Der Teppich war dünn und hart und fühlte sich unter meinen Knien nicht gerade kuschelig an. Ich sank langsam nach hinten und hatte sofort das Gefühl, als rissen meine Oberschenkelmuskeln entzwei – hatte ich denn überhaupt Oberschenkelmuskeln? Langsam wieder hoch – mit verschränkten Armen? Das war ja anatomisch kaum möglich! Bei mir wenigstens nicht, ich musste mich leider abstützen und kam mehr schon sehr unsportlich vor. Noch mal!
Nein, beim zweiten Mal ging es auch kaum besser, offenbar war mein Hintern zu schwer.
Gab es keine leichteren Übungen? Auf einen Stuhl setzen und die Beine langsam heben und senken – das hörte sich doch akzeptabel an, wenigstens konnte ich dabei sitzen! Ganz so einfach war es auch wieder nicht, die Beine wurden mir gleich wieder schwer, und nach dem zehnten Mal konnte ich nicht mehr. Für heute reichte es mir. Wenigstens waren die Übungen simpel genug, dass ich sie mir merken konnte. Morgen wieder! Vielleicht, vielleicht hatte ich ja morgen den totalen Muskelkater. Dann konnte ich diesem seltsamen Kampmann ja was vorhumpeln!
Tatsächlich war ich nahezu bewegungsunfähig, als ich, eine große Flasche Etikettenlöser in der Tasche, am Dienstagnachmittag im Helenenweg klingelte. Kampmann stand in der Tür und betrachtete interessiert mein Humpeln.
„Was haben Sie denn gemacht?“
„Gymnastik“, stöhnte ich und kletterte vorsichtig die drei Stufen zur Haustüre hinauf. „Ich hab´s ja mehr mit dem guten alten Sir Winston“, kommentierte Kampmann und ließ mich eintreten. Ich warf ihm einen missvergnügten Blick zu. „ First at all – no sports ? Ja, schon, aber so hat er dann eben auch ausgesehen.“
„Na und? Er hat den Zweiten Weltkrieg gewonnen, nicht die Wahl zum Mr. Universum. Was ist wichtiger?“ O Gott, wieder so einer, der nur auf das Wesentliche schaute!
„Mag sein, aber ich will mich ja auch noch im Spiegel anschauen können.“
„Da sehe ich eigentlich keine Probleme. Haben Sie an den Etikettenlöser gedacht?“
Ich hielt triumphierend die Riesenflasche hoch. „Was kriegen Sie dafür?“
„Sechsneunundneunzig. Tut mir Leid, das Zeug ist nicht billig, aber es wirkt.“
Er gab mir acht Euro und bockte, als ich ihm einen Euro und einen Cent in die Hand drücken wollte. Resigniert legte ich das Geld auf die Flurkommode. „Dann fange ich am besten gleich an.“
„Gut. Schauen Sie am besten selbst, was nötig ist. Plus Bügeln und Prilblumen, okay?“
„Alles klar. Frohes Schaffen!“ Er warf mir einen giftigen Blick zu. „Den Hohn können Sie sich sparen.“
Ich glotzte. „Was? Sie arbeiten doch sonst auch immer!“
„Ich versuche es höchstens, ich hab eine Schreibblockade. Von frohem Schaffen kann also keine Rede sein.“
„Tut mir Leid, das zu hören“, murmelte ich mechanisch und verzog mich in die Küche, wo ich die Prilblumen dick einpinselte, bevor ich das herumstehende Geschirr ins Spülbecken stapelte und den Müll einsammelte und wegtrug.
Schriftsteller... Papa hatte also Recht gehabt, aber er steckte in einer Schaffenskrise. Armer Hund, ich kannte Schreibblockaden, wenn ich eine Arbeit zusammenschustern musste und mir plötzlich rein gar nichts mehr einfiel.
Erst einmal bügeln! Die Ausrüstung im Keller war erste Sahne, hier hatte es entweder mal eine Hausfrau gegeben oder meine Vorgängerin hatte auf anständigem Werkzeug bestanden. Oder er hatte sich früher selbst um seinen Kram gekümmert. Unsinn, so kam er mir nun wirklich nicht vor. Vielleicht war er geschieden – aber warum hatte die Alte dann solchen Kram nicht einfach mitgenommen? War er Sinnbild häuslicher Sklaverei?
Was ging´s mich an! Aber wenn ich ehrlich war, fand ich den Mann nett, so mürrisch er war. Und hässlich war er auch nicht, egal, wie erfolgreich er sich als Penner präsentierte. Die verbeulten Hosen versteckten nicht, dass er eine ganz anständige Figur hatte, die ausgeleierten Sweatshirts zeigten breite Schultern, und trotz der angegrauten Mähne und der Bartstoppeln hatte er eigentlich ein gutes Gesicht, zerfurcht zwar, aber das durfte es in seinem Alter ja wohl sein! Welche Farbe hatten seine Augen? War das Blau echt oder nicht?
Und wenn er grinsen musste, waren seine Zähne groß und weiß und gut in Schuss. Nein, er trat zwar ungepflegt auf, aber das war er gar nicht, so viel hatte ich schon herausgefunden. Irgendwie strahlte er Kraft aus, ein Mann, der wusste, was er wollte, auch wenn er nicht gerade strahlend gelaunt war.
Ich bügelte alles weg und schleifte dann den Korb ins Schlafzimmer, wo ich das Bett abzog und lüftete, die frische Wäsche verstaute und das Zimmer rasch durchputzte – wenn man das zweimal die Woche machte, ging es fix, und er fühlte sich in einem sauberen Schlafzimmer doch bestimmt wohler.
Gegen seine Schreibblockade fiel mir allerdings kein Heilmittel ein. Ich sammelte die herumliegende Wäsche ein, schleppte sie wieder in den Keller und steckte sie in die Maschine. Als es munter zu zischen und zu rumpeln begann, war die Küche dran – das Geschirr wurde schnell gespült und konnte trocknen. Und die Prilblumen wellten sich schon recht viel versprechend. Ich holte mir ein Stück Zeitung aus dem Altpapierkorb und machte mich daran, sie abzuziehen – zuerst alle, in denen Feuerrot enthalten war, also etwa jede zweite. Einige gingen schon spurlos runter, die anderen hinterließen noch weiße Reste, aber keine widersetzte sich grundsätzlich.
Schon besser! Die weißen Reste kriegten noch einen Klecks Etikettenlöser, und ich nahm mir alle vor, die rosa und lila Blütenblätter hatten – das war fast der komplette Rest. Nur drei mit blau-gelb-orange-weiß-blau blieben über, die waren wohl seltener – Sammlerstücke? Mit den diversen Siebziger- und Achtziger-Revivals waren diese scheußlichen Dinger sicher auch wieder in Mode gekommen. Gegen Viertel vor sieben war die letzte Prilblume erlegt und in der Zeitung begraben und ich schrubbte mit einem Teigschaber vorsichtig die letzten Spuren von den Schranktüren, bevor ich sie intensiv mit Glanzreiniger behandelte. Die Küchenmöbel sahen fast wie neu aus! Als auch noch der Boden gewischt und ein frisches Handtuch aufgehängt war, bewunderte ich mein Werk. Da kam Kampmann herein, zwei Plastiktüten in der Hand, und sah sich blinzelnd um. „Sie haben den Dingern echt den Garaus gemacht? Die Küche sieht ja gleich völlig anders aus! Danke!“
„Aber bitte, das ist doch mein Job“, wehrte ich ab und half ihm beim Auspacken. Mist, dass er nun selbst einkaufen ging, mit dem Spriteuro hatte ich fast schon gerechnet! „Na und? Ihre Vorgängerin hat ein bisschen daran herumgekratzt und dann gefunden, die Dinger sähen doch sehr nett aus, so fröhlich.“
„Die Mistviecher gefallen doch vielen Leuten, sonst wären sie jetzt nicht wieder auf den Prilflaschen hintendrauf. Komisch, dass Pril nie mal was anderes probiert hat, Oldtimer, Segelschiffe, Schlümpfe, kleine Kätzchen oder so. Die Prilblumen waren wohl der einzige geistige Höhenflug.“
Ich bemerkte seinen Blick und klappte schleunigst den Mund wieder zu.
Du sollst deine Kunden nicht endlos zutexten.
„Ich werde mal die Wäsche aufhängen...“, murmelte ich und verzog mich wieder in den Keller, wo die Maschine schon länger fertig war.
Als ich wieder nach oben kam, war Kampmann in seinem Arbeitszimmer verschwunden, jedenfalls sah ich ihn nicht mehr. Besser so, sonst brach ich bloß wieder in einen Redeschwall aus – heute hatte ich ihn schon mit meinen Ansichten über Prilornamente und mit meinen Figurproblemen genervt, das reichte ja wohl. Wie sah es denn im Wohnzimmer aus? Die grüneichene Schrankwand bestand jetzt nur noch aus einem einzigen Teil, und das Zimmer wirkte völlig unbenutzt. Ich entstaubte es rasch und ließ alle Holzteile – mit Ausnahme der Schrankwandreste, eine letzte Ölung brauchten die wohl auch nicht mehr – kräftig mit Politur ein. Was machte der Typ eigentlich mit einem prachtvollen Esstisch ohne Stühle? Und wozu drei Sofas zum Lümmeln, aber kein Fernseher? Nicht mal eine Stereoanlage war zu sehen! Tat er gar nichts, außer auf seinen leeren Bildschirm zu starren?
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