„Die? Weißt du jetzt, wer die sind?“
„Nein. Ich hab gefragt, aber dieser Reimers hat gemeint, wenn ich ohnehin kein Interesse an einem Verkauf habe, muss ich das ja auch nicht wissen. Konnte ich schlecht was dagegen sagen.“
„Stimmt. Na, bloß gut, dass wir so weitermachen können." Ich wandte mich der Innenausstattung zu, Fächer, Stangen, Hemdenschubladen, Körbe, und Lukas brachte an jedem Schrank, den ich fertig hatte, die Türen an. Zu zweit kamen wir gut voran – um fünf war der Schrank fertig, wir wischten ihn aus, Lukas justierte die Türen noch nach und trat ein paar Schritte zurück, um die Gesamtwirkung zu prüfen, bis er über das Bett stolperte und darauffiel. Schnell sprang er wieder auf und glättete die Tagesdecke, etwas Farbe auf den scharfen Wangenknochen. Ich tat, als hätte ich das kaum bemerkt, und bat den Kunden um einen Staubsauger.
„Gutes Projekt“, meinte ich später nur, als wir unseren Kram wieder aus dem Auto luden, „wenn ich auch nicht verstehe, wozu man sein Monogramm auf den Schranktüren braucht.“
„Geht mir genauso.“ Lukas zog sich so schnell wie möglich in sein Büro zurück, und ich sah ihm erstaunt nach. War es ihm tatsächlich peinlich, dass er auf das Bett gefallen war? Himmel, das war mir auch schon passiert! Ich wäre einmal beinahe rückwärts eine Treppe heruntergestürzt, als ich einen Einbauschrank inspizierte und immer noch einen Schritt zurücktrat, ohne mich umzusehen. Marc hatte mich damals gerade noch gepackt.
Durfte das dem Chef nicht passieren? Aber sonst kehrte er den Vorgesetzten doch auch nicht derartig heraus, wir duzten uns, er machte die gleiche Arbeit wie wir – nur die Buchhaltung erledigte er alleine – und lief auch nicht gerade in Anzug und Krawatte herum, sondern immer in schwarzen, leicht eingestaubten Jeans und entsprechenden Sweatshirts in trüben Farben.
Als wir am Freitag die kommenden Projekte besprachen und versuchten, aus Schorschis Telefonnotizen schlau zu werden, betrachtete ich ihn verstohlen. Hatte er irgendeinen Kummer? Mürrisch war er ja immer – hatte sich das gesteigert? Nein, er war doch wie immer, schmal, finster, das extrem kurze dunkle Haar mit ersten grauen Spuren darin, der Nachmittagsbartschatten wie immer, die undurchsichtigen, fast schwarzen Augen wie immer, der nüchterne Ton wie immer. Ungewöhnlich war eigentlich nur sein Heiterkeitsausbruch gewesen, als ich der Naturkonsmetiktante weisgemacht hatte, er hätte sich mit einer Säge kastriert. Das hätte er eigentlich auch mit unbewegter Miene hinnehmen müssen, oder?
Er sah auf und seine Augen hakten sich kurz an meinen fest. Dann runzelte er leicht die Stirn, schüttelte fast unmerklich den Kopf und zog ein neues Formular aus dem Stapel, der vor ihm lag. „Eine Dachwohnung – Schränke in die toten Winkel, so dass der Kniestock etwa einen Meter zwanzig beträgt. Weiß lackiert und so unauffällig wie möglich.“
Ich zog den Plan zu mir herüber und betrachtete die Abmessungen. „Matter Lack, unauffällige Griffmulden. Das soll wohl so aussehen, als sei da nur Wand?“
„Genau. Die Illusion einer leeren Wohnung, aber jede Menge Stauraum. Schaffst du das?“
„Natürlich. Soll ich das am Montag mit der Kundin besprechen?“
„Wenn du bis dahin schon was hast?“
Ich bekam noch zwei weitere Entwürfe, bei denen ich wie üblich nur beten konnte, dass Marc keine Messfehler unterlaufen waren. Warum ich ihm so wenig traute, wusste ich auch nicht – lag es an seinem treuherzigen Welpengehabe?
Als wir fertig waren und unsere Unterlagen einsammelten, fragte Marc: „Soll ich nächsten Freitag was mitbringen?“
„Was? Nein, ich bereite alles vor. Sei nur offen für alles, was dir begegnet, mittlerweile sind es über zwanzig Leute, und ich kenne gar nicht alle selbst.“
„Ich bin fest entschlossen, die Frau meiner Träume kennen zu lernen.“
„Hoffentlich kommt sie auch, und hoffentlich bist du dann auch der Mann ihrer Träume. Erwarte dir lieber nicht zu viel.“
Lukas sah uns verständnislos an. „Steffi macht eine Fete speziell für Singles, nächsten Freitag“, erklärte Marc ihm.
„Ja, weil ich von allen Seiten zugejammert werde, und allmählich reicht es mir. Jetzt werden die Winsler gnadenlos miteinander verkuppelt, und dann ist Ruhe im Karton.“ Lukas schaute immer noch so verständnislos drein. „Wenn du Lust hast, darfst du gerne auch kommen“, bot ich in meiner Ratlosigkeit schließlich an, „ich dachte nur, du magst solche Veranstaltungen gar nicht. Ich meine, du bist doch gar nicht auf der Suche, oder?“
„Bist du´s denn?“
„Um Gottes Willen, nein, ich mach doch die Party für die anderen. Ich werde kuppeln, nicht verkuppelt werden.“
„Also, wenn es dir Recht ist“, Lukas sah mich mit seinem üblichen humorlosen Blick an, „dann komme ich gerne. Auf einer derartigen Veranstaltung war ich noch nie.“
„Ich freue mich“, log ich rasch und probierte ein vorsichtiges Lächeln. „Sophienstraße 54, ab sieben Uhr.“
„Ich hab ja deine Personalakte selbst angelegt.“
Kaum waren wir draußen, zischte ich: „Mensch, Marc, du weißt aber auch nie, wann du den Mund halten musst, was? Ich wollte ihn doch gar nicht einladen, das ist garantiert nichts für ihn, aber ich konnte ja schlecht anders.“
„Was ist denn so schlimm daran? Ich meine, Lukas muss ja auch mal vor die Tür, oder?“
„Dann soll er die Kundinnen nehmen, die ihm in Scharen nachlaufen! Zu den Frauen, die kommen, passt er jedenfalls nicht.“
„Ich denke, du weißt noch gar nicht, wer die alle sind?“
„Trotzdem!“, schnauzte ich ihn an und knallte meine Bürotür zu.
Marc, dieser Trampel! Was sollte der finstere Lukas auf meiner Party? Wahrscheinlich verdarb er allen nur die Stimmung, und wenn er tatsächlich eine Frau fand und es mit der dann nicht klappte – was mich bei diesem mürrischen Getue nicht weiter wundern würde – dann war ich nachher noch schuld und konnte mir wieder von beiden Seiten das Gewinsel anhören. Nein, das war unfair – Lukas winselte nicht. So viel ich über Marc und seine bisherigen Misserfolge wusste, so wenig wusste ich über Lukas´ Vergangenheit, die mich schließlich auch nichts anging.
Warum Marc mir immerzu alles in epischer Breite erzählte, hatte ich lange nicht verstanden, aber dann wurde mir klar, dass ich eine Mischung aus Kumpel und Spion im feindlichen Lager war: Mit mir konnte er beiläufig beim Sägen, Stecken, Schrauben und Lackieren über seine Probleme reden und zugleich versuchen, herauszubekommen, was Frauen eigentlich ticken ließ. Früher hatte ich ihn ja ab und zu auch gefragt, warum Männer in bestimmten Situationen so verblüffend reagierten, warum sie etwa lieber Riesenumwege fuhren, als nach dem Weg zu fragen, warum beim Fußballgucken keine Frauen dabei sein durften (ich aber schon), warum sie sich in Krisen einfach tot stellten... Marc hatte allerdings meistens nur die Antwort: „Weiß ich auch nicht. Echt? Ist mir noch nie aufgefallen“, so dass ich es irgendwann aufgegeben hatte, ihn als Informationsquelle zu benutzen.
Zweiundzwanzig Leute – mit Lukas sogar dreiundzwanzig... was sollte ich zu essen machen? Ich entschied mich für einige Schüsseln Salat, Wienerles, Knoblauchbrot und Semmeln, außerdem einen großen Napf Bowle, einige Tragerl Edelstoff (Handwerkertradition!), Wasser, Limo und Cola. Wenn ich noch überall große Teller mit Chips und solchem Kram aufstellte, würde schon keiner verhungern. Da hatte ich ja noch ordentlich zu schleppen! Immerhin hatten meine Freundinnen mir fest zugesagt, auch für die versprochenen blind dates, ebenso meine Brüder und meine beiden Nachbarn. Alfred allerdings hatte etwas skeptisch geschaut. „Da wird doch sicher geraucht und getrunken?“
„Sei kein Pharisäer“, versuchte ich ihn mit seinen eigenen Waffen zu schlagen, „du musst doch auch mal deine Seelenstärke testen, oder? Und vielleicht kannst du jemanden für dein Je–, also für Jesus gewinnen.“ Jesulein wäre jetzt vielleicht doch etwas spöttisch rübergekommen, gut, dass ich mich im letzten Moment noch gebremst hatte!
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