Sie las den Bericht mehrmals, versuchte geduldig dahinter zu kommen, was manchmal nur angedeutet war, doch auch zwischen den Zeilen fand sie keinen Hinweis auf Meinungsfreiheit und Unverletzlichkeit der Person, wie die künftige stalinsche Verfassung es postulierte. Sie erfuhr von den Bemühungen des jugendlichen Denunzianten, als neu ernannter Straßenvertrauensmann, Ordnung in die chaotischen Beziehungen der Bürger zueinander zu bringen. Das war auch nötig, denn die Gesetzlosen in der Stadt waren schon zur Bedrohung der ordentlichen Bürger geworden. Den Eltern, die dem Urteil eines Sondergerichts zufolge schwere Strafen abbüßten, rief der Sohn im Zeitungsinterview zu: Bessert euch! Und kehrt als Geläuterte in die Gesellschaft zurück!
Lena hatte Mitleid mit den Verurteilten, die nun, wer weiß wo, dahinvegetierten. Sie hatte keine Vorstellung davon, wo das sein könnte, und das beunruhigte sie.
Ervin hatte sie hinaus in den Park gezogen. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß niemand in der Nähe war, sagte er:
„Noch zwei Wochen, dann fahre ich.“
„Ja, du mit deinem ungarischen Paß. Und wenn sie dich an Horthy ausliefern?“
Einen Moment stutzte er. Alle Kommunisten, deren Admiral Horthy von Nagybánya, der Sieger über die Ungarische Räterepublik, habhaft wurde, waren erschossen worden. Dann lachte er:
„Das wäre fatal, in der Tat, aber das tun die nicht. Die haben ja Gottseidank keine Grenze mit Ungarn.“
„DIE“ rief sie zornig, „bist du schon so verroht, daß du deine Genossen die nennst? Oder wen meinst du, wenn du DIE sagst?
„DIE“, sagte Ervin, „das sind die Elfenreigen auf morgendlichen Wiesen, DIE, das sind Rotkäppchen und die Großmutter ohne den Wolf und die, das sind die Pfeifenrauchringe aus dem Knasterkocher des allersanftesten Vaters der Werktätigen.“
„Verdammt noch mal“, rief sie, „kannst du nicht ein einziges Mal deine trotzkistischen Sticheleien lassen?“
Das Wort trotzkistisch hatte sie, wie es allgemein üblich war damals, gewohnheitsmäßig ausgesprochen, ohne genau zu wissen, was es bedeutete. Niemand im weiten Land hatte eine genaue Vorstellung von dem Wort, das zu einem Schreckensruf geworden war. Mal wurde es genutzt, um Parteimitglieder zu Abtrünnigen zu stempeln, mal wurde es genutzt, um eine besonders niederträchtige Art von Vaterlandsverrat zu brandmarken.
Schwach hatte sie die Vorstellung, daß Trotzki die Möglichkeit bestritt, allein im industriell unentwickelten Rußland den Sozialismus einzuführen. Nach Trotzkis Meinung könne der Sozialismus nur in einem industriell hochentwickelten Land beginnen, Deutschland zum Beispiel, um sich wie ein Buschfeuer über den Erdball auszudehnen. So ungefähr hatte sie es verschwommenen Zeitungsberichten entnommen, die sie wie die Chiffren einer Geheimschrift zu entschlüsseln versuchte.
In den oft seitenlangen Beschimpfungen Trotzkis fand sie keinerlei sachliche Auskünfte über das Wesen seiner Anschauungen. Schriften von ihm, die sie in Bibliotheken suchte, waren aus den Regalen verschwunden. In Büchern, die ihn zitierten, waren die entsprechenden Absätze geschwärzt. Sie hatte die Seiten gegen Licht gehalten, um vielleicht doch etwas zu entziffern. Vergebens. Die schwarze Tinte war undurchdringlich.
Aber der Mann war ein Mitkämpfer Lenins gewesen, er hatte der Revolution als Außenminister und Kriegskommissar gedient und den Aufstand der Kronstädter Konterrevolutionäre niedergeschlagen. Und plötzlich sollte er zu einem Verräter geworden sein? Konnte man das glauben? Wie, wenn es sich um einen grotesken Irrtum handelte? Aber weshalb gewährten ihm dann die Regierungen kapitalistischer Länder bereitwillig Asyl, anstatt ihn als ihren Todfeind von Land zu Land zu hetzen?
„Ich bin kein Trotzkist“, antwortete Ervin ernst, „sondern ein Versöhnler.“
Auch bei diesem Wort verstand sie nicht, daß Menschen, die sich dazu bekannten, Volksfeinde seien und ausgerottet werden müßten. War sie nicht auch eine Versöhnlerin, wenn sie sich bemühte, in Diskussionen einen goldenen Mittelweg zu suchen, anstatt unversöhnlich in Worten aufeinander loszugehen? Und wieso gestand Ervin ihr, ein Versöhnler zu sein. Nichts zwang ihn dazu. Was bezweckte er damit? So weit also ist es mit uns gekommen, daß ich schon meinen engsten Freunden mißtraue.
„Dem Henker ist es egal,“ sagte er, „wem er den Genickschuß verpaßt, aber mir ist es nicht egal, wenn man mich mit dem falschen Titel anredet.“
„Du plapperst zu viel“, sagte sie, „Du solltest vorsichtiger sein in der Auswahl deiner Gesprächspartner. Weißt du nicht, wer ich bin?“
„Ich weiß“, sagte er, „ ich weiß. Du bist eine Gläubige, die besser in die Kirche gehen sollte als zu Parteiversammlungen; Leute wie du sind verblendet, aber sie denunzieren nicht.“
„Wenn du dich nur nicht täuschst“, sagte sie.
„Du bist ein unschuldiger Mensch, der gewarnt werden muß, und ich bitte dich, laß dich von mir warnen: verlaß dieses Land.“
„Das geht nicht“, sagte sie.
„Wieso sollte es nicht gehen? Du bist Deutsche mit deutschem Paß.“
„Soll ich vielleicht zu Hitler überlaufen?“
„Im Zug nach Deutschland könntest du in Warschau aussteigen.“
„Und dann?“
„Über die Tschechoslowakei nach Frankreich. Du könntest wie ich zu den Internationalen Brigaden gehen, als Krankenschwester, das wolltest du doch.“
„Ich kann nicht.“
„Lena.“
„Ja?“
„Komm mit mir, oder komme nach. Ich würde dir helfen. Du müßtest nur wollen. Wie lange sind wir nun schon Freunde?“
„Dreizehn Jahre?“
„Dreizehn Jahre. Ich habe nie begriffen, wieso du einen Kerl wie Karcsi heiraten konntest.“
„Es war kein anderer Bewerber da“, versuchte sie zu scherzen.
„Ich war immer da“, sagte Ervin, „aber egal. Jetzt hat Karcsi dich sitzenlassen. Komm jetzt mit mir, und wir fangen beide ein neues Leben an.“
„In den Internationalen Brigaden?“
„Wo du willst. Wir müssen nicht in den Tod gehen wollen, um uns von Stalin zu befreien. Wir können auch das Leben wählen, so frei wären wir dann.“
„Ist das nun eine Liebeserklärung oder was?“
„Es ist eine Liebeserklärung, um es mal ganz deutlich zu sagen.“
„Sie kommt aber zu spät.“
„Ich habe dich immer haben wollen.“
„Eine weißhaarige Alte.“
„Lena, du weißt, daß wir zueinander gehören, du weißt das schon lange. Ich mache mir den Vorwurf, daß ich dich nicht schon längst über Karcsi aufgeklärt habe. Deine Hochzeit mit ihm war die reinste Kolportage. So wie ihr heiratet man nicht. Mache jetzt einen Strich unter die lächerliche Vergangenheit und komm mit.“
„Ich bin Sowjetbürgerin.“
„Was?“
„Ja, ich bin Sowjetbürgerin. Endlich. Ich habe lange darauf gewartet, und jetzt hat die Partei zugestimmt.“
„Seit wann?“
„Seit einer Woche.“
„Karcsi hat dir dazu geraten“, rief er, „an allem ist Karcsi schuld.“
„Nein, ich sehe ihn kaum, ich selbst habe mir dazu geraten.“
„Mein Gott“, sagte er nach kleiner Bedenkpause, als er die Aussichtslosigkeit ihrer Situation einsah, „was hast du getan? Du bist verloren.“
„Ach“, sagte sie, „mit einem Mal? Ich denke, du hältst mich für eine Gespensterseherin.“
„Ich meinte“, sagte Ervin verlegen, „jetzt stehst du ohne Schutz da. Bisher war der deutsche Paß dein Schutz. Der wird dir jetzt fehlen.“
„Wenn du Moskau verläßt“, sagte sie leise, „wenn du im Westen bist, Ervin, bitte, bring uns nicht in Schande.“
„Wie meinst du das?“
„Erzähle nicht, wie es wirklich um uns steht in Moskau.“
Er sah sie mit großen Augen an und schüttelte den Kopf, als könne er nicht fassen, was er eben gehört hatte.
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