Macay überkam erst jetzt der volle Schrecken der überstandenen Gefahr. Ihm schwindelte. Es dauerte eine Weile, bis er sich wieder im Griff hatte.
„Was ist mit dir?“, fragte Rall. Dann sah er Macays blutende Schulterwunde. „Oh, ein Kratzer.“ Aus seiner Umhangtasche nahm er einen der kleinen Leinenbeutel mit Kräutern. Er schüttete ein Häufchen Kräuter auf seine Hand, führte sie zum Mund, kaute gründlich auf den Kräutern herum und spukte den entstandenen Brei wieder auf seine Hand. Dann hieß er Macay, sein Lederwams und das Hemd auszuziehen und verteilte den Brei auf der Wunde.
Die lindernde Wirkung setzte so schnell ein, dass Macay gar nicht dazu kam, sich über diese unsaubere Methode der Wundbehandlung zu beschweren. Die Wunde hörte auf zu bluten, der Schmerz verschwand und eine wohlige Wärme breitete sich aus.
„Danke. Als Heiler bist du wirklich gut. Ist der Sockel gefährlich?“
„Nein. Aber wir müssen nachsehen, was sich darin befindet. Um einen herbeigerufenen Dämon an einen Ort zu binden, muss ein Artefakt vorhanden sein. Ich vermute es in dem Stein. Los, wir suchen im Ort nach einem kräftigen Hammer. Irgendwo nahe dem Nordtor muss der Schmied seine Werkstatt gehabt haben. Sehen wir dort nach.“
Wenige Minuten später waren sie mit einem schweren Schmiedehammer wieder zurück. Mit gemeinsamer Anstrengung gelang es ihnen, den Hammer zu schwingen und mehrmals auf den Steinsockel fallenzulassen. Sie durchsuchten die Trümmer. Macay entdeckte schließlich einen Silberring, der einen rotglühenden kleinen Edelstein trug. Die Farbe erinnerte ihn unangenehm an die Augen des Dämons.
„Wir werden seine Eigenschaften untersuchen lassen“, erklärte Rall. „Kann sein, dass er seinem Träger schadet, kann sein, dass er seinem Träger nützt. Bevor wir das wissen, müssen wir vorsichtig sein.“ Er wickelte den Ring in ein Stück Stoff und steckte ihn ein. „So, nun wird es Zeit, die Bewohner des Dorfes zu finden und ihnen zu erzählen, dass sie unbesorgt zurückkehren können.“
Bevor sie gingen, holten sie mit Hilfe des Hammers noch drei der Krallen des Dämons aus dem Gestein. Sie waren tiefschwarz, geformt wie kleine Speerblätter und hart wie Diamant. Als sie versuchsweise den Hammer auf einen davon knallen ließen, blieb das Gebilde heil, der Hammerkopf zeigte eine Delle.
„Interessant, aber zu nichts zu gebrauchen“, sagte Rall.
Macay steckte sie trotzdem ein. „Vielleicht finden wir jemanden, der bereit ist, uns Geld dafür zu geben.“
Sie verließen den Ort in Richtung Norden und folgten den Spuren der geflohenen Bewohner von Eszger bis an den Rand eines Laubwalds. Hier blieb Rall stehen.
„Egal, was passiert, greife nicht zur Waffe“, sagte er zu Macay.
Macay nickte. Er konnte in dem Wald nichts Besonderes erkennen. Bäume, Büsche, Gras und Moos, und darüber in der Luft Vögel, die zwitscherten. Ein Specht hämmerte in der Nähe und eine vorwitzige Maus rannte über einen Sonnenfleck und verschwand in ihrem Loch. Alles war so ruhig und normal, dass es gar nicht Wirklichkeit sein konnte nach all den Abenteuern, die er in den letzten Tagen erlebt hatte.
Da Rall sich auf einen Stein am Wegrand setzte, fragte Macay ihn schließlich, worauf er warte.
„Wir werden beobachtet. Die Leute, die sich im Wald verstecken, wissen nicht, wer wir sind. Wir könnten Kaiserliche sein, die sie in eine Falle locken. Oder Wegelagerer, die die Not der Flüchtlinge ausnutzen wollen. Wir müssen Geduld haben und abwarten.“
Die Sonne beschrieb über ihnen einen weiten Bogen, ohne dass Rall eine Spur von Ungeduld zeigte. Erst als Macay aufsprang und rief: „Vorsicht, da kommt jemand!“, kam Leben in den Katzmenschen. Er stand auf, dehnte sich und schaute in die angegebene Richtung.
Drei Personen kamen aus dem Wald heraus: ein Echser, eine Frau und ein Katzmensch. Alle drei waren bewaffnet und sahen Rall und Macay misstrauisch an.
„Was wollt ihr?“, fragte die Frau.
„Wir haben Eszger von dem Dämon befreit, den die Kaiserlichen hinterließen. Wir dachten, das sei euch eine Belohnung wert.“
„Unsere Kundschafter sind eben zurückgekommen und haben berichtet, dass der Dämon weg ist. Falls tatsächlich ihr ihn getötet habt, dann gebührt euch unser Dank und unsere Gastfreundschaft. Mehr haben wir leider nicht zu bieten. Wir sind arm, besonders nachdem unser Ort zerstört wurde.“
Macay zog eine der Krallen aus der Tasche und präsentierte sie den staunenden Eszgern. „Ist euch das Beweis genug?“
„Nun, es reicht, um euch Glauben zu schenken“, sagte die Frau, nachdem sie die Kralle untersucht hatte. „Mein Name ist Mirjam, ich bin die Dorfsprecherin, nachdem unser Ältester Edylf beim Angriff der Kaiserlichen ums Leben gekommen ist. Folgt mir, ich bringe euch in unser Lager.“
Doch der Katzmensch in ihrer Begleitung hielt sie zurück: „Wir haben unsere Gäste noch nicht nach ihren Namen gefragt. Bevor wir einen Fremden von meiner Rasse ins Lager lassen, möchte ich wissen, wer er ist.“
Rall verbeugte sich. „Mein Name ist Rall, jedenfalls lautet so die Kurzform.“ Er stieß ein paar zischende, mauzende Laute aus. „Das ist mein voller Name. Und dieser Junge hier heißt Macay.“
„Rall!“, sagte der Katzmensch überrascht. Er trat ein Stück zurück und musterte Rall. „Es könnte sein. Du bis sehr viel magerer geworden. Und älter. Dein Fell hat arg gelitten. Aber, ja, du bist es. Was ist dir zugestoßen, dass du sogar deinen Eigengeruch verloren hast?“
„Das ist eine lange Geschichte, die ich lieber an einem gemütlichen Lagerfeuer erzähle, als hier mitten auf dem Weg. Aber da wir schon dabei sind: Wie lautet dein Name?“
„Mazu.“
„Hm. Ich glaube, ich kannte dich, als du noch sehr klein warst, Mazu. Weit oben im Norden ... Aber das würde jetzt zu weit führen. Geht voraus, wir folgen euch.“
Während sie in den Wald hineingingen, unterhielten sich Mazu und Mirjam leise, dann wandte sich Mazu an Rall. „Du weißt, dass Zzorg seit einigen Monaten in Eszger lebt?“, fragte sie.
„Zzorg!“ Rall blieb stehen. „Warum ist er nicht hier?“
„Er wurde beim Rückzugsgefecht verletzt. Zusammen mit ein paar Tapferen hat er die Kaiserlichen daran gehindert, uns in den Wald zu folgen. Nur wenige von ihnen haben die Heldentat überlebt.“
„Wie ist sein Zustand?“
„Kritisch“, antwortete Mazu.
„Warum stehen wir dann noch hier?“, rief Rall. „Los, weiter!“
„Wer ist Zzorg?“, fragte Macay.
„Du wirst schon sehen“, sagte Rall. „Hoffentlich kommen wir nicht zu spät.“
Schneller als bisher eilten sie durch den Wald. Macay hörte, wie Mirjam zu einem ihrer Begleiter sagte: „Rall ist der berühmteste Heiler, den die Katzmenschen je hatten. Wenn er es nicht schafft, dann keiner.“
Nach langem Marsch erreichten sie die provisorischen Unterstände auf einer Waldlichtung. Männer, Frauen und Kinder sah Macay hier, wobei die Menschen in der Minderzahl waren. Macay starrte vor allem die Echser so offen an, dass er schließlich selbst bemerkte, wie unhöflich er war. Aber die Echser hatten auch einen sehr starren Blick, wahrscheinlich fiel ihnen Macays Verhalten gar nicht auf.
Echser verfügten über menschenähnliche Gestalt. Ihr Körper war von einer dicken Haut überzogen, deren Farbe je nach Körperteil von Giftgrün bis Milchig-weiß reichte. Sie gingen aufrecht, wirkten aber recht wackelig dabei. Die Beine waren kürzer als bei Menschen, der Oberkörper dafür aber länger und in den Schultern breiter. Beeindruckend war ihr ins riesige vergrößerter Eidechsenkopf mit einem großen Maul voller scharfer Zähne, aus dem eine lange Zunge herausschießen konnte.
Niemand kümmerte sich um Macay, deshalb rannte er hinter Rall her, nachdem er sich sattgesehen hatte. Man führte den Katzer zu einem Zelt, das als Lazarett diente. Mehrere Verwundete lagen hier auf Decken. Die meisten hatten Schnittverletzungen von Schwertern, einige auch Verbrennungen.
Читать дальше