«Du bist ein Tier, Känder. Andere brauchen Alkohol, um zum Tier zu werden. Aber du bist es von Natur. Aus Schwäche. Deine Mutter muss dich schon so zur Welt gebracht haben, die ärmste ...» Dabei rang sie mitfühlend die Hände. «Ich frag mich wahrhaftig, warum ich mich jemals mit dir eingelassen habe.»
Sie schwieg und spuckte in ihre Kaffeetasse.
«Lass meine Mutter aus dem Spiel.»
«Sie leitete einen bolivianischen Tanzclub, hab ich recht? Oder war‘s Ecuador? Tanzclub nennen sie so was drüben. Hurenhaus für Reiche heißt das bei uns. In ihrem Alter!»
Ihr raues Lachen versetzte mir einen Stich.
«Schon gut, seh‘s deinem Gesicht an, dass ich ins Fettnäpfchen getreten habe. Nimm‘s nicht persönlich.‘>
«Ich bin nur gekommen, um dir einen jungen Burschen zu bringen, der auf deine Hilfe angewiesen ist, einen Emigranten.»
«Auf meine Hilfe?»
«Er ist völlig unbeleckt. Hat keine Ahnung, was die Ostdeutschen und Tschechoslowaken hier im Lande treiben. Wie sie den Flüchtlingen nachstellen.»
Ich wusste, dass ich damit bei der Puslowa einen Nerv traf. Jene Angst, die sie in ihrem Wahn empfand, unterstellte sie auch allen anderen. Und da sie letzten Endes eine mitfühlende Seele und überaus neugierig war, würde sie einwilligen. Sie würde sich Traphan ansehen wollen.
«Wozu, Känder – wozu soll das gut sein? Seit wann kümmerst du dich um solche Burschen?»
«Ein alter Geschäftsfreund in Bulgarien hat es mir bei unserem Abschied nahegelegt. Traphan ist sein unehelicher Sohn. Er möchte, dass sich hier im Westen jemand um ihn kümmert.»
«Geschäftsfreund, Geschäfte pah! Ich habe nie erfahren, welche Geschäfte das sein sollten. Krumme Geschäfte, was sonst? Du wusstest schon als junger Mann, dass dein Studium nur eine Ausflucht war, um es bei nächster Gelegenheit an den Nagel zu hängen. Dich in der Kutte des Landpfarrers zu sehen, ha, ha, zu komisch ...»
«Damals hab ich dran geglaubt.»
«Narren und Kinder glauben nicht mal dran.»
«Neun mich, wie du willst.»
«In Wirklichkeit war‘s so, dass dich das Treiben deiner Alten grässlich angeekelt hat. Du suchtest nach einem Halt und glaubtest ihn wahrhaftig bei den Pfaffen zu finden. Wenn auch nur in dem oberflächlichen Glauben, der nicht mehr wert ist als ein Lippenbekenntnis. Tief drinnen wusstest du immer, dass es nur ein Hirngespinst war. Du bist ein Verlorener, Känder ...»
«Ich werd dich zu meiner Psychologin ernennen, wenn es soweit kommen sollte.»
«Wenn du ins Gras beißt, Känder? Das kann früher passieren, als dir lieb ist. Ich sehe nicht, wie ein Mensch mit deiner Veranlagung und Haltung lange leben könnte.»
«Meine Gesundheit ist ausgezeichnet.»
«Gibt es nicht sogar eine dunkle Stelle in deiner südamerikanischen Vergangenheit?»
«In meiner Verg ... wieso?»
«Du hast mir nie über deine Zeit in Ecuador erzählt.»
«Wie sollte ich auch. Ich war nie in Ecuador.»
«Und deine Schreie nachts? Du sprichst im Schlaf, Känder. Ein Mann, der soviel Angst vor seiner Vergangenheit hat, sollte das wissen.»
«Wahrscheinlich hab ich von meiner Mutter geträumt.»
«Ja, wahrscheinlich.»
Ich musterte sie argwöhnisch und versuchte herauszufinden, was sie wusste. Sicher war es nicht viel, sonst hätte sie mir schon damals die Hölle heiß gemacht.
«Der Junge heißt Erich Traphan.»
«Meinetwegen. Ich kann ihn mir ja ansehen.»
Als ich ihre Wohnung verließ, hielt ich es für wahrscheinlicher denn je, dass die Begegnung mit Traphan der Puslowa nicht nur Schwierigkeiten einbringen, sondern sie sogar den Kopf kosten konnte. Ein Risiko, das ich gern in Kauf nahm. Sie hatte einen schwer zu ertragenden Fehler: sich über die Schwächen anderer lustig zu machen und dann in weinseliger Stimmung ihren Freunden davon zu erzählen. Ein Denkzettel würde ihr gut tun.
Der Himmel hatte eine seltsam gelbliche Färbung angenommen, als ich wieder die Straße betrat (als trage er Wüstensand aus der Sahara mit sich) und die Zeichnung der Wolken erinnerte an ein verwischtes Aquarell. In der Luft lag ein schriller, langanhaltender Ton, dem Reißen einer Feile über Stahlblech nicht unähnlich. Ich sah mich betreten um, vielleicht war es nur in meinem Kopf. Unten an der Straßenecke, vor dem Kriegerdenkmal aus grünspanbedecktem Kupfer, lag ein Parkgrundstück. Tauben pickten die ausgestreuten Grassamen auf. Ein räudiger, herrenloser Köter beobachtete sie dabei.
Er rührte sich nicht und stand nur da. Er wusste, dass er sie noch nicht fassen konnte. Aber eines Tages, das ahnte er, würde sein Augenblick kommen …
Ich setzte mich in das Eckcafé, bestellte eine Tasse Kaffee und beobachtete ihn bei seiner Jagdmeditation. Einmal kratzte er sich und gähnte ausgiebig und ich sah, dass er beinahe zahnlos war, aber seine Reißzähne standen noch.
Als ich herauskam, war die Wolkendecke aufgerissen. Ich ging durch die Sendlinger Straße und bog zum Jakobs-Platz ein.
Eine für diese Jahreszeit ungewöhnlich heiße Sonne – es war Anfang Juni – brannte aufs Pflaster. Sie erinnerte mich an die staubig trockene Luft und Backofenhitze jener so folgenreichen Monate in Ecuador. Bei meiner Ankunft in Quito hatte ich kein Wort Spanisch gesprochen; doch ich lernte es innerhalb weniger Wochen im « Orden der tätigen Nächstenliebe » (die Brüder und Schwestern dort zeigten sich wenig nachsichtig mit jemandem, der ihre Sprache nicht verstand; einige von ihnen waren reine Sprachwunder und beherrschten außer Englisch, Deutsch und Französisch auch noch Quechua und Chibcha, die einheimischen Indianersprachen).
An der Plakatwand blieb ich stehen und vergewisserte mich, dass mir niemand folgte.
Rechts am Rand eines Parkplatzes, dessen eine Seite von einer kahlen Backsteinwand begrenzt wurde, stand ein blauer, schon etwas rostiger VW-Bus, der im Laderaum keine Fenster besaß. Niemand außer mir wusste etwas von dem Wagen. Ich hatte ihn gleich nach dem Kauf mit einer Liege und allem, was ich zum Umkleiden oder für Übernachtungen brauchte, ausgestattet: zwei kleinen Schränken, einer starken Lampe, dem Schminkspiegel und verschiedenen Utensilien wie falschem Haar, Haftschalen und einem russischen Wörterbuch.
Ich zog mich sorgfältig um und steckte eine russische Abendzeitung so in die Innentasche, dass ihr Kopf bei geöffnetem Mantel zu sehen sein würde.
Dann schob ich die beiden Silikonscheiben unter meine Wangen, legte dunkelbraune Haftschalen an, befestigte die dichten, rötlichen Brauen und färbte meine Gesichtshaut ein.
Glücklicherweise hatte ich ein Dutzendgesicht. Man prägte es sich schlecht ein, aber dafür war es um so leichter durch kleine Manipulationen zu verändern.
Ein slawisch wirkender, älterer Mann sah mir aus dem Spiegel entgegen
Als ich den Wagen verließ, blieb ich einen Moment lang zwischen seiner Tür und der Backsteinwand stehen. Dann ging ich, als hätte ich dort nur meine Notdurft verrichtet, in Richtung auf die rückwärtige Seite des Platzes. Bei solchen Operationen waren meine Nerven seltsamerweise immer ausgezeichnet. Ich handelte mit der Sicherheit und Genauigkeit eines Schlafwandlers. Zwei, drei Wochen in einem dieser verdammten Büros dagegen würden mich in ein zitterndes Wrack verwandeln.
Traphans Heim war kaum fünfhundert Meter Luftlinie entfernt. Ein älteres Gebäude aus Felsstein, dem man einen Anstrich aus weißer Lackfarbe verpasst hatte. Hinter den spitzen schwarzen Eisengittern, die das Grundstück einzäunten, täuschte ein Springbrunnen Beschaulichkeit und Ruhe vor – aber vermutlich würde sein Plätschern kaum die Hilferufe und Schreie übertönen können, die manchmal aus den vergitterten Fenstern drangen.
Ein junger wohlgekleideter Neger in weißem Arztkittel, der am Rasen vor dem Goldfischteich eine Zigarette rauchte, öffnete auf mein Läuten.
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