„Gute Nerven habe ich, aber ich passe schon auf, ob nicht was mit Beleidigungsklage geht. Dass ich unter neunzig und eine Frau bin, ist kein Grund, unverschämt zu werden.“
Sie schaute streng, als Schuster schon wieder grinste. Jörgens neben ihr räusperte sich mahnend, und sie wandte sich ihm etwas schuldbewusst zu.
„Möchten Sie noch den Keller sehen?“
„Sollte ich wohl – sonst versuche ich nachher noch, den falschen zu entrümpeln, nicht?“ Sie folgte Jörgens wieder ins Haus und die Treppe hinunter. Im Keller roch es etwas modrig mit einem unangenehmen Unterton, aber sie kam nicht darauf, was das sein konnte, und der allwissende Schuster war auf der Straße geblieben.
Na, man gewöhnte sich an alles, auch an einen strengen Geruch. Hilde folgte Suttner ans Ende eines kurzen Gangs, wo er auf einen Lattenverschlag zeigte. „Das ist der Keller Ihrer Tante. Sehen Sie, dieser Schlüssel passt in das Vorhängeschloss.“
Hilde nickte. Das war ja wohl auch nicht so schwer zu verstehen.
„Und am Montag kann ich die Wohnung beziehen?“
Jörgens schaute etwas verdutzt. „Haben Sie es denn so eilig?“
Hilde zuckte die Achseln. „Naja… die Wohnung ist ungefähr fünf mal so groß wie meine jetzige, und das Entrümpeln wird noch ganz schön lange dauern… je eher ich anfangen kann, desto besser.“
Jörgens schmunzelte. „Dann können Sie sich bei den Nachbarinnen ja gleich beliebt machen, wenn Sie sich beim Teppichklopfen oder Einkaufen treffen…“
Hilde feixte. „Da muss ich Sie enttäuschen, Dr. Jörgens. Ich kaufe erst abends ein, wenn ich nach Hause komme, da sind die Nachbarinnen sicher schon fertig, und Teppiche klopfe ich bestimmt nicht. Wozu gibt es Staubsauger? Außerdem weiß ich noch gar nicht, ob ich Tante Marthas falsche Perser behalten will.“
„Ach ja…“ Dr. Jörgens´ Lächeln wurde etwas dünner. „Und was machen Sie gleich wieder beruflich, wenn ich fragen darf?“
„Ich unterrichte Mathematik und Geographie am Mariengymnasiumymnasium“, antwortete Hilde würdevoll. Was hatte der denn gedacht? Dass sie Hausfrau sei? Und wovon, bitteschön, sollte sie dann leben?
„Was haben Sie denn gedacht?“, konnte sie sich nicht verkneifen. Dr. Jörgens schaute etwas ratlos drein.
„Naja“, begann er dann, „ich - eigentlich wusste ich doch, dass Sie Lehrerin sind. Aber da müssten Sie mittags doch fertig sein?“
„Kaum“, beschied sie ihn kühl – schließlich hatte er sich nur von einem Fettnapf in den nächsten begeben. „Erstens haben wir spätestens seit dem G 8 sehr viel Nachmittagsunterricht, zweiten müssen wir ja irgendwann auch mal vorbereiten, nachbereiten und korrigieren, und drittens haben wir mindestens dreimal in der Woche nachmittags oder abends eine Veranstaltung in der Schule – Sitzungen, Projektgruppen, Fortbildungen, Konzerte, Elternabende und so.“
„Ach“, machte Dr. Jörgens schwächlich, „tatsächlich? Wann kommen Sie denn dann so aus der Schule?“
Hilde zuckte die Achseln. „Verschieden. Vier, fünf – elf. Freitags schon um zwei, da gibt es keinen Nachmittagsunterricht. Die Eltern finden zwar bestimmt, das faule Lehrerpack könnte auch am Freitag gefälligst wie alle anderen Leute bis acht Uhr abends arbeiten, aber sie wollen ja mit ihren Kindern um zwei ins Wochenende fahren. Wahrscheinlich fänden sie es schön, wenn wir da immer Pflichtfortbildungen hätten: Wie gehe ich hinreichend einfühlsam auf verzogene Bälger ein und sorge dafür, dass auch das beschränkteste Kind ohne Stress und Leistungsdruck das Abitur schafft? Oder so ähnlich.“
Das war total übertrieben, aber Hilde hatte gerade eine unbestimmte Wut gepackt.
„Um elf??“, pickte Dr. Jörgens sich das heraus, was er verstanden hatte. „Abends?“
„Ja, klar. Eine bessere Abendveranstaltung dauert bis zehn, dann haben die Eltern meist noch Fragen… aber vor Mitternacht bin ich im Allgemeinen zu Hause.“
„Großer Gott, um acht müssen Sie ja dann schon wieder in der Schule sein! Kriegen Sie die Überstunden wenigstens bezahlt?“
Hilde musterte ihn erstaunt. „Als Beamtin? Natürlich nicht. Mehrarbeit wird stets mit ausfallenden Stunden verrechnet, und irgendwann ist jede Klasse mal nicht da. Außerdem kommen bei uns nur die notorischen Faulpelze um acht. Der Rest ist ab kurz vor sieben in der Schule, um zu arbeiten und vorzubereiten. Um acht ist ja auch der Kopierer schon wieder heißgelaufen, da kann es dann eng werden.“
„Das klingt ja richtig anstrengend!“
Hilde feixte. „Ja, gar nicht so, wie man sich gemeinhin die faulen Säcke so denkt, nicht? Keine Sorge, solange die Arbeit Spaß macht, schadet das doch auch nichts. Herr Dr. Jörgens, vielen Dank für Ihre freundliche Begleitung. Kann ich mir am Montag bei Ihnen die Schlüssel abholen?“
„Ja, wenn Sie wirklich gleich am nächsten Montag… das Inventar habe ich ja nun aufgenommen… eigentlich könnte ich Ihnen die Schlüssel auch gleich… zu tun ist ja in der Wohnung nichts mehr, den Schmuck habe ich hier“ – er klopfte auf die Samtschatulle – „nur die beiden Pelze…“
„Kann ich die nicht selbst meiner Mutter geben, damit sie sie beim Kürschner abliefert?“
„Ja… ich denke, das ginge auch.“ Er seufzte tief auf. „Nun gut… hier!“ Er ließ den Schlüsselbund in Hildes ausgestreckte Hand fallen. „Sind das zwei Sätze?“, fragte Hilde prompt. „Oder ist noch irgendwo anders ein Satz im Umlauf?“
„Ich glaube, die Hausverwaltung hat einen Generalschlüssel“, vermutete Jörgens. Hilde schnaufte. „Und immer, wenn dieser Ohlmann irgendetwas Verdächtiges riecht, sieht oder hört, lassen die ihn rein, was? Ich werde als erstes das Schloss an der Wohnungstür ändern lassen.“
„Das erscheint mir dringend geboten“, stimmte Dr. Jörgens zu und verabschiedete sich.
Hilde sah ihm nach. Selbstständige Frauen waren dem wohl ein bisschen unheimlich? Aber sonst ganz nett, in seiner etwas altjüngferlichen Art…
Sie verstaute den Schlüsselbund und sah an der Fassade hoch. Heute noch? Nein, heute nicht mehr.
Hinter ihr wurde das Erdgeschossfenster wieder aufgerissen. „Wehe, Sie kommen noch mal wieder! Ich hole die Polizei!“
„Herr Ohlmann, wenn Sie sich weiter so schlecht benehmen, hole ich die Polizei. Ich wohne jetzt im ersten Stock, damit müssen Sie sich abfinden. Aber ich neige nicht zu lauter Musik oder Staubsaugen um Mitternacht, also können Sie ja wohl beruhigt sein.“
Das musste doch jeden normalen Menschen zufrieden stellen?
Nein, den nicht.
„Flittchen!“ schrie er und knallte das Fenster zu. Hilde notierte sich das samt Datum und ging zum Auto.
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