Brendan hatte von einer solchen Knappheit noch nichts gehört. Er folgerte, dass es sich um etwas nur für das Militär Wichtiges handelte. Seltene Metalle für den Bau von Raumschiffen, zum Beispiel. „Warum schicken Sie keine Prospektoren los, um nach Ersatz zu suchen?“, fragte er.
„Der Rohstoff ist selten und wir haben nicht die Möglichkeit, Tausende von unerforschten Planeten abzusuchen.“ Commander Vendaar beugte sich vor. „Aber das ist auch nicht erforderlich. Jemand verkauft das, was wir benötigen, auf dem Schwarzmarkt.“
Nun fügte sich für Brendan alles zu einem Bild zusammen. „Dieser Jemand lebt also auf dem feudal regierten Planeten. Warum bietet ihm Gaia nicht einfach einen besseren Preis, als er ihn auf dem Schwarzmarkt bekommt?“
„Der Mann heißt Gambarov und hat sich den Titel Fürst zugelegt. Er leugnet, über die erforderlichen Rohstoffe zu verfügen. Weitere Verhandlungen mit uns lehnt er rundheraus ab. Wir könnten den Planeten militärisch besetzen, aber das würde uns nichts nützen. Denn das Rohmaterial zu besitzen, löst nur die Hälfte des Problems.“
„Warum?“
„Wir wissen nicht, wie man es weiterverarbeitet.“
„Unmöglich! Wenn man das Material auf der Erde bearbeiten konnte, dann ist das Wissen darüber in den Datenbanken verzeichnet.“
„Richtig. Aber wir können die Produktionsanleitungen nicht umsetzen. Irgendetwas daran verstehen wir nicht. Das Verfahren erfordert komplexe, KI-gesteuerte Bearbeitungsschritte, die unvollständig dokumentiert wurden.“
„Zu komplex für unsere moderne Industrie - aber auf diesem rückständigen Planeten kann es jemand?“ Nun war Brendans Interesse geweckt.
„So scheint es. Es geht um das hier.“
Ein dreidimensionales Bild erschien über dem Schreibtisch. Es zeigte faustgroße Kristalle. Durch ihre feinst geschliffenen Facetten strahlte von innen heraus ein bläuliches Licht.
„Hyperkristalle“, sagte Brendan. „Man benötigt sie für den Bau von interstellaren Raumschiffen.“
„Man nennt sie auch magische Kristalle, weil bisher kein Physiker versteht, worauf ihre Funktionsweise beruht.“ Commander Vendaar beugte sich vor und sagte eindringlich: „Das ist der Rohstoff, der zur Neige geht. Ohne diese Kristalle gibt es keine Raumfahrt mehr zwischen den Welten der Perseuskolonie. Die menschliche Zivilisation in unserem Bereich der Milchstraße wäre am Ende.“
Es dauerte einen Moment, bis Brendan verstand. Keine Raumfahrt mehr zwischen den Sternensystemen! Keine Möglichkeit, die Angriffe der H’Ruun abzuwehren! Jeder besiedelte Planet wäre auf sich selbst gestellt - und damit verloren!
„Kristalle, die von Raumschiffen für interstellare Sprünge genutzt werden, sind Verschleißteile“, sagte er. „Nach einigen hundert Hypersprüngen muss man sie ersetzen. Wie lange reichen die Vorräte noch?“
„Zwei oder drei Jahre. Wir haben die Nutzung bisher nicht rationiert, um Panik zu vermeiden.“
„Auf der Erde gab es meines Wissens nie Engpässe.“
„Die Erde ist jetzt unerreichbar weit weg. Fünftausend Lichtjahre. Unsere Hypersprungtriebwerke reichen für einige Dutzend Lichtjahre, die interstellaren Funkverbindungen auch nicht viel weiter. Wir sind auf uns allein gestellt.“
„Die H’Ruun benutzen doch eine ähnliche Technologie wie wir. Man weiß das aus der Untersuchung von Raumschiffwracks. Könnten die Kristalle, die Fürst Gambarov auf dem Schwarzmarkt verkauft, von ihnen stammen?“
„Warum sollten unsere Feinde uns damit versorgen? Im Übrigen sind die Exopsychologen der Meinung, dass es bei einem Volk von Kollektivlebewesen wie den H’Ruun keine einzelnen intelligenten Verräter oder Schmuggler geben kann.“ Commander Vendaar schüttelte den Kopf. „Wer auch immer dahintersteckt: Es sind Menschen. Die einzige Spur, die wir haben, führt nach Chenderra.“
„Aber ...“
Vendaar unterbrach Brendan: „Reden wir über etwas Anderes: Geld! Nach dem Tod Ihres Vaters haben Sie Ihr ererbtes Vermögen auf Alkana angelegt. Sie haben sich nie um sichere Anlagemöglichkeiten gekümmert. Alkana ist zerstört, Ihr Vermögen verloren. Sie werden von nun an für Ihren Lebensunterhalt arbeiten müssen.“
„Und Sie bieten mir einen Job als Spion auf einer unterentwickelten Welt an.“
„Richtig. Gegen gute Bezahlung. Außerdem bekommen Sie die Jool zurück, Ihr privates Raumschiff. Es ist Ihnen doch klar, dass der Unterhalt dieses Schiffes im Monat mehr kostet, als ein normaler Arbeitnehmer in einem Jahr verdient. Wir werden die Kosten für die Jool und die Mannschaft übernehmen - solange Sie für uns arbeiten.“
„Welche Mannschaft?“, fragte Brendan verblüfft.
„Ihr ehemaliger Bodyguard Koumeran Ahab. Er arbeitet doch seit dem Tod Ihres Vaters als Pilot für Sie.“
„Koumeran ist mein Freund.“
„Mag sein. Aber auch er ist auf ein regelmäßiges Einkommen angewiesen. Das können Sie ihm jetzt nicht mehr bieten. Wir schon.“
„Das ist Erpressung!“
Vendaar antwortete nicht. Sie sah Brendan erwartungsvoll an.
„Wenn die Situation so ist, wie Sie sie mir schildern, dann rechtfertigt das doch den Einsatz des Geheimdienstes und ausgebildeter Agenten“, sagte der schließlich, als ihm das Schweigen zu lange dauerte. „Warum ausgerechnet ich?“
„Hollister, ich habe Ihnen schon mehr militärische Geheimnisse anvertraut, als gut für Sie ist. Also: Sind Sie bereit, nach Chenderra zu fliegen?“
„Was ist, wenn ich nein sage?“
„Sie können Gaia als freier Mann verlassen. Wir bezahlen Ihnen sogar den Flug zu einem Planeten Ihrer Wahl. Allerdings ...“
Brendan ahnte, was jetzt kommen würde: die von ihm unterschriebene Erklärung. Trotzdem fragte er: „Was?“
„Bevor Sie dieses Gebäude verlassen, müssen wir Ihr Gedächtnis bereinigen.“
Nun war die Drohung heraus. Brendan fühlte Panik in sich aufsteigen. Die Vorstellung, sein Gehirn manipulieren zu lassen, war ihm unerträglich. „Nein!“, schrie er.
Commander Vendaar lächelte und sagte: „Kein Grund zur Aufregung. Übrigens habe ich ganz vergessen, Ihnen das hier zu zeigen.“
Auf ihrem Bildschirm erschien ein Planet. Er war erdähnlich, mit großen Wasserflächen und kleinen Kontinenten. „Das ist Chenderra. Näher lässt uns Fürst Gambarov nicht heran und er hat das Gesetz auf seiner Seite. Allerdings ist es uns gelungen, unbemerkt drei Agenten abzusetzen. Leider ist der Kontakt zu ihnen abgebrochen.“
Auf dem 3D-Bildschirm erschienen Bilder von drei Personen.
Brendan starrte die dritte davon ungläubig an. „Das ist Susan Karoon!“
„Sie kennen sie?“
„Susan war Professorin an der Universität von Alkana und mit meinem Vater befreundet. Später hat sie ihre Professur aufgegeben, um für humanitäre Organisationen zu arbeiten. Sie sagte, das sei die Lehre, die sie für sich aus dem Studium der Geschichte der Menschheit gezogen hat.“
Außerdem hatte Susan einmal ein Verhältnis mit Koumeran gehabt, aber das behielt Brendan für sich. Von allen Menschen, die er kannte, war Susan am vernünftigsten und am praktischsten veranlagt. Niemals würde sie sich dafür hergeben, als Agentin der Regierung einen fremden Planeten auszukundschaften!
Einige Personendaten überlagerten das Bild der Frau mit den kurzen, rotblonden Haaren. Vendaar las sie laut vor: „Susan Karoon, fünfundvierzig Jahre alt. Vermisst im Einsatz auf Chenderra. Sie meldete sich freiwillig, nachdem wir ihr die Situation geschildert hatten. Sie wollte ihren Anteil zum Fortbestand der Perseuskolonie beitragen.“
Brendan sprang auf. „Als Nächstes werden Sie mir einreden, nur ich könne Susan von diesem Planeten retten.“
„Halten Sie das für abwegig?“
Brendan schwieg. Natürlich musste jemand dorthin fliegen und nachsehen, was Susan zugestoßen war. Wenn sie auf diesem Planeten festsaß ...
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