Natürlich bekam er nie Geld in die Hände, um sich zu betrinken. Aber er wusste, dass Alkohol die verrückten Gedanken austreibt, wenigstens für eine Weile – weiß Gott, das wusste er so gut wie jeder andere!
Ich stieß meinen Literkrug mit ihm an und er nickte und wischte sich blöde grinsend den Schaum von der Nasenspitze, nachdem er ihn bis zur Hälfte geleert hatte. Er benutzte dazu nicht den Handrücken, sondern nahm das Revers seiner dünnen Sommerjacke.
«He, langsam», warnte ich. «Du bekommst, soviel du willst. Aber immer mit der Ruhe, sonst liegst du mir gleich im Gang.»
Er druckste eine Weile herum, als habe es ihm die Sprache verschlagen. Dann sagte er völlig klar:
«Sie geben mir Geld und was zu trinken – wieso?»
Ich war überrascht, denn sein melancholischer Blick verwandelte sich für Sekundenbruchteile in den eines scharfen Wachhunds, in die Augen eines Rottweilers oder Dobermanns, falls man das sagen kann. Aber im Grunde war es nicht weiter verwunderlich: diese Irren haben oft lichte Momente. Nur dass sein Argwohn so plötzlich kam, machte mich etwas stutzig.
«Ich will, dass wir Freunde werden.»
«Freunde? Wozu?»
«Na, es gibt immer zu wenig davon – oder?», gab ich ausweichend zur Antwort.
Er kratzte sich am Kopf; dann deutete er mit einer unsäglich leidend wirkenden Kinnbewegung zur anderen Straßenseite und über das Dach des gegenüberliegenden Gebäudes, hinter dem, unsichtbar aus dieser Perspektive, die Anstalt lag, und sagte:
«Ich bin drüben aus dem … Heim .»
«Na und?», fragte ich.
«... und hab nur einmal im Monat Ausgang.»
«Du wirst zwei- oder dreimal in der Woche Ausgang bekommen. Dafür kann ich sorgen.»
«Wirklich?», fragte er. Unglauben spielte in seiner Miene.
Ich beugte mich etwas zur Seite, damit mehr Licht von der Wandlampe auf seine Züge fiel. Noch immer erinnerte mich seine faltige Haut um die Augen an einen schlecht geschminkten Schauspieler, den der Maskenbildner vergeblich älter erscheinen lassen wollte, als er war. Eine unnatürliche Röte lag auf seinem Gesicht.
Erst viel später sollte ich erfahren, dass es eine seltene Krankheit frühzeitigen äußeren Alterns war, deren lateinisch klingender Name mir entfallen ist.
«Hand drauf.»
«Wie heißt du?»
«Nenn mich einfach Ralf.»
«Mein Name ist Erich Traphan.»
«Du stammst aus der DDR, hab ich recht?»
Er musterte mich seltsam fragend. Und dann war plötzlich dieses Misstrauen da, das er, wahrscheinlich zu Recht, auch seinen Ärzten entgegenbrachte und mit dem ich später noch so oft zu kämpfen haben sollte. Diesen merkwürdigen Halbgöttern in Weiß, die angeblich alles über seine Krankheit wussten oder in Erfahrung bringen wollten und sein Leben doch mit der Eile einer Sendung leicht verderblicher Waren verwalteten.
«Wieso weißt du davon? Ich rede mit niemandem darüber.»
«Dein Dialekt …»
Er nickte. «Muss ich mir abgewöhnen», meinte er nachdenklich.
«Wozu denn?», fragte ich.
«Um nicht aufzufallen …» – Er sagte es mit so lauter, erhobener Stimme, dass ich beruhigend meine Hand auf seinen Arm legte. «Las uns lieber hinausgehen», schlug ich vor.
«In den Park?», fragte er.
«Gut, warum nicht in einen Park ….»
Wir überquerten den Max-Joseph-Platz. München wirkte um diese Stunde – am späten Samstagnachmittag – wie irgendeine x-beliebige deutsche Provinzstadt, die mich unangenehm an meinen letzten Außenposten in Bulgarien erinnerte.
Wegen der Ausweisung dreier hochgestellter Botschaftsangehöriger hatte mich Stankowitz sicherheitshalber nach Pernik dirigiert, einer Kleinstadt etwa dreißig Kilometer westlich von Sofia, weil er zu Recht befürchtete, man könnte mir verdächtige Kontakte zu ihnen nachwiesen und ich würde ebenso wie sie in den Bannstrahl der bulgarischen Regierung geraten und ausgewiesen werden. Pernik …!
Trotz seines «Museums der Revolutionsbewegung», trotz des Nationaltheaters und eines dreckspeienden Hüttenkombinats ein Alptraum an Biederkeit und Langeweile. Pernik, diese Stadt an der oberen Struma, die ihrem Namen soviel Ehre machte wie eine Schilddrüsengeschwulst.
Ich hasste Kleinstädte – so wie ich Schreibtischarbeit und Büros hasste, weil sie meiner geistigen Gesundheit abträglich waren – und die Stille eines Sonntagnachmittags brachte mich um den Verstand. Pernik besaß soviel davon, dass ich mich mehr als einmal am Bahnhof wiedergefunden hatte, fest entschlossen, alles hinzuwerfen und ins westliche Ausland zurückzukehren, nach Amsterdam, nach Rom oder Paris, wo ich einige angenehme Jahre verbracht hatte.
Bulgarische Kleinstädte sind eine armselige Ausgabe des Sozialismus: schon im Frühsommer vor Hitze flimmernde Luft und kaum hat man das Zentrum verlassen, armselige Bauernkaten mit Schweinekofen und privat bewirtschafteten kleinen Gemüsegärten, die von schiefen Bretterzäunen umrahmt werden. Hier in München war es auch nicht viel besser, zumindest nach Geschäftsschluss, ehe ein Heer von Nachtschwärmern aus Bar-, Theater- und Kneipenbesuchern die Innenstadt zu seinem Revier erklärte. Aber ich war wenigstens im Außendienst.
Wir nahmen die Straßenbahn zum Botanischen Garten (Traphan war begierig, damit zu fahren und ich tat ihm den Gefallen, obwohl ein Taxi weniger Aufmerksamkeit erregt hätte).
«Siehst du den kleinen roten Strauch da über der Steinbrüstung?», fragte ich.
Wir waren in einem einsamen Winkel des Parks und ich würde es riskieren können.
«Was ist damit?», nickte er.
«Wie dick ist sein Ast?»
«Zwei Finger ...»
«Ungefähr, ja.»
Ich zog die Nullacht mit dem Schalldämpfereinsatz aus meinem Gürtel und legte darauf an.
Ein dumpfes Geräusch – als schlage man mit dem Eispickel in eine Schädeldecke – begleitete das Zurückschwingen meiner Hand und die Strauchkrone flog wie von Geisterhand bewegt hinter der Brüstung zu Boden.
«Großartig», jubelte er und streckte begierig die Hand nach der Nullacht aus.
«Später», wehrte ich ab. «Ich muss dir erst noch die Grundbegriffe beibringen.»
«Du willst mir das Schießen beibringen?»
«Wenn du niemandem etwas davon verrätst, ja.»
«Auch nicht meinen Ärzten?», fragte er und hielt einen Moment lang unschlüssig inne.
«Denen erst recht nicht.»
«Das geht in Ordnung», lächelte er befriedigt. «Sie stopfen mich mit Pillen voll. Ich werd‘s keinem von denen verraten.»
«Dann wär‘s mit deinen Freigängen vorbei.»
«Und meine Schwester?»
«Zu niemandem ein Sterbenswörtchen.»
«Großartig, ganz großartig.»
«Und jetzt gehen wir was essen. Ich nehme an, der Anstaltsfraß hängt dir schon zum Hals heraus.»
«Pizza?», fragte er. «Was du willst.»
«Nudeln als Vorspeise, grüne Bandnudeln. Und dazu viel Wein, roten italienischen», sagte er schwärmerisch.
Wir kehrten in einem kleinen Lokal ein, dessen Besitzer Sizilianer war und – wie ich aus unseren Dossiers wusste – von der hiesigen Maffia abkassiert wurde. Ich hatte mir von allen Lokalen, Personen und Institutionen, die in den kommenden Wochen auf meinem Besuchsplan standen, im Kölner Amt möglichst genaue Unterlagen besorgt, um sicherzugehen, dass mich niemand erkennen und dass ich keinem alten Bekannten begegnen würde.
Es war düster wie in einer billigen Bar, mit imitierten Fischernetzen, präparierten Tintenfischen und großen Muscheln unter der Decke, die im rötlichen Licht die Fleischfarbe überdimensionaler Ohren angenommen hatten, aber Traphan schien es zu gefallen.
Als er zur Toilette ging, goss ich unauffällig etwas von meinem Mineralwasser in sein Weinglas. Da er nicht an Alkohol gewöhnt war, würde er sonst möglicherweise beim Anstaltspförtner auffallen und all die mühseligen Recherchen der letzten Tage waren keinen Pfifferling mehr wert.
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