«Die Besuchszeit ist vorüber», sagte er mit freundlichem Grinsen und blies mir seinen Rauch ins Gesicht.
«Ich komme nicht zu Besuch.»
Er horchte sekundenlang dem Klang meines frischen russischen Akzents nach.
«Sind Sie angemeldet?»
«Telefonisch, ja beim Anstaltsleiter.»
«Oh, dann müssen Sie Herr Bogdanowich sein? Waldenfels hält schon den ganzen Nachmittag nach Ihnen Ausschau. Er steht dort oben am Fenster seines Arbeitszimmers, sehen Sie ihn ...?»
«Bitte keine Namen. Es wäre mir peinlich, wenn jemand von meiner Anwesenheit hier erführe.»
«Wie Sie wünschen.»
Ich winkte kurz zu der dicklichen Gestalt eines fast kahlköpfigen Mannes hinter dem einzigen unvergitterten Fenster im ersten Stock der Felsenburg hinauf; dann gingen wir hinein.
Eine hydraulisch bewegte Scheibe öffnete sich vor uns, Panzerglas, nahm ich an. Dann sah ich den Glaskasten der Pförtnerloge: er erinnerte an die schusssicheren Glaskäfige mancher Landeszentralbanken, nur dass er noch mit etwas mehr Elektronik vollgestopft war. Ein raubeinig wirkendes altes Arbeitspferd mit weißem Schwesternhäubchen bediente das Schaltpult. Zahllose Bildschirme schienen jeden Winkel des Gebäudes auszuleuchten. Die Vision vom Großen Bruder war hier auf perfekte Weise Wirklichkeit geworden.
Eine altmodische Wendeltreppe aus weißlackiertem Holz führte als separater Aufgang zum Herrscher über jene armen Seelen, die nicht den geltenden Vorstellungen von geistiger Gesundheit und Normalität entsprachen. Ein Schaudern überkam mich, wenn ich mir vorstellte, wie nahe ich selbst schon früher dieser subtilen Art der gesellschaftlichen Fürsorge gewesen war. Und ganz unvermittelt überfiel mich Panik
«Was ist mit Ihnen?», fragte der schwarze Arzt.
Meine etwas zu lebhafte Einbildungskraft, hätte ich sagen können, unterließ es aber.
Ich war stehengeblieben. Er musterte mit fachkundiger Miene mein Gesicht.
«Nur die Beine, ein Wadenkrampf ...»
«Sie neigen zu Wadenkrämpfen? Etwa auch zu Thrombosen und Nervosität?»
Ich nickte leidend, weil mir dieses falsche Eingeständnis weniger Schauder über den Rücken jagte, als wenn sein Verdacht in eine andere Richtung gegangen wäre.
«Magnesiummangel. Trinken Sie Mineralwasser, das möglichst wenig Kalzium und viel Magnesium enthält. Kalzium wirkt im Stoffwechsel als Antagonist des Magnesiums.»
«Vielen Dank.»
Ich sah das fromme Leuchten uneingeschränkten Glaubens an die Wirksamkeit der Chemie in seinen dunklen Augen.
Zufrieden öffnete er eine Tür, an der Leitung stand.
«Da sind Sie ja», sagte Waldenfels und breitete feierlich die Arme aus. «Ihrem Zögling geht es ausgezeichnet.»
Er war klein und kurzsichtig und stand in etwas gebückter Haltung hinter seinem breiten Tresorschreibtisch, auf dem außer einer Orchidee im Glas nur noch ein schwerer goldener Füllhalter zu sehen war. Seine Handflächen griffen schüttelnd ineinander, als sei die Entfernung über den Tisch zu groß, um mir die Hand zu reichen.
Ein wenig erinnerten mich seine Gebärden an amerikanische Wahlkampfmanager. Er verkaufte eine Ware: geistige Gesundheit. Natürlich auch noch Sicherheit der Gesellschaft vor allem, was sie hinsichtlich anderer Formen des Bewusstseins in Irritation versetzen konnte; und seine Verkaufsmethoden waren kaum weniger skrupellos und an äußeren Erfolgen orientiert. So etwas drückt sich zwangsläufig in den Gebärden aus, wenn man nicht gerade ein begnadeter Schauspieler und Verstellungskünstler ist. Ich hätte ihm nicht einmal meinen Goldhamster zur Behandlung anvertraut.
«Wie ich Ihnen schon am Telefon sagte, bin ich im Auftrage eines bulgarischen Geschäftsfreundes hier, dem sehr daran liegt, dass es dem Jungen an nichts mangelt … eine Jugendsünde. Erich weiß nichts von seinem Vater.»
«Verstehe. Meine Diskretion ist Ihnen sicher. Bitte setzen Sie sich.»
Ich öffnete den Mantel und er starrte auf meine Zeitung.
«Sie sind Russe?»
«Nein, wieso?»
«Ihr, äh … hm, Akzent.»
«Mein ...? Ja, richtig, ich hatte russische Eltern. Aber ich bin in Paris aufgewachsen. Ich war selbst niemals in der Sowjetunion», erklärte ich, als sei es mir wichtig, diesen Gedanken möglichst weit von mir zu weisen. Ich beherrsche die Sprache nur noch unvollkommen und kann sie nicht einmal mehr lesen.»
«Paris!» erklärte er schwärmerisch und ließ sich die dreiste Lüge angesichts der Iswestija unter meinem Mantel nicht anmerken. «Was glauben Sie, wie ich mir wünschte, einmal aus diesem Loch herauszukommen. Aber qualifizierte Fachkräfte sind schwer zu finden. Die Leitung einer Anstalt verlangt besondere Fähigkeiten.»
«Die sicher durch beträchtliche Einnahmen aus fachkundiger Behandlung entschädigt werden?»
Er hob abwehrend beide Arme und zeigte mir seine rosafarbenen Handflächen.
«Es wird immer mehr zur finanziellen Gratwanderung, über den nächsten Monat zu kommen. Verstehen Sie mich nicht falsch – keineswegs Verschwendung oder die Unfähigkeit, zweckmäßig zu wirtschaften, ist es, die uns in Bedrängnis bringt, sondern die immer noch ablehnende Haltung der Gesellschaft diesen armen Seelen gegenüber. Man verweigert uns die Mittel, die wir zur Heilung benötigten. Man schweigt die Probleme lieber tot. Und das bedeutet eben auch, man finanziert ihre Beseitigung nicht.»
«Deshalb bin ich hier.»
Ich schob mit diskreter Geste ein in Zeitungspapier gewickeltes Paket über den Tisch. «Zur freien Verwendung, also nicht an einen besonderen Zweck gebunden – Sie verstehen?»
Er nickte dankbar.
«Alles, was mein bulgarischer Geschäftsfreund erwartet, ist, dass Traphan täglichen Ausgang erhält.»
«Ich verstehe nicht», sagte Waldenfels. Er beugte sich irritiert über den Tisch. «Sie wollen, dass dieser – mit Verlaub gesagt – Verrückte jeden Tag auf die Menschheit losgelassen wird? Er ist unberechenbar, ein klassischer Fall von Schizophrenie, die jeden Augenblick wieder ausbrechen kann. Unfähig, einen Fuß vor den anderen zu setzen.
«Selbstverständlich nicht ohne Obhut. Eine gute Bekannte, tschechische Emigrantin und mit allen Wasser gewaschen, wird sich seiner annehmen.»
Er wiegte zweifelnd den Kopf.
«Ich selbst schaue öfter nach dem Rechten. Abends kehrt Traphan pünktlich in die Anstalt zurück und falls Klagen auftauchen, widerrufen Sie einfach Ihre Einwilligung.»
«Dann könnte es schon zu spät sein.»
«Sie sehen das zu schwarz.»
«Sind Sie der Arzt oder ich?», fragte er missmutig, besann sich aber, als sein Blick auf das in Zeitungspapier gewickelte Päckchen fiel. Unentschlossen drückte er die Zeitung auseinander und ließ seine Hand prüfend über den Rand des Stapels gleiten. Dann schob er das Päckchen langsam mit der Spitze des Zeigefingers zurück, doch nicht so weit, dass es die Mitte seines Schreibtisches überquerte. «Ich kann mir die Gefährdung der Menschen draußen nicht durch Geld abkaufen lassen ...», erklärte er pathetisch. «Falls Sie das geglaubt haben?»
«Sie haben mich da völlig missverstanden.»
«So?»
«Ja, ich bin ganz sicher.»
«Inwiefern?», fragte er.
«Was sollte uns daran liegen, irgend jemanden zu gefährden? Halten Sie uns für gewissenlose Schurken, für Verbrecher?»
«Natürlich nicht»
«Mein Mandant hofft, dass Traphan unter normalen Menschen leichter sein seelisches Gleichgewicht zurückerlangt.»
«Das wäre möglich», bestätigte er.
«Die Atmosphäre einer Anstalt stellt auf Dauer eine schwere Belastung dar.»
«Deshalb bekommt er einmal im Monat Ausgang.»
«Zu wenig ... zu wenig!»
«Natürlich haben Sie recht.» Er sah wieder auf das Paket. «Aus seinem Krankenbericht weiß ich, dass Traphan als harmloser Fall angesehen wird.»
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