„Ist das der Grund dafür, dass du mit Kräutern heilst, statt mit Magie?“
„Kräuter sind eine Art von Magie. Die Magie des Pflanzenreichs. Aber du hast recht, man muss in guter Verfassung sein, um mit Magie etwas zu bewirken. Deshalb ist Zzorg jetzt nicht nur dabei, seinen Körper zu trainieren, sondern auch seinen Geist. Es wird wohl noch zwei, drei Wochen dauern, bis er seine magischen Kräfte wieder voll erlangt hat. Bis dahin sollte auch der neue Heiler im Dorf sein. Dann werden wir weiterziehen.“
„So lange?“
„Warum so ungeduldig?“
„Ich will meine Schwester aus Port Hadlan befreien. Jeden Tag, den ich unterwegs aufgehalten werde, wächst die Gefahr, dass man sie übers Meer in die Karolische Republik bringt. Notfalls muss ich alleine weiterziehen.“
„Unsinn. Die Kaiserlichen sind hinter dir her, vergiss das nicht. Außerdem wollen Zzorg und ich zufällig auch hinüber zur Westküste.“
„Zufällig?“, wiederholte Macay. „Das glaube ich nicht.“
Rall wandte sich wortlos um und ging davon.
Der Händler
Ein Händler kam nach Eszger. Das war nichts Besonderes, Händler kamen nun wieder fast jeden Tag. Sie reisten von kleinen Marktflecken im Norden an, wo die Katzmenschen filigrane Handarbeit anzufertigen in der Lage waren, die teuer verkauft wurden, oder aus dem Süden, wo Echsenmenschen Lederwaren und Getreide produzierten. Seltener kamen welche aus dem Westen. Dort lebten in Heimstadt und im Gebirge Menschen, die sich auf die Metallverarbeitung verstanden. Sie lieferten Waffen und Rüstungen, aber auch Werkzeuge und landwirtschaftliche Geräte.
All das sammelte sich im Schnittpunkt dieser drei Regionen, und das war Eszger. Sogar getrocknete Fische und dekorative Muscheln von der Westküste, wo die Karolier siedelten, wurden auf dem Markt angeboten und erzielten hohe Preise. Nur von der Ostküste, die in der Hand der Kaiserlichen war, kamen keinerlei Produkte.
Der alte Händler, der an diesem Morgen eintraf, machte einen heruntergekommenen Eindruck. Seine Waren trug ein Maulesel, den er hinter sich herzog. Eigentlich waren dies wertvolle Tiere, aber dieses war noch älter und schäbiger als sein Besitzer. Es hinkte und brach unter den zwei leichten Säcken, die es zu tragen hatte, fast zusammen.
Der Händler, der sich Possag nannte, meldete sich ordnungsgemäß bei der Marktaufsicht von Eszger an und eröffnete einen Stand mit billigen Waren. Sein dichter Bart und eine schmutzige Kutte, deren Kapuze weit in die Stirn hing, verdeckten sein Gesicht und seinen Körper, doch das fiel niemandem als ungewöhnlich auf.
Die Menschen gingen achtlos an ihm vorüber, denn was er zu bieten hatte, mochte in irgendeinem abgelegenen Dorf verkäuflich sein, aber nicht in Eszger. Es waren rostige Metallwaren, halb stumpfe Spiegel, einfach Spielsachen aus Holz und ähnliche Dinge ohne großen Wert. Possag saß den ganzen Tag schweigend hinter seinem Angebot, ohne etwas zu verkaufen.
Am Abend packte er sein Bündel zusammen und ging in den billigsten Gasthof. Er setzte sich in eine dunkle Ecke, bestellte ein Glas von dem in Eszger üblichen Dünnbier und beobachtete die anderen Gäste. Ein angetrunkener junger Mann, der ein großer Angeber zu sein schien, fiel ihm auf. Possag sprach ihn an. Bald darauf wechselte ein kleiner Gegenstand den Besitzer, wofür der junge Mann Possag etliche Münzen gab. Dann verschwand der Mann und Possag bestellte zufrieden noch ein Glas.
Eine halbe Stunde später kam der junge Mann wieder. Seine Augen glänzten, seine Laune war die beste und er hatte zwei Freunde mitgebracht. Sie setzten sich zu Possag und er unterhielt sich lange mit ihnen. Auch sie erhielten etwas, zahlten dafür und gingen.
Bald entwickelte sich ein reger Verkehr in der dunklen Ecke. Es war, als habe sich die Nachricht von Possags Anwesenheit wie ein Lauffeuer in der Stadt verbreitet. Als der Wirt am frühen Morgen die letzten Gäste davonjagte, hatte Possag ein kleines Vermögen verdient. Zufrieden mietete er ein Zimmer und legte sich schlafen.
In den folgenden Tagen wurden Possags Kunden immer zahlreicher. Doch eines Abends, als er vom Marktplatz kam und zu dem Gasthaus wollte, lief er Macay über den Weg. Possag duckte sich noch tiefer unter seine Kapuze und drückte sich an Macay vorbei. Der Zufall wollte es, dass Possag dabei einem anderen Passanten in den Weg lief. Der Mann schimpfte und Possag sagte: „Entschuldigung!“
Diese hohe, heisere Stimme kannte Macay. „Ballaram!“, rief er.
Possag machte wortlos kehrt und rannte davon. Macay spurtete hinterher, erwischte ihn am Umhang und brachte ihn zu Fall. Possag rappelte sich wieder auf. Sein üppig wuchernder Bart war verrutscht, Ballarams Gesicht war nun zu erkennen.
Macay war so verblüfft, dass er für einen Moment unbeweglich stehenblieb. Das nutzte Ballaram für einen kräftigen Tritt gegen Macays Schienbein. Macay fiel hin, Ballaram verschwand er in der Dunkelheit.
Eine Stunde später saß Macay mit Rall und Zzorg bei Mirjam im Haus des Rats.
Macay war immer noch fassungslos. „Wieso treibt sich Ballaram verkleidet hier in der Stadt herum?“, fragte er Rall.
„Als Spitzel der Kaiserlichen, das ist wohl klar. Sie müssen ihn freigelassen und hierher gebracht haben.“
„Aber er war auf meiner Seite! Er hat mir geholfen und sogar seine Karte geschenkt ...“ Macay stutzte, dann sagte er: „Was ist, wenn er die Karte auch von den Kaiserlichen hat?“
„Dann war deine Flucht aus dem Lager von den Kaiserlichen beabsichtigt“, antwortete Rall.
„Und der Kopfgeldjäger, der hinter uns her war?“
„Vielleicht hat die Leitung des Gefangenenlagers nicht gewusst, dass man dich absichtlich fliehen lässt. Das muss alles auf dem Kaiserlichen Kontinent geplant worden sein.“
„Das ist doch Unsinn“, ereiferte sich Macay. „Warum sollte man so etwas mit mir machen? Ich bin niemand Besonderes. Man hat meine Schwester und mich dabei erwischt, wie wir Brot geklaut haben. Weil wir Hunger hatten. Das war schon alles.“
„Offensichtlich nicht. Da muss mehr dahinterstecken. Ballarams Karte weist den Weg bis Heimstadt in der Mitte des Kontinents. Aus irgendwelchen Gründen wollen die Kaiserlichen, dass du dorthin gehst.“
„Also werde ich das nicht tun.“
„Oh, doch, wir werden nach Heimstadt gehen.“
„Aber warum?“
Zzorg zischte: „Wie willst du sonst herausfinden, was hinter alledem steckt?“
„Richtig“, unterstützte ihn Rall. „Außerdem liegt es auf dem kürzesten Weg, der zur Westküste führt.“
„Es ist schlimm genug, wenn sich ein Lassach-Händler in die Stadt einschleicht“, mischte sich Mirjam ein. „Er hat ein Dutzend unserer Einwohner abhängig gemacht. Rall, ich bitte dich, diese armen Seelen - falls möglich - von ihrer Sucht zu heilen. Alle, deren wir habhaft werden konnten, sind in den Arrestzellen eingesperrt.“
„Lassach? Seit Jahren hat niemand mehr dieses verdammte Zeug ins Inland gebracht“, sagte Rall. „Die Kaiserlichen achten sehr darauf, dass niemand dem Adel seine liebste Droge wegnimmt. Die Herstellung ist sehr aufwendig und teuer. Die Arbeitslager liefern kaum genug Rohstoff, um die Bedürfnisse des kaiserlichen Adels zu befriedigen. Was das bedeutet, ist wohl klar.“
Mirjam und Zzorg nickten, doch Macay musste nachfragen. „Mir nicht. Was denn?“
„Possags - oder besser: Ballarams Lassach-Paste wurde absichtlich auf den Nebelkontinent gebracht. Nur einen Grund dafür kann ich mir noch nicht vorstellen.“
„Befragen wir die Süchtigen“, schlug Mirjam vor. „Vielleicht können wir aus denen etwas heraus bekommen.“
Sie gingen zu den Arrestzellen, wo die Lassach-Opfer ein bejammernswerteres Bild abgaben: Sie waren verschmutzt, verwirrt und bettelten, man solle ihnen etwas von der Paste geben. Sie waren bereit, jeden Preis dafür zu bezahlen, wenn sie nur aus diesem Elend erlöst würden. Und mit Elend meinten sie nicht etwa die Zustände in der Arrestzelle, sondern das Leben ohne den Stoff, von dem man sie in so kurzer Zeit völlig abhängig gemacht hatte.
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