die mir nun für immer versagt sein würde.
Alles was später kam, war nur noch die Flucht vor der Fadheit, vor der Leere und Ereignislosigkeit …
Die Zeitung! durchfuhr es mich. Am Morgen hatte ich von der Vergewaltigung eines kleinen türkischen Mädchens gelesen.
Ich stand auf und nahm die Zeitung von der Kommode. Das Mädchen war gestern in den späten Abendstunden vergewaltigt worden. Es lag in komaähnlicher Bewusstlosigkeit und konnte den Täter nicht beschreiben.
Auf dem Nachhauseweg von einem Kinderfest , stand unter seinem Bild. Daneben war ein silberner islamischer Halbmond an einem ebenfalls silbernen Kettchen abgebildet, das der Täter aus einem unerfindlichen Grund eingesteckt haben mußte.
Ich suchte die Nummer der Zeitungsredaktion aus dem Telefonbuch, ging hinunter in die Telefonzelle an der Ecke und ließ mich mit dem leitenden Redakteur verbinden.
«Es geht um den Vergewaltigungsfall gestern Abend. Können Sie mir die Adresse der türkischen Eltern geben?»
«Natürlich. Handelt es sich … haben Sie eine Zeugenaussage zu machen?»
«Ja, aber ich möchte es nur den Eltern persönlich mitteilen. Es ist dringend.»
«Verstehe. Bedauerlicher Fall. Übrigens …» Er schwieg. « … das Kind ist tot.»
«Was sagen Sie?»
«Heute Nachmittag seinen Verletzungen erlegen. Ich gebe Ihnen die zuständige Redakteurin. Bitte warten Sie.»
Einen Augenblick später wurde ich mit einer Mitarbeiterin der Redaktion verbunden. Sie gab mir die Telefonnummer und eine Anschrift im Münchener Süden.
«Haben Sie selbst das Foto von dem silbernen Anhänger angefertigt? Oder ist es ein Polizeifoto?»
«Nein, die Eltern waren so freundlich, uns den Anhänger der Schwester zu zeigen.»
«Gibt es irgendein Kennzeichen, ganz gleichgültig welcher Art, das auf dem Foto nicht zusehen ist? Und das auch nicht in Ihrem Bericht erwähnt wird?»
«Warten Sie ... ja richtig. In dem Duplikat ist hinten eine rötliche Schmuckmasse, wie Glas oder durchsichtiger Kunststoff.»
«Also eine Hohlform, wenn ich Sie da richtig verstehe?»
«So ist es. Sie suchen nach einem Merkmal, das außer den Eltern und dem Kind nur noch der Täter kennen dürfte, habe ich recht?»
«Vielen Dank.» Ich legte auf und winkte vor der Telefonzelle ein Taxi heran.
Ein Mensch, der sein halbes Leben in den Diensten verbracht hat, handelt mit jener Vorsicht, die einem Außenstehenden lächerlich übersteigert erscheinen muss. Aber ich würde mich nicht dem Risiko aussetzen, dass sie in der Redaktion über «einen lieben alten Kollegen» bei der Polizei meinen Standort feststellen ließen. Frauen weisen manchmal bei der Ermittlungsarbeit eine schwer abzuschätzende Sprunghaftigkeit auf. Vielleicht, weil ihr Instinkt dem der Kinder verwandt ist?
Die Telefonzelle lag direkt vor meiner Wohnung. Also führte ich das zweite Gespräch vom Bahnhof aus.
Eine tiefe, ausländisch klingende Mannerstimme meldete sich.
«Spreche ich mit Murad Sunay?»
«Am Apparat.»
«Ich, hm ... ich hätte eine wichtige Aussage zum Tode Ihrer Tochter zu machen.»
«Ja, bitte.»
«Nun, ich glaube, dass ich durch einen Zufall erfahren habe, wer der Täter ist.»
«Sie haben ... warum wenden Sie sich nicht an die Polizei?»
«Es ist eine etwas heikle Angelegenheit. Einerseits möchte ich, dass der Mann seine gerechte Strafe findet – andererseits ... nun, ich wäre nicht bereit, das vor der Polizei zu bezeugen. Weil er gefährlich ist. Er arbeitet für den westdeutschen Geheimdienst, verstehen Sie? Ich müsste um mein Leben fürchten.»
«Ja, ich verstehe. Wie ist sein Name?»
«Andreas Oster.» Ich nannte die Adresse. «Ein gefährlicher Einzelgänger, Junggeselle, bewaffnet. Lassen Sie sich nicht von ihm aufs Glatteis führen. Er versteht es ausgezeichnet, sich herauszureden. Die Lüge ist sein Beruf.»
«Und wieso glauben Sie, dass er meine Tochter ...?»
«Ich sah das Medaillon bei ihm.»
«Einen islamischen Halbmond?», fragte er.
«Aus Silber, ja.»
«Sie könnten das auch aus der Zeitung wissen.»
«Richtig, aber das Bild zeigt nur seine Vorderseite.»
«Und ... Sie können mir sagen, wie die Rückseite aussieht?», fragte er überrascht.
«Eine rötliche Füllung. Glas oder Kunststoff.»
«War er …?»
«Er wirkte ziemlich nervös, wenn Sie das meinen. Ich erinnerte mich sofort an das Bild in der Zeitung. Der Anhänger lag auf seinem Telefontischchen. Deshalb fragte ich, wo er am Vorabend gewesen sei. Darauf wurde er noch nervöser und behauptete, den ganzen Abend ziellos umhergegangen zu sein ...»
«Talata – Talata, komm sofort her!», schallte es etwas vom Hörer entfernt am anderen Ende der Leitung. «Wir haben den Mörder ...» Ich nahm an, dass er seine Frau zum Telefon rief. Gleich darauf folgte ein Schwall türkischer Sätze.
«Hören Sie. Ich muss Sie darauf hinweisen, dass es wenig Sinn hätte, die Polizei zu verständigen. Einem Mitarbeiter des Geheimdienstes würde man eher glauben als Ihnen. Oster besorgt sich nur ein Alibi und beseitigt den Anhänger. Jemand von der Polizeibehörde wird ihn vorwarnen, die stecken alle unter einer Decke.»
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