Als Lydia sein Büro betrat, saß der Commodore zurückgelehnt auf seinem Stuhl. Er sah auf die Uhr. Das sollte andeuten, dass Lydia zu lange gebraucht hatte für den Weg zu ihm.
„Was wollen Sie mit mir besprechen?“, fragte sie in einem Tonfall, der einem Vorgesetzten gegenüber eigentlich nicht angebracht war.
„Den Einsatz dieser beiden Männer als Agenten auf Chenderra. Sie haben keine Erfahrung. Sie sind unzuverlässig und stehen nicht auf unsere Seite. Das macht sie zu einer Gefahr.“
„Brendan Hollister reist seit Jahren durch den Perseussektor und lebt immer noch“, widersprach Lydia. „Auch dank seines Begleiters Koumeran Ahab; wie Sie wissen, war der während seiner Militärzeit bei den Space Marines. Dieses Training vergisst man sein Leben lang nicht. Hollister ist außerdem der Mensch mit der größten Affinität zu den magischen Kristallen, den wir finden konnten. Er muss nach Chenderra gehen, wenn wir Erfolg haben wollen.“
„Was geschieht, falls die beiden dort eine ... Entdeckung machen, die sie nicht für sich behalten können?“
„Ich habe vorgesorgt. Die Funkgeräte, die ihnen derzeit implantiert werden, sind sehr schwach. Sie senden chiffriert und benötigen einen besonderen Empfänger, den wir in Hollisters Schiff eingebaut haben. Eine andere Möglichkeit, mit jemandem außerhalb des Chenderrasystems in Verbindung zu treten, haben sie nicht. Die künstliche Intelligenz im Bordgehirn der Jool habe ich in unserem Sinne manipulieren lassen.“
„Sobald sie aber wieder an Bord ihres Schiffes sind, können sie sehr wohl Funksprüche senden, an wen sie wollen. Das darf keinesfalls geschehen.“
„Es wird nicht geschehen“, versicherte Lydia.
„Wie können Sie so sicher sein? Es kann unseren Tod bedeuten, wenn ...“
Es dauerte noch eine halbe Stunde, bis Lydia den Commodore beruhigt hatte.
Zurück in ihrem Büro schickte sie Ari weg. Dann stellte sie eine Kommunikationsverbindung her, die alle militärischen Leitungen umging. Dieser Anruf war gefährlich - falls er abgehört wurde.
Die Frau auf der anderen Seite nutzte einen Stimmverfälscher und zeigte ihr Gesicht nicht. Wenn es überhaupt eine Frau war. Auch die Verwendung einer Frauenstimme konnte Teil der Tarnung sein.
„Commander Vendaar, berichten Sie!‘‘, forderte die Stimme.
Lydia zählte knapp die wichtigsten Punkte ihrer Gespräche mit Brendan Hollister, Koumeran Ahab und Commodore Smith auf.
„Mir ist nicht wohl, solange Smith dabei ist“, sagte sie abschließend.
„Der Commodore ist Teil unseres Notfallplans und muss deshalb gehalten werden. Es sind seine schlechten Charaktereigenschaften, die ihn so wertvoll machen.“
„Ich verstehe“, behauptete Lydia. „Weitere Anweisungen?“
„Wir haben der Regierung die Suche nach magischen Kristallen nahegelegt. Heute Morgen hat der Militärrat zugestimmt. Ich muss gestehen, dass mich das überrascht hat.“
„Es widerspricht der bisherigen politischen Linie“, stimmte Lydia zu.
„Wir wissen, dass es Leute gibt, die verhindern wollen, dass die Perseuskolonie wieder Verbindung zur Erde aufnimmt. Auch wenn uns deren Motive nach wie vor unbekannt sind. Aber selbst die scheinen die Kolonie nicht handlungsunfähig machen zu wollen. Auch dafür kennen wir den Grund nicht. Es gibt einiges, was uns nach wie vor ein Rätsel ist.“
„Von dem Vorschlag, einen der Politiker aus dem Verkehr zu ziehen und alles aus ihm herauszuquetschen, halten Sie immer noch nichts?“
„Ich fürchte, alle Personen, die wir kennen, sind ihrerseits nur Puppen an den Fäden anderer. Wer tatsächlich dahintersteckt, wissen sie so wenig wie wir.“ Die Stimme schwieg einen Moment und fuhr dann fort: „Es ist, als würde unsere ganze Kolonie aus der Ferne gesteuert, um einem bestimmten Zweck zu dienen. Aber ich habe nicht die geringste Idee, welcher das sein könnte.“
„Die H’Ruun ...“, begann Lydia.
„Wir benötigen einen Feind von außen, um den inneren Zusammenhalt zu stärken. Die H’Ruun erfüllen diese Funktion hervorragend.“
„Ich verstehe.“
„Jedenfalls können Sie ab sofort offen sagen, dass Sie Männer nach Chenderra schicken, um sich nach der Herkunft der Kristalle umzusehen. Die Einzelheiten des Einsatzes behalten Sie selbstverständlich für sich. Und die Ergebnisse erst recht.“
„Natürlich.“
„Ach ja“, sagte die Stimme noch. „Falls wir erfolgreich sind, sorgen Sie dafür, dass dieser junge Mann keine Gelegenheit erhält, eventuell erworbenes Wissen nach außen zu tragen.“
„Sie meinen Brendan Hollister?“
„Richtig. Sein Psychoprofil zeigt, dass er hochintelligent ist und zugleich jungenhaft unvernünftig. Er könnte mehr in Erfahrung bringen, als gut für ihn ist. Und für uns!“
„Wenn er überlebt, werde ich ihn sofort in einen anderen Einsatz schicken“, versprach Lydia. „So weit wie möglich von Chenderra und Gaia entfernt.“
„Einverstanden.“
Ein Lichtsignal zeigte an, dass die Verbindung beendet wurde.
Kapitel 4
Über Gaia kreisten die größten Raumstationen der Perseuskolonie. Gewaltige Strukturen und doch filigran, montiert aus Elementen verschiedenster Formen und Größen. Die Schwerelosigkeit erlaubte es, im Orbit rein funktionale Gebilde zusammenzusetzen.
Brendan starrte hinaus auf diese wirren, dreidimensionalen Spinnennetze. Die Knotenpunkte waren Wohneinheiten, Fusionsreaktoren, Waffenkuppeln und anderes. Diese Module waren hochgradig redundant. Egal, welcher Teil ausfiel, der Rest war kaum betroffen.
Die Militärs hatten ihre Lektion aus den ersten Kämpfen mit den H’Ruun gelernt. Die damals üblichen massiven Orbitalstationen wirkten fast unzerstörbar. Aber nur, weil die Psyche des Menschen dies so einschätzte. Wurde eine solche Station von einem einzigen nuklearen Torpedo getroffen, so bedeutete das ihre völlige Vernichtung. Die offenen Strukturen der modernen Raumstationen dagegen verloren in so einem Fall nur einige wenige Elemente. Der Rest blieb unbeschädigt.
Gleiches galt natürlich auch, wenn ein Unglück geschah, etwa ein anfliegendes Raumfahrzeug außer Kontrolle geriet und in die Station raste.
Doch es gab Ausnahmen von dieser Bauweise. Das Shuttle, mit dem man Brendan und Koumeran nach oben brachte, glitt langsam auf ein dunkles, massives Gebilde zu: Es war eine Werft. Hier baute und reparierte die Raumflotte ihre Kriegsschiffe. Werften verfügten über eigene Triebwerke, mit denen sie im Krisenfall den Orbit verlassen und zu einem sicheren Ort am Rande des Systems fliegen konnten.
Das Shuttle dockte nicht an, sondern flog in einen offenstehenden Hangar ein. Den Grund dafür erkannte Brendan einen Moment später, als gleißendes Licht den Hangar erhellte. Dort lag die Jool , der einzige Besitz, der ihm geblieben war. Aber ohne finanzielle Hilfe konnte er die Jool nicht mehr nutzen: Der Betrieb einer Raumyacht dieser Größe mit interstellarem Antrieb kostete Monat für Monat ein Vermögen - über das Brendan nicht mehr verfügte.
Einiges war an der Jool verändert worden. Die Triebwerke am Ende der drei Ausleger, die im Winkel von 120° zueinander aus der Mitte des Rumpfes ragten, zeigten größere Austrittsöffnungen. Der Rumpf war neu lackiert und schillerte bläulich, was aber ein falscher Eindruck durch die Innenbeleuchtung des Hangars sein konnte.
„Eine Beschichtung aus Tarnmaterial“, sagte Koumeran, der die Raumyacht genauso lange kannte wie Brendan. „Sie leitet Strahlung um das Schiff herum. Die haben sich den Umbau einiges kosten lassen.“
„Was ist mit den Triebwerken?“
„Der Größe nach sind es militärische Modelle. Leistungsfähiger und robuster als das, was man als Privatperson kaufen kann. Außerdem hat man Waffen in die Triebwerksausleger eingebaut.“
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