„Ich bin einverstanden“, sagte er, ein wenig zu seiner eigenen Überraschung. „Um Perseus zu helfen und um nach Susan zu suchen.“
„Na, endlich! Sie erhalten einen Vertrag als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Regierung. Das Gehalt ist bescheiden, da Sie über keine abgeschlossene Ausbildung verfügen. Die Jool ist auf einer Raumwerft im Orbit. Wir statten sie mit allem aus, was für einen militärischen Einsatz erforderlich ist. Außerdem hat sich Ihr Pilot bereits entschieden, ebenfalls für uns zu arbeiten.“
Commander Vendaar drückte auf einen Knopf. Die Tür ging auf und die junge Frau mit den langen schwarzen Haaren sah herein. Wieder hatte Brendan das Gefühl, sie betrachte ihn mit einer merkwürdigen, unangemessenen Neugier.
„Bring Koumeran Ahab herein, Ari.“
Ein bulliger, großer Mann trat ins Büro. Das Glänzen seiner Glatze wurde nur noch vom Strahlen seiner weißen Zähne übertroffen. Gekleidet war er wie ein Mechaniker, den man gerade bei der Wartung einer Maschine unterbrochen hat.
„Hi, Brendan“, sagte er und winkte lässig. „Ich wusste, Commander Vendaar bekommt dich herum.“
Brendans Freude wurde überlagert durch den Verdacht, sein Beschützer und Freund könnte all die Jahre ein Spion gewesen sein. „Du bist ein Agent des Militärs?“, fragte er.
„Jetzt ja!“, sagte Koumeran und grinste breit. „Genau wie du.“
Kapitel 2
Die Sonne Chenderras brannte heiß vom blauen Himmel. Schon im Frühsommer hatte sie in diesem Jahr mehr Kraft als üblich. Es würden unangenehme Tage werden für die Kristallschleifer in den Dörfern.
Yogar stand am Rand des Grasmeeres, von dem das Dorf Wernningen nach allen Seiten hin umgeben war. Eine halb zugewachsene Landstraße führte durch die zwei Meter hohen, grünen Halme in den Ort. Sie war gerade breit genug, um ein Fuhrwerk passieren zu lassen. Der Aufkäufer, die Händler und der Planwagen der Kristallpriesterin konnten nur auf diesem Weg hierher gelangen.
Das Dorf war auf lehmigem Boden erbaut worden, auf dem Gras nicht wachsen konnte. Hinter den letzten Häusern kamen dann die ersten Grashalme, nur wenige Zentimeter hoch. Je weiter der Abstand zum Dorf war, desto höher wuchsen die Halme.
Das Grasmeer breitete sich nach Westen hin rund vierzig Kilometer weit aus. Erst jenseits davon kam fruchtbarer Boden, auf dem Bauern ihr Getreide ansäen konnten. In den anderen Himmelsrichtungen waren es sogar Hunderte von Kilometern. Das Gras wuchs auf dieser riesigen Fläche überall gleich hoch und gleich dicht. Warum es ab und zu einen Platz frei ließ, auf dem Menschen ein Dorf errichten konnten, wusste Yogar nicht. Vielleicht kannte die Priesterin den Grund. Wenn sie das nächste Mal kam, würde er sie danach fragen.
Wernningen umfasste nur zwanzig Häuser. Die meisten von ihnen gehörten Kristallschleifern. Es gab eine Taverne, in der man sich traf, ein Lagerhaus und ein Gästehaus für den Aufkäufer des Fürsten, der alle drei Monate vorbeikam.
Mehr benötigte man in einem Dorf im Grasmeer nicht. Es gab keinen fruchtbaren Boden, keine jagdbaren Tiere in der Umgebung und das Gras selbst war weder genießbar, noch für sonst irgendetwas zu gebrauchen. Alles, was die Menschen benötigten, musste von außen geliefert werden.
Yogar ging langsam um das Dorf herum, bis hinter das Lagerhaus. Dort befand sich der Friedhof. Er war nicht groß, denn schon nach einem Jahr war von den Begrabenen nichts mehr übrig. Die Wurzeln des Grases holten sich die Nährstoffe aus den Leichen. Dann konnte man an derselben Stelle wieder jemanden beerdigen.
Hardor war gestorben, mit zweiundvierzig Jahren. Es war lange her, dass ein Kristallschleifer ein so hohes Alter erreicht hatte. Hardor war ein zäher, alter Bursche gewesen. Nun lag sein Leichnam in ein Tuch eingewickelt am Boden, während zwei Männer eine Grube aushoben. Ohne jede Zeremonie legten sie den Toten in das Loch und schaufelten es wieder zu.
Wer in einem Dorf der Kristallschleifer starb, wurde durch den Segen der Kristalle in ein neues, besseres Leben geführt. Ein Leben zwischen grünen Wiesen, wo man viele Kinder hatte und gesund alt wurde. So erzählte es die Kristallpriesterin manchmal, wenn sie das Dorf besuchte. Warum das so war, konnte sie aber auch nicht sagen. Yogar hatte sie einmal danach gefragt und sie hatte eine Geschichte vom Schöpfer erzählt, die er nicht verstand. Aber es war ein schöner Gedanke, für die Arbeit und die Krankheit dann doch noch einen gerechten Lohn zu empfangen in einem neuen Leben.
Die Männer, die das Grab zuschaufelten, wischten sich den Schweiß von der Stirn. Es war schwül. Nur ein schwacher Wind kam von Osten.
Yogar hob den Kopf und sog die Luft mehrfach langsam durch die Nase ein. Täuschte er sich?
Die anderen Dorfbewohner, die der Beerdigung beiwohnten, wurden unruhig. Sie sahen Yogar an. Nun, da Hardor tot war, übernahm er das Amt des Dorfältesten. Es war seine Aufgabe, vor Gefahren zu warnen und das Überleben des Dorfes zu sichern.
Noch einmal roch er. Kein Zweifel, das war der leicht säuerliche Geruch, den die Flut mit sich brachte! Er wandte sich um und rief: „Die Käfer kommen! Bringt Vorräte aus dem Lager in die Häuser! Vernagelt die Fenster und helft den Schwachen, die das nicht selber machen können.“
Die tödliche Flut brach alle zwei, drei Jahre über das Dorf herein. Sie bestand aus einer viele hundert Meter breiten Front aus kleinen braunen Käfern. Die lebten im Grasmeer und traten dort normalerweise nur in geringer Zahl auf. Sie waren ungefährlich - einzeln. Aber wenn Millionen von ihnen sich auf die Suche nach tierischer Nahrung machten, dann konnten sie binnen Stunden die Bevölkerung eines ganzen Dorfes auslöschen.
Vielleicht gierten die Käfer manchmal nach Fleisch, weil sie von den Pflanzenresten im Grasmeer auf Dauer nicht leben konnten. Da es im Grasmeer kaum andere Lebewesen gab, waren die Menschen das Ziel der Käferflut.
Yogar ging zu seinem Haus. Sura wusste bereits, was bevorstand. Sie überprüfte die Vorräte und das Rohr, das unter der Erde Wasser aus dem abgedeckten Brunnen in der Dorfmitte ins Haus leitete. Yogar vernagelte die Fenster und holte einen Eimer mit klebrigem Harz aus dem Keller. Mit dieser Masse verschloss er all die kleinen Ritzen und Löcher, die er erkennen konnte.
Auf einem Rundgang durch das Dorf kontrollierte er die Häuser. Als Dorfältester war es seine Aufgabe, bis zuletzt im Freien zu sein und auf Probleme zu achten. Er hörte schon das Rauschen der Flut, als er seine Tür hinter sich verschloss. Er verkleisterte rundherum den Türspalt, bis kein Käfer mehr hindurch konnte.
Dann stieg Yogar hoch unter das Dach. Dort war eine Luke, durch die frische Luft ins Haus gelangen konnte. Neben ihr befand sich ein Rad, an dem dünne Holzblätter angebracht waren, ähnlich wie bei einem Mühlrad. Diesen einfachen Ventilator konnte man mit Hilfe einer Schnur und einer Umlenkrolle aus dem Wohnraum unten betreiben. Er saugte von außen Luft an und blies sie nach innen. Es genügte, wenn man alle halbe Stunde für ein paar Minuten an der Schnur zog, um in dem abgedichteten Haus nicht zu ersticken. Allerdings durfte man das Tag und Nacht nie vergessen. Spätestens, wenn die Kerzen zu flackern begannen, weil ihnen der Sauerstoff fehlte, musste man den Ventilator bedienen.
Diese Luke im Dach blieb offen, weil die Käfer nicht fliegen konnten. Sie bewegten sich mit Sprüngen voran, ähnlich Heuschrecken. Außerdem kletterten sie nie höher als zwei Meter an den Hauswänden empor. Vielleicht, weil es etwas Höheres in ihrer Heimat im Grasmeer nicht gab. Sollte sich das eines Tages ändern, so wären die Dörfer der Kristallschleifer verloren.
Zwei Stunden später drang ein summendes Geräusch von draußen herein. Erst wurde es lauter, dann schien es, als prasselten Hagelkörner gegen die Wände und die verbarrikadierten Fenster.
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