„Was ist denn das für eine Pfeife?“, fragte mich eine Frau, die ich nicht kannte, und wies mit dem Kinn auf Peter, der an der Küchenspüle lehnte, rauchte und betont cool dreinsah.
„Der Jason-King -Verschnitt? Peter, er wohnt hier im Haus und ist eigentlich ganz nett, nur grauenhaft gestylt, was?“
„Ganz nett? Er hat mir jetzt eine halbe Stunde lang erzählt, wie er den Auspuff seiner Corvette aufgebohrt hat, damit sie einen satteren Sound hat.“
„Heilige Scheiße, das ist Absicht? Ich dachte immer, der arme Hund könnte sich keinen neuen Auspuff leisten. Aber die Corvette ist schräg, wie aus einem Billigkrimi aus den Siebzigern. Ich bin übrigens Steffi, und du?“
„Sandra. Ich bin eine Nachbarin von Heike – ist das okay?“
„Natürlich, ich wollte doch, dass möglichst viele kommen, damit ihr alle ein bisschen Auswahl habt. Kann ich dir einen Volkswirtschaftler anbieten, der gerade bei seiner Freundin rausgeflogen ist und immer vergisst, den Müll runterzutragen? Und als er sieben war, ist er vom Garagendach gesprungen, weil er dachte, er könne fliegen. Viel Schaden ist aber nicht zurückgeblieben.“
„Ein echtes Schnäppchen, was? Wie sieht er denn aus?“
Ich zeigte ihr Paul, der gerade alleine dastand, und winkte ihn zu uns. „Das ist Paul, mein Bruder, und das ist Sandra.“
Dann verzog ich mich und hörte nur noch: „Bist du echt vom Garagendach gesprungen?“
Klasse, jetzt würde Paul sicher auch noch einige meiner Peinlichkeiten aus der
Kindheit in Umlauf bringen – wie ich in Hausschuhen in die Schule gerannt war, dass ich mal vom Dreimeterbrett wieder runtergeklettert war, weil ich mich nicht traute, zu springen, dass ich unbedingt ein Pony im Garten halten wollte und mit dreizehn ganz furchtbar in Johnny Depp verschossen war.
Ein Handy klingelte, aus dem Flur erklang Gekicher, am Küchentisch packten einige Leute das Trivial Pursuit aus und begannen die große Schlacht, auf dem einen Sofa wurde schon geknutscht. Es lief doch gar nicht so schlecht, fand ich und füllte den Nudelsalat wieder auf. Semmeln waren noch da, die Bowle ging zur Neige. Ich kippte meine letzte Flasche Sekt hinein – und noch etwas Obst – und unterhielt mich mit Heike, die das Männerangebot bescheiden fand, sich aber freute, dass Ulli wenigstens ihre Torsten-Aversion nun aufzuarbeiten schien.
„Und Barbara scheint sich mit diesem Marc gut zu verstehen.“
„Ja“, stimmte ich zu, „aber was ist denn nun eigentlich mir ihrem Manuel? Ich meine, braucht sie denn zwei Kerle, wenn andere Leute gar keinen haben?“
„Ich glaube, mit Manuel hat sie sich gekracht. Vielleicht tut ihr ein bisschen Spaß mit Marc ganz gut, und wenn sie ihn satt hat, vermittelst du ihn wieder weiter.“
„Willst du ihn?“
„Nicht unbedingt. Du, dein Chef scheint aber etwas finster drauf zu sein!“
Ich folgte ihrem Blick; Lukas lehnte am Kühlschrank und sah den Trivial Pursuit -Spielern zu. „Kannst ihn ja aufmuntern. Gefällt er dir nicht?“
Sie betrachtete ihn. „Ich weiß nicht. Er hat was Düster-Romantisches, aber ich glaube, der ist tierisch anstrengend. Und er selbst wirkt gar nicht interessiert.“
„Kann sein. Er sträubt sich schon länger dagegen, verkuppelt zu werden.“
In diesem Moment fiel sein Blick auf uns und er hob fragend die Augenbrauen, als er bemerkte, dass wir ihn ansahen. Ich winkte ab und sah nun ebenfalls den Spielern zu, die sich köstlich zu amüsieren schienen, wenn auch ohne explizite Paarbildung.
Richtig solo war nur noch Heike – nein, wo war sie denn hin? Ach, sie stand dahinten und sprach mit diesem Alex, der sie zum Tanzen animieren wollte. Ach was – Ulli tanzte mit Torsten, ausgerechnet auf Samba pa ti – das war doch schon ein Oldie, als die beiden ihre missglückte erste Begegnung hatten? Meine Sixties-CD war hervorragend geeignet, das Einzige, was meiner Wohnung noch fehlte, waren flokatiüberzogene Matratzen am Rande der Tanzfläche. Auf allen Sofas wurde mittlerweile hingebungsvoll geknutscht. Nun, wenn alles nach Plan lief, musste ich mich ja nicht mehr kümmern, oder? Ich sah unauffällig auf die Uhr. Viertel nach zwei... Wegen der Nachbarn musste ich mir nichts denken, die über mir hatten erst letzte Woche die ganze Nacht durchgemacht – mit scheußlicher Musik. Über mir wohnte Peter, und der war hier, neben mir eine stocktaube alte Dame, der alles egal war, und schräg unter mir Alfred, der wahrscheinlich gerade mit der gestylten Ruth in der Bibel las, wenn es ihr nicht gelungen war, ihn zu einem kleinen privaten Schöpfungsakt zu überreden.
Das Pärchen unter mir war gegen sechs zum Flughafen gefahren, zwei Wochen Lanzarote, also konnten wir die ganze Nacht Krach machen, wenn wir wollten, aber so laut waren wir gar nicht. Ab und zu erhoben die Spieler die Stimme und zankten sich, ob eine Antwort galt oder nicht, aber von den Sofas kamen nur Seufzer und Gemurmel, und die Musik im Flur war wirklich auf Zimmerlautstärke.
Ich wollte ins Bad, aber es war besetzt. Ziemlich lange besetzt. Schließlich klopfte ich diskret. Nichts – oder war das eben ein Kichern? Ich klopfte energischer. Nach einer halben Ewigkeit, ich musste die Beine schon energisch zusammenkneifen, wurde endlich aufgeschlossen, und Robbi samt der esoterischen Claudia kamen heraus, reichlich derangiert – um nicht zu sagen, nur noch halb angezogen. Jedenfalls musste ich Robbi bedeuten, seinen Reißverschluss zuzuziehen. Er grinste mäßig geniert, legte einen Arm um Claudia und zog sie in den nächsten Tanz. Gut, für eine Kurzzeitschwägerin war damit gesorgt, freute ich mich, als ich auf der Toilette saß, aber was war mit der anderen? Was trieb Paul eigentlich gerade? Hatte er bei dieser Sandra landen können? Ich zog die Spülung, wusch mir die Hände, stellte im Spiegel fest, dass ich hundemüde aussah, und ging auf die Suche. Paul und Sandra...die spielten mit Trivial Pursuit , offenbar eine neue Runde, und zockten die anderen gerade erfolgreich ab.
Die CD war zu Ende, und in die Stille, die eintrat, während ich die nächste auswählte und einlegte, sagte Ulli ziemlich laut: „Ich glaube, ich muss langsam nach Hause."
Na toll – jetzt wollten plötzlich noch mehr Leute aufbrechen! Torsten bot sich an, Ulli nach Hause zu bringen, Marc und Barbara behaupteten, wenn sie jetzt nicht gingen, schliefen sie morgen im Kino womöglich ein. Wahnsinnig glaubhaft – wollten die in die Matinee?
Mehrere andere schlossen sich an, und im Handumdrehen beendeten auch die Spieler ihre Runde und erklärten, es sei furchtbar lustig gewesen, aber jetzt müssten sie unbedingt sofort ins Bett. Ich zwinkerte Paul zu – meinte er sein Bett oder das von Sandra? Er zog ein Pokerface (na, Lukas konnte das aber besser!) und machte sich mit seiner neuen Eroberung davon. Ich brachte die letzten Gäste zur Tür und schloss dann erleichtert die Tür – fast drei Uhr, ich wollte langsam auch ins Bett. Aber offensichtlich hatte ich tatsächlich einige Bekanntschaften vermittelt und so ein richtig gutes Werk getan. Ich konnte stolz auf mich sein!
Sollte ich noch schnell die herumstehenden Gläser einsammeln? Na gut, einsammeln – aber gespült wurden die heute bestimmt nicht mehr! Ich fand einige Gläser im Flur – wie durch ein Wunder war keines zertreten – und trug sie in die Küche, wo ich alles ordentlich neben dem Spülbecken aufstellte und noch schnell das Trivial Pursuit wieder einräumte. Dabei fiel mein Blick auf die Sofas. Die Unordnung auf dem Tisch dazwischen erstaunte mich weniger - aber dass noch jemand auf dem Sofa lag?
Lukas war auf einem der Sofas eingeschlafen. Kein Wunder, er hatte ordentlich gepichelt. Trank er wohl immer so viel oder war er heute Abend irgendwie unglücklich gewesen?
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