Marc kam zwischendurch und erzählte von einem Flop auf dem Wochenmarkt – er hatte sich von einer heißen Blondine über die Verwendungsmöglichkeiten von Gemüsegurken beraten lassen wollen, aber sie hatte ihn nur schräg von der Seite angesehen und gesagt „Hau ab, du Wichser.“
„Wieso war die so fies? Ich wollte doch nur wissen, ob man die kocht oder brät oder was!“
Ich grinste. „Hast du dir mal die Form angeschaut? Nächstes Mal nimmst du ein weniger phallusförmiges Gemüse."
„Was – wieso? Ach so? Mensch, hat die echt geglaubt, ich wollte darauf anspielen?“
„Wieso nicht? Was glaubst du, was man so alles an Müll zu hören kriegt! Also, nächstes Mal mehr Vorsicht. Du, ich muss das hier fertig machen – hast du eigentlich nichts zu tun?“
„Doch, den Garderobenbereich für Hemmel&Co , aber ich hab´s schon fast. Mach nur schön weiter.“
Am Dienstag kurz vor vier war ich sehr zufrieden mit mir – die Entwürfe waren fertig und sahen meiner Meinung nach genauso aus, wie Saskia Keller sie haben wollte, der Kostenvoranschlag hielt sich im Rahmen des Erträglichen, mein Büro war aufgeräumt, die Besprechungsecke vorbereitet, und ich hatte eine lange Liste von Ausreden, warum ich zwischendurch das Zimmer verlassen und die beiden alleine lassen musste.
Saskia kam pünktlich, lächelte charmant, begrüßte Lukas flüchtig (Pokerface?) und betrachtete sich, was wir für uns für ihr Dachzimmer ausgedacht hatten. Mittendrin ging ich den Kaffee holen, während Lukas ihr die Details erklärte, dann kam ich kurz wieder, musste gehen, weil ein Telefon geklingelt hatte, kam zurück und wollte gleich wieder weg.
„Was soll denn diese Hektik, Steffi?“, fragte Lukas entnervt. „Jetzt bleib hier, Marc kann sich um die anderen Dinge kümmern.“ Ich zwinkerte ihm verschwörerisch zu, aber es nützte nichts, er bestand darauf, dass ich Saskia alle Einzelheiten darlegte und beschrieb, wie wir uns den Arbeitsablauf vorstellten. Sie nickte zufrieden. „Und Sie beide machen den Einbau?“
„Ja“, antwortete Lukas, und ich triumphierte innerlich. Deutlicher konnte sie ja kaum danach fragen, ob er bei ihr auftauchen würde! Aber etwas anderes – war sie überhaupt noch zu haben?
„Und es macht Ihnen keine Probleme, drei Tage lang zu Hause zu bleiben? Vielleicht kann ein Nachbar... oder Ihr Mann... oder ein Freund... Wir können leider nicht nur abends arbeiten, dann werden wir ewig nicht fertig.“
Sie lächelte mich an. „Ich kann zu Hause arbeiten, das ist gar kein Problem. Außerdem gibt es auch noch anderes zu beaufsichtigen.“
Mist, damit war ich so schlau wie vorher! Lukas warf mir einen irritierten Blick zu, sagte aber nichts. Einige Augenblicke später verließ er uns, was Saskia kaum zu bemerken vorgab. Wir besprachen, was noch zu besprechen war, und legten den Donnerstag nach Pfingsten als ersten Tag des Einbaus fest, dann verabschiedete sie sich freundlich und ich sah ihr nach, wie sie elegant, aber energisch zu ihrem Golf-Cabrio schritt. Schöne Beine! Lukas, schlag zu! Lukas spielte überzeugend Desinteresse, aber er kam mir nicht aus. „Und, wie findest du sie?“
„Ganz nett. Wenn wir da ordentlich arbeiten, empfiehlt sie uns vielleicht wirklich weiter.“
„Und sonst?“
„Was und sonst?“
„Ich dachte, sie könnte dein Typ sein...“, erklärte ich etwas verlegen. Lukas sah mich unter zusammengezogenen Augenbrauen an. „Willst du mich verkuppeln? Steffi, lass das, ja?“
„Hat sie dir nicht gefallen?“ Das war schon ein Rückzugsgefecht, aber ich konnte es nicht lassen. „Geht so. Mein Typ sieht anders aus. Außerdem hat sie immer bloß dich angegrinst, nicht mich. Du kannst auf deiner Party kuppeln, aber hier bitte nicht.“
„Aye, Sir“, murmelte ich also betrübt und kehrte an meinen Schreibtisch zurück. Vielleicht ergab sich beim Einbau ja doch etwas – oder würde Lukas mich jetzt aus purer Gemeinheit mit Marc losschicken? Sollte ich Saskia auf die Party einladen? Nein, das war doof, das konnte man mit Kunden auch nicht machen.
Ich verbrachte den Rest der Woche mit Routinearbeiten, dem Schleppen von Getränkekästen, dem Einkauf sämtlicher Zutaten für alles, was ich servieren wollte, der Beobachtung von Lukas, um herauszufinden, wer nun sein Typ war, und dem Trösten von Marc, dessen Aufreißversuche offensichtlich ein Desaster waren – knapp, dass er sich keine Schläge einfing! Irgendetwas machte er falsch, so wie bei den Gemüsegurken.
Am Freitag machte ich mit Lukas´ Erlaubnis früher Schluss, fuhr mit einem Um-weg über den Supermarkt nach Hause und fing mit den Vorbereitungen an.
Ich setzte mit Hilfe einer tiefgekühlten Tropenobstmischung und einer Flasche Weißwein die Bowle an, stellte reichlich Bier kalt, putzte die Küche und das Bad, räumte den Flur soweit auf, dass man dort im Bedarfsfall tanzen konnte, spülte alle Gläser, holte die bestellten hundert gemischten Semmeln ab (von den eingefrorenen Resten konnte ich sicher noch wochenlang leben), rührte einen Nudel- und einen Kartoffelsalat an, formte hundert scharf gewürzte Hackfleischbällchen und briet sie, machte eine große Schüssel Tsatsiki, arrangierte die Sitzecke besser, stellte alle meine Spiele bereit, putzte noch einmal, bezog mein Bett frisch, schließlich sollten die Leute dort ja ihre Jacken und Mäntel lassen, stellte duftende Kerzen auf, sah hastig meine CDs durch, versteckte einige zu peinliche Taschenbücher im Kleiderschrank und filzte das Bad noch einmal nach indiskreten Utensilien. Nein, Tampons, die vorgestern benutzte Enthaarungscreme und andere Peinlichkeiten lagen gut getarnt im Schrank. Ich duschte schnell noch einmal, polierte die Wanne dann wieder spiegelblank, soweit das bei dem ältlichen Emaille überhaupt noch ging, lüftete, stapelte frische Handtücher auf, wischte den verklebten Seifenspender sauber, holte eine Menge Haare aus dem Waschbeckenabfluss und polierte auch das Becken auf Hochglanz. Schließlich sah ich mich um – alles tadellos, für eine mehr oder weniger abbruchreife Wohnung war das Bad wirklich vorzeigbar!
Überhaupt, alle Räume waren in Ordnung, in der Wohnküche roch es allerdings etwas penetrant nach Knoblauch, vom Tsatsiki und vom Knoblauchbrot. Ich stellte noch Teller mit Kartoffelchips und Erdnüssen auf, goss die Bowle fertig auf, kontrollierte, ob das Besteck nicht schlampig gespült war (so etwas passierte mir nämlich durchaus gelegentlich), bürstete meine Haare und band sie irgendwie zusammen, sah auf die Uhr – fast sieben - und zündete die Kerzen an. Erst als es klingelte, merkte ich, dass ich keine Papierservietten bereit gelegt hatte. Ich holte das hastig nach und öffnete.
Paul und mit zwei weiteren Männern, die ich noch nie gesehen hatte.
„Kommt rein und bedient euch!“
Die beiden sahen ganz nett aus, jedenfalls ziemlich normal. Sie stellten sich als Fabian und Axel vor, beide studierten noch, der eine Theaterwissenschaften wie Robbi, der andere Volkswirtschaft wie Paul. Paul erzählte mir mit gesenkter Stimme, dass Julia nun wirklich mit ihm Schluss gemacht hatte. Ich bedauerte ihn halbherzig und wies auf das üppige Angebot hin, dass ich ihm in Kürze vorlegen konnte. Da, es klingelte schon wieder!
Heike und Barbara – ohne Manuel - , danach Claudia, dann Bernd... Die mühsamen Konversationsversuche erübrigten sich bald, denn in rascher Folge trafen alle Gäste ein. Ich bat alle, sich wie zu Hause zu fühlen und sich selbst zu bedienen, verteilte noch einige Aschenbecher, drehte die Musik etwas leiser, stellte meine selbst erdachten Traumkonstellationen einander vor und wartete dann ab. Marc unterhielt sich eine Zeitlang artig mit der häuslichen Lici, aber ich sah, wie seine Blicke abirrten – er schien nicht wirklich von ihr fasziniert zu sein, leider! Da, jetzt entschuldigte er sich und wandte sich Barbara zu, die etwas verloren mit ihrem Bowlenglas dastand, und lächelte sein Welpenlächeln.
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