Ich konnte lediglich für eins dankbar sein – er war draußen und ich war drinnen, und die Türen waren ziemlich massiv. Außerdem würde Heiner sie nie einschlagen, dabei könnte er sich ja seine kostbare Schreibhand verletzen oder sich Gott behüte einen Spreißel einziehen.
Immer noch wütend wärmte ich mir gebackene Bohnen auf und aß dann ohne großen Appetit. Seine bösen Worte waren zwar sicher nur gesagt worden, weil er meine Schwachstellen kannte, aber sie nagten doch an mir. War ich zu fett? Hatte ich in den letzten Tagen derartig zugenommen? Meine dunklen Jeans (etwas anderes konnte man bei den Oberschenkeln nicht tragen) kniffen aber nicht mehr als sonst, fand ich. Mittendrin ließ ich die Gabel sinken und stellte mich im Bad auf die Waage. Siebzig Kilo bei einsachtundsiebzig... das war eher ein Kilo weniger als sonst! Eigentlich logisch, durch die Putzerei bewegte ich mich ja auch mehr als sonst. Vielleicht wurde ich noch schlank?
Die Familie saß vollzählig um die Kaffeetafel. Ich ließ meinen Blick wandern: Meine Eltern sahen recht vergnügt drein – weil sie ihre Brut komplett um sich versammelt hatten? Ariane zog ein mürrisches Gesicht, wie es einer Siebzehnjährigen zukam, und popelte abwechselnd an ihrem schwarzen, abgesplitterten Nagellack und an einem total zerkrümelten Stück Marmorkuchen herum, Annika wirkte deprimiert und sagte gar nichts, Geli erzählte von einer Spanischvorlesung, die sie tief beeindruckt hatte, und Mama tat so, als verstünde sie etwas davon.
Meine Eltern! Hatten vier Töchter und gaben allen einen Namen mit A, als seien wir ein Wurf junger Hunde! Post an A. Holler hatte uns vor große Probleme gestellt, solange wir noch alle hier wohnten, aber Geli und ich hatten ja mittlerweile etwas Eigenes: Geli wohnte mit zwei Freundinnen zusammen in einer etwas vergammelten Dreizimmerwohnung in der Altstadt, und ich hatte mein winziges Appartement.
Annika hätte im Sommer auch ihr Abitur und würde dann so rasch wie möglich ausziehen, konnte ich mir vorstellen, also blieben meine Eltern nur noch auf Jani sitzen, die erst in der elften Klasse war und sich gerade im Grufti-Look gefiel. Hatte man das denn immer noch? Eine entsprechende Frage würde aber nur meine Uninformiertkeit und mein Spießertum zeigen, also sagte ich lieber nichts. Bei Spießertum fiel mir aber etwas anderes ein.
„Ich hab Heiner rausgeschmissen“, verkündete ich also mitten in einen Monolog über Calderón. „Sehr gut“, lobte mein Vater, „ich konnte diesen Angeber noch nie leiden. Was war der Anlass?“
„Er wurde mir zu teuer, er hat ja immer erwartet, dass ich sein Leben mitfinanziere. Und jetzt, wo ich den tollen Job erst im April antreten kann...“ So verpackte man unangenehme Nachrichten geschickt! Oder doch nicht?
„Was?“ Mama fuhr auf, Calderón war vergessen. „Du hast die Stelle noch gar nicht?“
„Nein, es gibt eine halbjährige Besetzungssperre. Im Moment putze ich für meinen Lebensunterhalt.“
„ Du putzt?“ Geli kicherte, wahrscheinlich dachte sie an das heillose Chaos, das immer in meinem Teeniezimmer geherrscht hatte.
„Ja, eigentlich ist das ganz interessant. Obwohl es ja schon Spinner gibt...“
Ich gab ein paar Geschichten über die Rössel zum Besten und erzählte dann auch von der grausigen Villa Kampmann. Allgemeines Gelächter – nur Annika verzog keine Miene. Papa überlegte halblaut. „Kampmann – Kampmann, den Namen hab ich doch schon mal gehört?“
„In welchem Zusammenhang?“ Der mürrische Kerl interessierte mich ja doch! Vielleicht erfuhr ich hier, warum er so mürrisch war? „Weiß ich nicht mehr. Da war was... ich komm jetzt nicht drauf. Heißt er – Moment – äh – Clemens?“
„Ja, ich glaube schon“, tat ich unwissend. „Der war mal an der Uni“, steuerte Geli bei, „aber das war vor meiner Zeit. Da gab´s irgendwelchen Ärger.“
„Weshalb?“ Jetzt wurde ich richtig neugierig. „Weiß ich auch nicht, aber ich kann mich mal umhören. Es muss ein richtiger Skandal gewesen sein.“
„Vielleicht hat er was mit einer Studentin angefangen“, schlug Jani vor.
„Das wäre doch kein Skandal gewesen“, winkten Geli und ich ab.
„Echt? Also, wenn bei uns ein Lehrer mit einer Schülerin poppt, dann ist die Kacke schon ziemlich am Dampfen“, verteidigte sich Jani.
„A-ri-a-ne! Bitte nicht solche Wörter bei Tisch!“ Mama klang direkt scharf.
„Ja, aber an der Uni ist das nicht verboten. Man kann schließlich immer den Prof. wechseln, oder?“ Ich nickte zu Gelis Ausführungen und dachte über ein zweites Stück Kuchen nach. Lieber nicht, Heiners Frechheiten spukten mir immer noch im Kopf herum. „Schriftsteller ist er, oder?“, überlegte Papa weiter. „Krimis, glaube ich...“
„Ihr habt Sorgen!“, fauchte Annika unvermittelt los, schob krachend ihren Stuhl zurück und rannte die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Wir sahen ihr konsterniert nach. „Was hat die denn? Liebeskummer?“, fragte ich.
„Null Punkte in der Matheklausur“, erläuterte Mama. „Ich kenne mich zwar mit diesen neuen Noten immer noch nicht so aus, aber es hört sich übel an.“
„Null Punkte ist eine Bombensechs“, erklärte Geli freundlich. „Und sie hat schon zweimal die Hürde gerissen, also hat sie Angst um ihr Abitur. Ist doch logisch!“
Damit war mein Putzjob natürlich vergessen. Wir überlegten, wie man Annika helfen konnte. Leider waren wir alle keine Mathecracks, wenn es auch bei Geli und mir für einen Dreier immer gereicht hatte. Jani war ganz gut, aber sie kannte den Stoff ja noch gar nicht. Schließlich fiel Geli ein Kommilitone ein, der Mathematik studierte und angeblich ganz toll erklären konnte. Zusammen stiegen wir die Treppe hinauf. Annika lag auf ihrem Bett und starrte an die Decke. „Na, habt ihr jetzt von meiner Schande gehört? Ich fall durchs Abi, wenn das so weiter geht! Oder ich werde gar nicht erst zugelassen.“
„Du schreibst doch noch eine Klausur, oder?“ Annika brummte zustimmend. „Soll ich den Holger mal fragen, ob er mit dir übt?“
„Holger – und wie noch?“
„Holger Reuss, warum?“
„ Der Reuss? Der, bei dem der halbe Kurs sitzt? Der ist endlos ausgebucht, das kannst du vergessen.“
„Wart´s ab. Ich kenne ihn ganz gut. Hast du die Klausur noch?“
Unwirsche Kopfbewegung in Richtung Schreibtisch. Es sah gar nicht gut aus, alles rot, überall Fehlzeichen, und vorne am Rand stand schwungvoll O P. = 6 . Am Ende der letzten Seite las ich Katastrophal! So kann es nicht weiter gehen, Annika! Das konnte einem das Wochenende schon verbittern.
„Du Arme...“
„Ich bin eben zu blöd für Mathe“, murmelte Annika.
„Quatsch!“, widersprach Geli. „Holger sagt, Mathe kann jeder, wenn man es ihm richtig beibringt. Wieso sitzt denn der halbe Kurs bei ihm? Weil der Pfister nicht erklären kann, oder?“
„Du hast den Pfister?“, hauchte ich entsetzt. „Scheiße, bei dem wäre ich auch mal fast durchgefallen, in der neunten. Das ist doch der letzte Chaot!“
„Wem sagst du das“, seufzte Annika. Geli zog ihr Handy aus der Tasche und ging zum Telefonieren auf den Flur. Nach zwei Minuten war sie wieder da. „Morgen um sieben Uhr abends, bei ihm. Okay?“
„Ernsthaft? Ist ja toll!“ Annika lebte wieder auf. „Wie hast du das gemacht?“
„Tränendrüse. Um sieben wäre er eigentlich fertig, aber er quetscht dich noch dran. Du sollst alles mitbringen, auch die Klausur, und dann will er mal sehen. Aber du sollst dich auf blöde Termine einstellen, die guten sind schon fest vergeben.“
„Macht nichts, ich würde auch um Mitternacht hingehen. Hauptsache, er bringt mich über die Hürde!“
Wieder ein Problem gelöst! Wir trabten die Treppe wieder herunter. „Dass du Heiner abserviert hast... Ich fand ihn eigentlich ganz süß“, stellte Geli unterwegs fest. „Ja, äußerlich schon. Aber er ist ein Schmarotzer und wahnsinnig eingebildet. Nur er weiß, was Kultur ist, wir anderen sind spießige Banausen, nur dazu gut, das Genie zu umsorgen. Das wird einem irgendwann dann doch zu blöde.“
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