Anscheinend besitzen einige dieser Knaben eine Affinität zur Religion, ehe sie in den Geheimdienst gehen. Dieselbe Art von Eiferertum, nehme ich an. Waren Sie nicht auch mal in dem Verein, Känder? Zu Anfang Ihrer Karriere? Was bringt einen wie Erasmie, der vier Jahre seines Lebens hinter Klostermauern verbracht hat und einmal Mitglied der evangelischen Landessynode war …»
«1933, nach der Gründung», warf ich ein. «Nur ganz kurze Zeit. Ein oder zwei Monate. Unter den nationalsozialistischen Versuchen, ihn und seinen Laden für die Staatskirche zu vereinnahmen, wurde er schnell zum Falken.»
«… an die Spitze des größten deutschen Dienstes?» fuhr er fort, als sei mein Einwand Luft. «Ist das nicht Ironie, Känder, hundsföttische Ironie?»
«Ja, Ironie.»
«Sie müssten es doch am besten beurteilen können. Der Mann scheint nachts im Büßergewand ins Bett zu steigen?»
«Seine Weste ist rein», bestätigte ich.
«Wir wissen beide, dass es keinen Dienst geben kann, der nur auf Tugendpfaden wandelt. Das liegt in der Natur der Sache. Also erledigen andere für ihn die Drecksarbeit. Was ist mit Rieder?»
«Rieder wird als sein genaues Gegenteil angesehen. Skrupellos, verschlagen auf eine besonders unangenehme Weise, die man schlecht fassen kann. Dabei durchaus gebildet, umgänglich, wenn es die Situation erlaubt. Wer ihn nur flüchtig kennt, würde ihn für einen liebenswürdigen alten Oberlehrer halten, Typ neunzehntes Jahrhundert, mit dem Rohrstock hinterm Rücken. Ein großer Teil seiner Arbeit gilt der eigenen Absicherung und Verschleierung.»
«Haben Sie da etwas?»
«Ich arbeite dran. Als zweite Spur.»
«Zweite Spur, zweite Spur ...»
«Rieder soll sein Amt zu krummen Geschäften missbrauchen.»
«Soll – oder hat er?»
«Angeblich benutzt er seinen Apparat, um westdeutsche Geldgeber vor gefährlichen Geschäften zu warnen. Möglicherweise nur Gerüchte.»
«Das wäre doch etwas», meinte Stankowitz.
«Die Abschottung von Informationen ist fast vollkommen, seit es diese Gerüchte über eine Zusammenlegung der Dienste gibt Sie wollen nicht ins Gerede kommen, nicht den Braten verlieren, ehe er gegessen ist. Erasmie hat besondere Direktiven erlassen. Keine Skandale, keine Gerüchte, Informationsstopp und Desinformation auf ganzer Linie. Ich bin zwei Wochen unterwegs gewesen, um die lächerliche Protokollabschrift einer geheimen Nachtsitzung einzukaufen, und das, obwohl alte Kollegen von uns bei ihnen arbeiten.
Fehlanzeige – nur ein dubioser Bericht über angebliche Ränkepläne Gromykos gegen Tschernenko. Quelle unbekannt Drang nicht einmal bis ins Kanzleramt vor. Ansonsten keine Ergebnisse. Sitzen auf ihren Papierbergen und hämmern GEHEIM-Stempel drauf.»
«Sie haben doch dieses Mädchen – wie ist noch gleich ihr Name ...?»
« Puslowa , tschechische Überläuferin. Nein, sie hat mich verlassen, wegen meiner Auslandsaufenthalte.»
«Ahnt sie noch immer nichts von Ihrer Arbeit?»
«Ich habe mich streng an Ihre Anordnung gehalten.»
«Natürlich, ja. Behalten Sie sie im Auge.»
«Das hatte ich vor.»
Alte Liebe rostet nicht
Die Puslowa wohnte im vierten Stockwerk eines Geschäftshauses aus der Vorkriegszeit. Es war die einzige Wohnung. In den Etagen darunter gab es drei Versicherungsbüros, eine Schauspieleragentur und die Gemeinschaftspraxis zweier Rechtsanwälte. Es mußte auch einen Zahnarzt geben, dem Geruch nach medizinischem Gurgelwasser zu urteilen, der mich immer anwehte, wenn ich die Fahrstuhltür öffnete.
Stankowitz hatte nicht ahnen können, dass die Puslowa einen festen Platz in meinem Plan einnahm. Deshalb würde er meine plötzlichen Besuche bei ihr auf seine Anregung zurückführen, falls ich irgendwann von seinen Leuten kontrolliert wurde.
Ich läutete und legte gleichzeitig meine Hand auf das Türauge.
«Känder ... nimm deine klebrigen Pfoten weg», sagte eine bös klingende Frauenstimme hinter der Tür.
Sie war noch immer die alte – poltrig und direkt . Eigentlich bevorzugte ich Frauen, die weniger laut und anstrengend waren. Aber ich hatte sie zu einer Zeit kennengelernt, als ich es mir nicht aussuchen konnte. Schon Stankowitz‘ rüder Ton strengte mich immer an. Ich bemerkte mit Entsetzen, dass ich es ihm gleichzutun versuchte und dabei etwas von einem Chamäleon annahm, obwohl es mir darin an Kräften mangelte.
Ehe die Tür nach innen gezogen wurde, nahm ich meine Hand zurück.
Eine füllige, rotgefärbte Frau in den Vierzigern musterte mich mit in die Hüften gestemmten Armen – noch etwas fülliger, als ich sie in Erinnerung hatte.
«Ich glaub‘s nicht …», sagte sie.
«Nur für eine halbe Stunde. Denk nicht, dass ich mich bei dir einquartieren will.»
«Das wäre ja noch schöner. Ich sollte dir die Tür vor der Nase zuschlagen.»
«Du bist so liebenswert wie immer.»
«Komm mir nicht mit der Feinen-Pinkel-Art …»
Ich drängte sie mit sanfter Bewegung beiseite, küsste sie flüchtig auf die Wange und ging ins Wohnzimmer.
Sie stand breitbeinig im Korridor und blickte sich verdutzt nach mir um.
«Wie lange ist es her?», fragte ich und setzte mich auf ein klobiges Monstrum von Couch, das unter meinem Gewicht den Geruch von feuchtem Seegras verströmte.
«Wie lange was?»
«Dass wir uns nicht mehr gesehen haben. Vier Monate?»
«Nicht lange genug für dich Saukerl.»
«Ob ich Kaffee möchte? – gern …»
«Du kannst deine Unverschämtheiten so wenig ablegen wie andere ihre Haut. Kaffee!»
Trotzdem verschwand sie kopfschüttelnd in der Küche und gleich darauf hörte ich eine altmodische Handmühle mahlen. Tassen klirrten, der Wasserkessel fauchte.
Die Wohnung war eine Mansarde und für Büros oder Arztpraxen ungeeignet. Da das Haus über einen Durchgang vom Hausmeister nebenan betreut wurde, zahlte sie mitten im Münchener Stadtzentrum einen Spottpreis an Miete; und das war sicher der Hauptgrund, weshalb sie sich als alleinstehende Frau in einem einsamen Büro- und Geschäftsgebäude einquartiert hatte. Wenn sie einen Spleen besaß, dann die Angst vor Vergewaltigungen. Damit konnte höchstens noch die Angst vor ihren Landsleuten konkurrieren, seit sie sich wegen ihrer Flucht aus der Tschechoslowakei politisch von ihnen verfolgt glaubte.
Sie war nur eine unbedeutende kleine Parteisekretärin gewesen. Aber bei den seltenen Gelegenheiten, wenn sie über ihr Leben drüben sprach, hatte ich immer heraushören können, dass sie sich im Westen für eine Art Geheimnisträgerin hielt. Da sie in der Organisation nur den Bereich der Materialbeschaffung verwaltete und weitläufig mit Rieder verwandt war, hatte man sie nach einigen Sicherheitsüberprüfungen ohne Bedenken eingestellt.
Sie setzte die Kanne vor mich hin und als sie eingoss, nutzte ich die Gelegenheit und kniff sanft in ihre Speckrolle, die sich unter dem dünnen bedruckten Kleiderstoff an ihrer Hüfte abzeichnete.
«Füllig geworden, altes Mädchen …»
Sie drückte meine Hand weg. «Was bist du nur für ein Mensch, Känder», sagte sie in ihrem östlich klingenden Deutsch. «Wo andere ihre schwarze Seele haben, ist bei dir ein Loch, dunkler als die schwärzeste Nacht. Ich werd nie wieder mit dir Die Gefangene und ihr Richter spielen.
Ich wird’ mich nie wieder in Seile und Riemen wickeln lassen, um dir zu gefallen. Und du wirst nie wieder mit deinen klebrigen Fingern mein Fleisch berühren. Ich hab viele Wochen gebraucht, um die letzten blauen Flecken loszuwerden.»
«Vergiss nicht, dass es dir gefallen hat.»
«Gefallen? Gelitten hab ich. Das war alles. Angst gehabt, dass dir die Sicherungen durchbrennen könnten.»
«Sag, dass es nicht wahr ist … Wir haben schöne Stunden miteinander verbracht!»
Читать дальше