Die beiden fremden Männer warfen sich einen verständnislosen Blick zu, als hätten sie mit einemmal erkannt, eine Irre vor sich zu haben, und als der Mann ohne Schnurrbart mit der Schulter zuckte, sagte der Schnurrbärtige:
„Kommen Sie mit“, und als sie sich nicht von der Stelle bewegte: „Los beeilen Sie sich, wir haben nicht ewig Zeit.“
Alex Gustawowitsch in der Zimmerecke erhob sich, trat mit zögerndem Schritt an die beiden Tschekisten heran und hielt ihnen ein Papier hin:
„Ich bin das langjährige Parteimitglied Alex Gustawowitsch Bellin, dies ist mein Dokument.“
Der Mann ohne Schnurrbart las flüchtig das Papier und sagte:
„Na, und?“
„Ich dachte nur, daß Sie vielleicht wissen möchten, wer ich bin.“
„Deutscher?“
„Ja. Ehemaliger Direktor der deutschen Schule in Moskau.“
„Gegen Sie liegt nichts vor, Sie können gehen.“
„Danke.“
Ohne die Freundin noch einmal anzusehen eilte er an ihr vorbei. Verwirrt lauschte sie hinaus in den Flur, wo sie ihn eiligen Schritts die Treppe hinablaufen hörte.
Sie trug ein dünnes Hauskleid und Hausschuhe.
„Ich habe Sie erwartet und bin bereit“, sagte sie, „ich möchte nur ein paar Sachen einpacken.“
„Nichts werden Sie tun“, sagte der Schnurrbärtige, „Sie kommen mit so wie Sie sind.“
„Das fehlte noch“, sagte der andere, „daß wir Ihnen erlauben, Spuren zu verwischen.“
„Ich will nur ein paar Sachen zum Wechseln mitnehmen, Wollsachen vor allem und ein Mäntelchen, wenn Sie gestatten ...“
„Bitte, Bürgerin“, sagte der Mann ohne Schnurrbart, „unser Beruf ist schon schwer genug, machen Sie ihn uns nicht noch schwerer.“
„Aber, Genossen, es ist Winter“, sagte sie mit kleinem Vorwurf in der Stimme, „Ich weiß nicht wie kalt es ist, aber es sind mindestens dreißig Grad unter Null.“
„Ich weiß nicht“, sagte der Mann ohne Schnurrbart, „wie Sie dazu kommen, uns Ihre Genossen zu nennen“, und so, als gebe er angesichts der Unvernunft der Welt seinen Widerstand auf: „Aber nun ist es auch schon egal.“
„Nun marsch“, sagte der Mann mit Schnurrbart und stieß sie zur Tür. Im letzten Moment gelang es ihr, wahllos ein paar Sachen zusammenzuraffen, egal, was es war, Hauptsache sie hatte etwas in der Hand.
Nach der Auskunft des Moskauer Wetteramtes zeigte das Thermometer am 20. Januar 1937 minus fünfunddreißig Grad Celsius.
Als sie häuslich gekleidet aus der warmen Stube auf die Straße trat, schlug der Frost sie wie mit einer Brechstange zu Boden.
Schon vor zwanzig Jahren, als Lena mir zum erstenmal die Geschichte ihrer Verhaftung erzählte, fielen mir ihre Ungereimtheiten auf. Die Erzählung der Frau kam wie aus einem Guß, und jede Zwischenbemerkung wischte sie ungeduldig vom Tisch.
Ich habe immer wieder nachgefragt. Noch nie hatte ich von solchen Geschichten gehört, ja, ich hatte es nicht für möglich gehalten, daß es solche Szenerien in Wirklichkeit gab, und manchmal, während sie sprach, war mir, als müsse ich aufstehen und weggehen, um mir nicht länger diese Wippchen anzuhören. Erst jetzt, da die Akten des russischen Staatssicherheitsdienstes für die Forschung freigegeben sind, habe ich die Möglichkeit bekommen, ihre Angaben zu überprüfen, und bin nun imstande, den wahren Kern herauszuarbeiten.
1982 ist sie gestorben. Natürlich bin ich froh, daß sie nie erfahren hat, wie sich ihre Verhaftung in Wirklichkeit abgespielt hat.
Schon vor zwanzig Jahren, als Lena mir zum erstenmal ihre Geschichte erzählte, fiel mir auf, daß sie einen Nachmittag und einen langen Abend vergebens auf die Krankenschwester gewartet hatte. Schon damals hatte ich einen Verdacht, den ich aber nicht auszudrücken verstand. Nur einmal, während sie tief seufzend Atem schöpfte, warf ich ein:
„Weshalb kam die Krankenschwester nicht?“
„Genau davon erzähle ich Ihnen die ganze Zeit, warten Sies ab.“
„Sie kam also noch.“
„Nein, sie kam nicht.“
„Hätte nicht Alex Gustawowitsch, der sich Sorgen um Ihre Gesundheit machte, nachfragen müssen, wo die Krankenschwester blieb?“
„Nein, das hätte er nicht. Er war nicht mein Vormund und ich nicht sein Mündel.“
Ich fragte mich während ihrer Erzählung, was der ehemalige Direktor der deutschen Schule nachts um zehn in der Wohnung seiner ehemaligen Kollegin zu suchen hatte, mit der ihn kein erotisches Verhältnis verband.
Ich fragte mich, weshalb er eilfertig den Genossen vom Staatsicherheitsdienst sein Parteidokument aufdrängte. Ich fragte mich, warum er ohne Gruß verschwand, nachdem er zehn Stunden lang Stimmung gemacht hatte. Ich fragte mich, warum er dafür sorgte, daß die Tür nicht verbarrikadiert war, als die Genossen des Staatsicherheitsdienstes eintrafen, warum er dafür sorgte, daß die Tür nicht abgeschlossen war.
Die Geschichte dieses Nachmittags und Abends in der winzigen Mietwohnung an der Kleinen Steinbrücke in Moskau vor sechzig Jahren stimmte, so wie Lena sie mir erzählte, hinten und vorne nicht.
Natürlich fragte ich mich, ob Alex Gustawowitsch tatsächlich die Städtische Nervenklinik um Hilfe gerufen hatte, und als ich eine kleine diesbezügliche Andeutung machte, sah Lena mich groß an und antwortete nicht.
Sie hat nie erfahren, wie sich ihre Geschichte wirklich zutrug.
In den freigegebenen Akten des sowjetischen Staatssicherheitsdienstes habe ich die Wahrheit gefunden.
Oder sie hat die Wahrheit geahnt und nur nicht gewagt, sie sich einzugestehen.
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