Immerhin hatte er jetzt eine Küche, die für einen erwachsenen Menschen taugte. Und ein ordentliches Wohnzimmer. Naja, sauber war es wenigstens. Und ich hatte immer noch eine Dreiviertelstunde Zeit, also konnte ich noch schnell das Gästeklo und das Bad durchwischen und mal die Treppe putzen, die ich bis jetzt immer ignoriert hatte. Allmählich konnte ich manische Hausfrauen verstehen – diese Putzerei machte tatsächlich Spaß, man sah so schön schnell Ergebnisse, vor allem, wenn die Bude vorher so wüst ausgesehen hatte. Und viel denken musste man auch nicht. Kurz vor acht verräumte ich meine Gerätschaften und kontrollierte noch einmal alle Zimmer, dann klopfte ich brav an der Arbeitszimmertür. „Ich wäre für heute fertig...“
„Warum so zaghaft im Konjunktiv?“ Kampmann grinste und ich grinste unwillkürlich zurück.
„Konditionalis, ergänzen Sie wenn Sie nichts mehr für mich zu tun haben.“
„Touché! Wie würden Sie das Haus außen streichen, wenn es Ihres wäre?“
Ich überlegte. „Weiß... oder ganz helles Gelb sähe auch gut aus, das passt zur Entstehungszeit. Oder ein ganz, ganz blasses Hellbraun, aber nicht so senffarben. Das hat nass wohl weniger heftig ausgesehen?“
„Keine Ahnung, ich war das nicht. Vielleicht sollte ich das klarstellen – ich war das alles nicht, ich hab das Haus vor einem Jahr samt Inventar gekauft, also unterstellen Sie mir nicht so einen miserablen Geschmack.“
„Tschuldigung. Und jetzt fangen Sie an zu renovieren?“
„So nebenbei. Wenn mir sonst nichts einfällt...“
„Glauben Sie, Freecell hilft gegen die Schreibblockade?“
„Was würden Sie vorschlagen?“ Das klang ziemlich scharf. „Entschuldigung, das war unverschämt. Geht mich auch nichts an“, zog ich mich sofort zurück.
„Sagen Sie schon!“
„Naja, ein bisschen surfen? Oder fernsehen, vielleicht kommen Sie dabei auf Ideen?“
„Wissen Sie denn, was ich schreibe?“ Ich zuckte die Achseln. „Mein Vater glaubt sich an Krimis zu erinnern. Ich muss gestehen, mir hat der Name nichts gesagt."
„Krimis stimmt. Und Sie meinen, da schaue ich mir irgendeine Krawallsendung an und stürzte dann an den Computer, um genauso einen Mord stattfinden zu lassen? So billig geht es nicht, Anne.“
„Tut mir Leid, ich verstehe ja nichts davon. Ich dachte nur... Haben Sie noch einen Wunsch?“ Er warf mir einen schwer deutbaren Blick zu. „Ich fürchte, nein. Sie dürfen nach Hause gehen. Haben Sie einen Vorschlag für Freitag?“
„N-nein. Bis Freitag dann.“
Seine Finger spielten mit einem Lineal. „Ja, bis Freitag. Schönen Tag noch.“
Ich schaute, dass ich wegkam, Kampmann machte mich regelrecht nervös. Sein Grinsen nahm ich aus dem Augenwinkel aber doch noch wahr, bevor ich die Arbeitszimmertür hastig von außen schloss.
Auf dem Heimweg wunderte ich mich selbst. Sicher, er war ganz nett, und hässlich war er auch nicht, aber solche Kerle gab´s doch reichlich – und war ich nicht gerade erst mühsam einen losgeworden? Gierte ich schon nach dem nächsten? Nach einem mittelalterlichen unbekannten Schriftsteller mit Zottelhaaren und Schreibblockade, der in einem scheußlichen Haus lebte? Gut, sein Geschmack war das offenbar nicht. Aber bloß, weil er sich grüne Eiche und Senffassade nicht selbst ausgesucht hatte, musste ich ihm ja noch nicht in die Arme sinken – die er im Übrigen wirklich nicht gerade einladend ausgebreitet hatte.
Ich war eine dumme Kuh. Wenn ich einen Funken Verstand hätte, würde ich putzen wie eine Weltmeisterin, das Geld nehmen, um meine Finanzen in Ordnung zu bringen, meine Dissertation schreiben, privat bestenfalls mal mit Ingrid und Carla einen zwitschern gehen und ab April die fette Karriere machen – als zufriedener Single. Nie ums Fernsehprogramm streiten, niemandem hinterher räumen, nie mehr Sex, bloß um von Streitpunkten abzulenken, sich nie mehr runtermachen lassen. Tolle Aussichten – aber warum freuten sie mich nicht so, wie ich das geglaubt hatte?
Wenigstens saß der selbst ernannte Szenepapst nicht schon wieder vor meiner Tür, er hatte auch keine Briefe, verwelkten Rosen oder sonstigen Müll hinterlassen. Ich ließ meine Tasche fallen, zog die Jacke aus, ging sofort aufs Klo, um jedes überflüssige Gramm auszuschalten und stieg dann auf die Waage. Siebzigkommafünf. Also sechsundsechzigkommafünf? Ich drehte an der Eichschraube herum, bis die Einstellung so aussah, wie ich es wünschte. Gestern hatte ich vor lauter sportlichem Eifer nicht mehr daran gedacht. Einen Apfel konnte ich noch essen, und dann gab es eine Runde Gymnastik. Immerhin hatte ich beim Putzen den Muskelkater vergessen, aber sobald ich mich auf den Boden setzte, kam er zurück.
Ächzend und schnaufend absolvierte ich meine Übungen. Wieso war ich eigentlich so schlecht beieinander? Ich rauchte nicht, ich war nicht direkt sehr fett, ich bewegte mich täglich mit dem Putzeimer, da musste ich doch bessere Kondition haben? Offenbar nicht, jedenfalls schaffte ich wieder überall nur die Hälfte und fiel dann frustriert aufs Bett. Und der Apfel hatte nicht gerade gesättigt! Aber mittlerweile war es fast neun, wenn ich jetzt noch etwas aß, schlug es sicher doppelt an... Andererseits, nur so ein kleines Stückchen von dieser gemein lecker duftenden Salami... und ein Stück Vollkornbrot dazu: War das nicht ziemlich ausgewogen?
Leider futterte ich mehrere Scheiben Vollkornbrot (es musste dringend weg, immer ein guter Vorwand) und fast die halbe Salami, bevor ich mich zusammenreißen und die Reste im Kühlschrank verstauen konnte.
Mit schlechtem Gewissen ging ich schließlich ins Bett und nahm mir ganz fest vor, morgen mehr Widerstandskraft zu zeigen. Und mir Mehrkornsemmeln zu kaufen, die sättigten besser als die blöden Äpfel.
Frau Rössel und Frau von Jessmer hielten mich wenigstens ordentlich auf Trab; ich eilte dienstfertig herum und dachte immerzu an purzelnde Pfunde – hoffentlich an den richtigen Stellen, noch weniger Busen brauchte ich eher nicht - , während ich Messing polierte, Schrankoberseiten sorgfältig entstaubte und polierte und danach mit frischen Zeitungen schützte, Fenster putzte, Parkett einließ und – Frau Rössel war wirklich noch von altem Schrot und Korn – drei zusammengerollte Perser in den Hof trug, sie über die Klopfstange wuchtete und sie kräftig ausklopfte, bis sich die Staubwolken verzogen hatten. Einige Spaziergänger beäugten mich dabei neugierig, offenbar war ich für solche Tätigkeiten noch nicht alt genug. Wenn man sich dabei auf das Spiel der – kaum vorhandenen – Muskeln konzentrierte, konnte man dieser albernen Beschäftigung zwar direkt etwas abgewinnen, aber ein Tausend-Watt-Staubsauger schaffte garantiert mehr. Hinterher war ich wohlig erschöpft und schaffte es kaum noch, die Berge von Büchern aus der Bibliothek nach Hause zu schleppen, die ich bestellt hatte. Ich registrierte beide Male nur noch beiläufig, dass ich im Treppenhaus freie Bahn hatte, stapelte die Bücher dann auf dem Tisch auf und fiel wie erschlagen aufs Bett.
Die Gymnastikübungen machte ich zwar immer noch, aber nie in der vorgeschriebenen Anzahl und meistens auch reichlich schlampig, die Beine wurden nur halb gehoben, der Hintern nur ein kleines Stück gesenkt, damit ich wenigstens freihändig wieder hochkam. Gab es nicht auch so etwas wie Isometrie, wo man nur die Muskeln anspannte, ohne sich zu bewegen? Ich versuchte, auf dem Bett sitzend und eine Familienserie mit furchtbar frommen Leuten verfolgend, die Muskeln in meinem Hintern so anzuspannen, dass es meinen ganzen Körper ein paar Millimeter anhob – aber ob mir das grazile Beine bescheren würde?
Vielleicht waren die Krautstampfer ja auch erblich? Jani und Annika hatten dünne Beine, vor allem in den hautengen Jeans, die sie trugen – Jani in satanischem Schwarz, Annika im neuen dirty-Look. Meine Jeans wurden immer noch von selbst speckig, ich musste sie nicht so kaufen! Geli hatte eher ein kleines Problem mit einem Speckbäuchlein, aber das lag an ihrer Leidenschaft für Sahnetrüffel. Mamas Beine - keine Ahnung, ich hatte sie seit Jahren nicht mehr anders als in bunten Röcken gesehen.
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