Auf jeden Fall sollte ich so tun, als sei das nie passiert. Wenn ich jetzt mit Frühstück ans Bett träte, Lukas küsste und sagte Hallo, Schatz, wann heiraten wir? – er fiele tot in die Kissen zurück. Ich wollte aber weiter bei Holz nach Maß arbeiten und nicht kündigen, weil die Situation unhaltbar geworden war. Außerdem hatte ich doch eigentlich Saskia für Lukas vorgesehen!
Also, am besten war überhaupt nichts passiert. Wenn ich Glück hatte, war Lukas so weggetreten, dass er das Ganze wirklich für einen Traum hielt und sich gar nichts dachte. Er konnte sich höchstens wundern, weil er nicht mehr auf dem Sofa lag, sondern in meinem Bett.
Aber wenn er gar nichts mehr wusste, musste er stockbesoffen gewesen sein – und dann hätte er die Szene nicht mehr so gut im Griff gehabt. Ich erinnerte mich gut an seine Hände und seine Lippen – und auch an die eindrucksvolle Erektion: Machte Alkohol nicht impotent? Davon hatte man nichts gespürt, absolut nicht, wenn man mal von der leichten Alkoholfahne absah.
Nachdenklich zog ich mich an, Jeans und Sweatshirt, ich besaß ohnehin fast nichts anderes. Hatte Lukas gewusst, was er tat? Hatte er mit mir schlafen wollen ? Unmöglich! Oder? Er hatte nie irgendwelche Signale ausgesandt, dass er sich für mich interessierte, ich hatte immer das Gefühl gehabt, dass es ihm total egal war, ob seine Mitarbeiter Männlein oder Weiblein waren, solange sie nach Maß arbeiteten und gute Kumpels waren.
Ich wischte die Duschpfützen rasch auf und schlich dann in die Küche. Heiliger Saustall, wie sah es denn hier aus! Da hatte ich noch hübsch zu tun, nur gut, dass ich nicht verkatert war. Vom Sofa zog sich eine Spur in den Gang, bestehend aus Jeans, Sweatshirt, Socken und Shorts. Ich betrachtete sie ratlos. Aber wenn Lukas splitterfasernackt in meinem Bett aufwachte und nichts hatte, um seine Blößen zu bedecken, wäre ihm das bestimmt peinlich. Also sammelte ich die Klamotten ein, die stark nach Rauch und leicht nach Aftershave rochen, schüttelte sie aus und legte sie in der richtigen Reihenfolge vor das Bett, in dem er immer noch schlief. Ich betrachtete kurz seinen Rücken – nicht sehr breit, aber muskulös und dunkel. Sah gut aus, unbestreitbar. Was hielt ich eigentlich von ihm? Das war jetzt völlig irrelevant, ermahnte ich mich streng und stapelte die Klamotten unübersehbar auf. Oder hieß dass dann Zieh dich an und verschwinde ? Nein, es sollte nur heißen Ich will nicht, dass du dich hier nackt präsentieren musst, wo du das doch gar nicht willst . Ob er das verstand? Jedenfalls schlief er immer noch, umso besser. Je länger es dauerte, bis er aufwachte, desto normaler sah die Wohnung wieder aus und desto leichter ließ sich die ganze Situation verdrängen.
Ich fühlte das Spülbecken bis zum Rand mit heißem Wasser und reichlich Spülmittel und ließ die erste Hälfte der Gläser hineingleiten, wischte den großen Tisch gründlich ab, arrangierte die Anti-Kater-Ausrüstung dort, stellte Kaffeebecher auf, füllte die Kaffeemaschine und ließ sie laufen, spülte die erste Ladung Gläser und weichte die zweite Hälfte ein, sammelte sämtlichen Müll ein, schüttelte die Kissen auf den Sofas auf, nachdem ich die Krümel auf den Boden gefegt hatte, lüftete weiter – der Rauch hatte sich erst halb verzogen -, trocknete die Gläser ab und verräumte sie und stellte Teller und Besteck in den Schaumberg. Die Arbeitsplatten waren schon wieder sauber (wieso hatte ich Trottel die drei letzten Semmeln nicht eingefroren? Jetzt waren sie altbacken), und bis aufs Staubsaugen hatte ich eigentlich alles erledigt. Kurz vor zwölf. Hoffentlich hatte Lukas nichts vorgehabt! Aber das war nun wirklich sein Problem.
Ich legte ihm frische Handtücher und eine originalverpackte Zahnbürste ins Bad, räumte den Flur wieder so auf, wie er im Alltag aussah, wenn er nicht als Tanzfläche diente, spülte auch die Teller, Messer und Gabeln und verräumte alles. Als ich gerade das Spülbecken liebevoll ausgewischt hatte und überlegte, was ich jetzt tun sollte – staubsaugen? Das würde ihn nur wecken. Einkaufen? Dann haute er womöglich in wilder Panik ab, ohne dass ich Gelegenheit gehabt hatte, harmlos zu tun – kam Lukas in die Küche, in Jeans, mit nacktem Oberkörper. Ich erschrak über das wilde Begehren, das mich bei seinem Anblick packte, und lächelte freundlich. „Guten Morgen! Einen Kaffee? Und ein Aspirin?“
Er betrachtete mich einen Moment lang mit undurchsichtiger Miene. Jetzt dachte er wohl Wieso hab ich mir der -? Gar nicht mein Typ! Na, vielleicht erwähnt sie es nicht. Den Gefallen konnte ich ihm tun. Ich erwiderte seinen Blick betont harmlos-neutral und sah, wie seine Augen noch undurchsichtiger wurden. Kunststück, sie waren fast schwarz und auch in unverfänglicheren Situationen sehr schwer zu deuten. Dann lächelte er kurz. „Danke, ein Kaffee wäre nett. Und ein Aspirin schon notwendig, denke ich.“ Er setzte sich, trank langsam starken schwarzen Kaffee, spülte die Tablette damit herunter und sah mir zu, wie ich das Becken fertig polierte.
Danach setzte ich mich zu ihm. „Was liegt am Dienstag eigentlich an, außer Marcs Garderobenausstattung?“
Er runzelte die Stirn. Hatte er es vergessen? Nein. „Wir müssen die Kniestockschränke zuschneiden und die Teile lackieren. Hättest du etwas dagegen, wenn ich schnell dusche?“
„Nein, natürlich nicht. Es liegt alles im Bad.“
Er verschwand, und ich sah ihm erleichtert nach. Er wollte den Vorfall also auch ignorieren, umso besser! Jetzt musste ich ihm nur noch einige Tage etwas aus dem Weg gehen, und alles war wie vorher.
Während es hinter der Badezimmertür prasselte, holte ich meine Notizen über die Kniestockschränke – ich nahm immer eine Kopie mit nach Hause, um bei einem kreativen Schub (der fast nie kam) gerüstet zu sein.
Die Griffleisten sollte Lukas selbst machen, da hatte er die geschickteren Finger. Nein, das war kein guter Gedanke. Ich verdrängte das Bild seiner Finger an und in meinem Körper und konzentrierte mich lieber auf die Frage, welche Scharniere wir verwenden sollten. Blieben die Standarddinger von außen unsichtbar? Ich guckte in meine Küchenschränke – ja, das funktionierte, von außen sah man gar nichts, obwohl die Türen in den Rahmen eingepasst waren und nicht auflagen. Ich zeichnete ein bisschen herum, berechnete die Abmessungen der Griffleisten und erschrak, als Lukas zurückkam, mit feuchtem Haar und nun vollständig bekleidet.
Er setzte sich wieder, trank seinen Kaffee aus und sah mich dann an. „Danke!“
Ich schaute blöd. „Keine Ursache – aber wofür?“
„Für – ach, für alles eben. Und jetzt lass die Entwürfe mal liegen und genieß die Feiertage, wir können auch am Dienstag weitermachen. Am Donnerstag bauen wir doch ohnehin erst einmal den Korpus ein, und den haben wir schon berechnet. Ich glaube, ich gehe jetzt mal, ich hab noch nichts eingekauft.“
Er stand wieder auf, lächelte etwas ratlos und ging dann ohne Abschiedsgruß. Ich wusste nicht, was ich empfand, als ich blicklos auf die geschlossene Wohnungstür starrte. Was sollte ich empfinden? Sollte ich froh sein, froh, dass er weg war, bevor die Situation zu unangenehm wurde? Froh, dass er diese Nacht auch nicht erwähnt hatte? Wahrscheinlich schon, denn was hätte uns ein solches Gespräch denn groß gebracht? Entweder hätten wir uns verlegen versichert, dass das alles rein gar nichts zu bedeuten hatte, dass es nur am Alkohol gelegen hatte – er wusste sicher nicht, wie wenig ich getrunken hatte – , oder er hätte taktvoll versucht, mir zu erklären, dass er eigentlich nicht... also, dass es ihm Leid täte, wenn... aber sei nicht auf der Suche nach... stotter, stotter – ich wäre langsam immer röter geworden und hätte wenig glaubhaft versichert, dass es mir doch genauso ginge, was denkst du denn! Und dann wäre die Verlegenheit zwischen uns so groß geworden, dass ich wahrscheinlich angeboten hätte, mir einen anderen Job zu suchen, denn so konnte man ja wirklich nicht richtig zusammenarbeiten. Nein, ich war wirklich froh, dass Lukas auch die Verdrängungsmethode vorgezogen hatte. Wir würden schweigen, und wenn wir eine Zeitlang geschwiegen hatten, dann wäre das Ganze auch nie passiert.
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