Immerhin war es bei Karen recht lustig; da sie die Vormittage nur in Gesellschaft ihres schlecht gelaunten Säuglings verbringen musste, der entweder plärrte oder schlief, freute sie sich, endlich mal mit jemandem reden zu können, der der Sprache mächtig war, und klagte mir ihr Leid – ihr Mann war auf Studienfahrt, Sven hatte immer noch Blähungen, ihr Bauch war total schwabbelig – das konnte ich nicht bestätigen, als sie ihr T-Shirt anhob und sich anklagend in den kaum vorhandenen Bauchspeck kniff. Außerdem nervten ihre Eltern tierisch, bei ihrer jüngsten Schwester war möglicherweise das vierte Kind unterwegs, obwohl die Ehe so ziemlich im Eimer zu sein schien, und ihre mittlere Schwester war mit ihrem Mann in Hongkong, und sie hatte vergessen, ihr zu sagen, was sie ihr mitbringen sollte.
Nach dieser Tirade seufzte sie tief auf. „So, jetzt geht´s mir schon wieder deutlich besser. Ich bin einfach neidisch, weil ich selbst gerne in Hongkong wäre – oder auf Studienfahrt. Obwohl – Florenz mit achtundsiebzig Abiturienten, deren Reisegepäck hauptsächlich aus Wodkaflaschen besteht... lieber doch nicht! Und Svenni ist ja wirklich ein Süßer, wenn er mal die Klappe hält. Gestern hat er richtig gelächelt!“
Ich wischte Staub und äußerte meine Bewunderung für das kluge Kind.
Karen interessierte sich auch für mein Dissertationsthema und steuerte einige recht gute Ideen dazu bei, außerdem kannte sie jemanden im Städtischen Museum, der mir möglicherweise weiterhelfen konnte, und schrieb mir Namen und Nummer auf. Zwei sehr ergiebige Stunden, fand ich, als ich Staubtücher, Wischlappen, Staubsauger und Wischmopp wieder aufgeräumt hatte. Und jetzt zu diesem mürrischen Kerl im Helenenweg!
Dieses Mal wurde mir schon etwas schneller geöffnet, und die Grimasse, mit der ich begrüßt wurde, konnte man zwar eigentlich nicht als Lächeln bezeichnen, aber sie schien mir doch eine Geste des guten Willens zu sein.
Ich lächelte zurück, trat ein und warf einen Kontrollblick in die Runde: Der Flur war zwar unordentlich, aber nicht wieder so verdreckt wie beim letzten Mal. Vielleicht brauchten Staubmäuse ja länger als drei Tage, um zu voller Schönheit aufzublühen! „Was soll ich denn heute gründlich machen?“, erkundigte ich mich in streng professionellem Ton und versuchte, nicht so zu schauen, als würde ich vorschlagen, beim Hausherrn anzufangen. „Wohnzimmer“, war die Antwort. „Und danach ein bisschen Bäder und Küche.“
„Gerne.“ Ich holte mir sämtliches Putzzeug aus der Küche und schleifte es ins Wohnzimmer, wo es noch seltsamer aussah als beim letzten Mal.
Die eichene Schrankwand (war die obendrein noch grün gebeizt? Sie wirkte irgendwie angeschimmelt) war noch schmaler geworden, so dass zwischen ihr und dem abgearbeiteten Billy ein Stück Tapete sichtbar wurde, seltsamerweise nicht dieses grau-rot-grüne Zickzackmuster, bei dem einem schlecht werden konnte, sondern Biedermeiersträußchen auf Himmelblau. Vielleicht für ein Kinderzimmer ganz nett, aber hier?
Das ging mich nichts an. Ich säuberte den Kamin, der tatsächlich benutzt zu werden schien, jedenfalls lag viel Asche darin, schichtete danach neues Holz und Papier so hinein, dass man nur noch ein Streichholz daran halten musste (von Papa gelernt), putzte den Kaminsims aus schwarzem Marmor, wischte überall Staub, saugte die Sofas gründlich ab, verbrauchte mehrere Glasklartücher, bis die Fenster wieder durchsichtig und einigermaßen streifenfrei waren, saugte den Kachelboden und wischte ihn danach feucht auf und öffnete die Terrassentür, damit der Putzmittelduft und die Feuchtigkeit auf dem Boden abziehen konnte.
Eigentlich war das ein tolles Zimmer, aber dieses Gerümpellager darin!
Im angrenzenden Esszimmer war nicht viel zu tun – Tisch polieren, Fenster putzen, Boden saugen und wischen. Vor dort aus kam man auch in die Küche. Eine Küche mit drei Türen hatte ich auch noch nie gesehen.
So schlimm wie beim letzten Mal sah die Küche nicht aus: Wenn ich abspülte und die Arbeitsflächen und den Boden wischte, war alles okay. Also saugte ich auch noch schnell den Flur durch, wischte ihn flüchtig auf und kontrollierte das offenbar völlig unbenutzte Gästeklo – letztes Mal hatte ich das erste Blatt Klopapier geknickt, das hatte ich mal in einem Krimi über eine Putzfrau gelesen, und der Knick war immer noch da. In diesem Krimi hatte auch gestanden, dass man, wenn man Teppichboden saugte, am Ende sein Monogramm hineinsaugen musste, aber das war mir dann doch zu blöde. Ich stellte das Körbchen mit dem Putzkram auf eine Treppenstufe und klopfte an der Arbeitszimmertür. „Ja!“, ertönte es unwirsch von drinnen.
Ich öffnete vorsichtig die Tür. „Unten wäre ich fertig – soll ich etwas einkaufen oder oben weitermachen? Oder haben Sie noch andere Aufträge?“
Er saß vor einem völlig zugemüllten Schreibtisch, ein Wunder, dass er seinen Laptop überhaupt noch fand. „Wie würden Sie Olive and Dove übersetzen? – Ach, lassen Sie nur.“
„ Ölzweig und Taube . Ist das nicht dieser Pub in Kingsmarkham? Ich könnte auch das Altpapier zum Container bringen, wenn Sie wollen.“ Beziehungsreich sah ich mich um und ließ meinen Blick dann auf den zerknüllten Zetteln ruhen, mit denen er den Papierkorb absolut nicht getroffen hatte.
„Kingsmarkham? Sie lesen Ruth Rendell? Und wie kommen Sie auf Ölzweig?“
„Olive und Taube gibt keinen Sinn. Aber die Taube mit dem Ölzweig kommt doch in der Bibel vor, bei der Arche Noah, oder? Und Ruth Rendell mag ich sehr.“
„Gut erklärt. Tja... also, Altpapier nicht, vielleicht kann ich davon doch noch was brauchen, das war nur der Ärger. Würden Sie auch waschen?“
„Klar, wenn Sie mir sagen, was und wo die Maschine steht?“
„Ist alles im Keller, auch die Wäsche. Und Sie könnten auch noch was einkaufen, wenn Sie das zeitlich hinkriegen.“ Er schaute auf seine Armbanduhr. „Erst zwanzig nach sechs? Sie arbeiten flott. Hier, das bräuchte ich. Und das ist für den Sprit!“ Er lehnte sich nach hinten, fischte etwas aus seiner Hosentasche und drückte mir zwei Euro in die Hand. „Für letztes Mal und heute!“
„Danke, das ist ein fairer Betrag!“ Ich steckte das Geld ein. „Kann man die Maschine alleine lassen, wenn sie läuft?“
„Klar, der Keller hat doch einen Gully.“
Er wandte sich wieder seinem Laptop zu und klickte den Bildschirmschoner weg, der sich eingeschaltet hatte. Mit einem letzten Blick stellte ich fest, dass die Word-Seite total leer war. Dem fiel wohl nichts ein?
Im Keller fand ich einen großen Korb voller Sweatshirts, Shorts, Socken, Bettwäsche und Handtüchern. Ich sortierte eine Maschine voll aus, gab Pulver dazu und startete die Maschine, dann fuhr ich einkaufen.
Fertiggerichte, Zigarillos, Druckerpapier, Kaffee – Himmel, konnte er das nicht so sortieren, dass ich in jeden Laden nur einmal musste? Ach was, ich hätte mir die Liste eben vorher richtig durchlesen sollen! Disketten, Schnellhefter, zwei Rotstifte – was wollte er denn korrigieren, wenn er nichts schrieb? Und vorhin, sollte das nur ein Test sein, wie doof seine neue Putze war? Den hatte ich dann wenigstens bestanden. Ich kaufte alles ein, schleppte die Beute in die Küche und verräumte es, dann klopfte ich wieder an der Arbeitszimmertür und überreichte meinem Arbeitgeber die Schreibwaren. „Legen Sie´s irgendwo hin“, brummte er und starrte weiter auf den Bildschirm, auf dem immer noch nichts stand – außer einer großen Eins, mindestens in vierzig Punkt.
Ich verzog mich wieder in den Keller, hängte die Wäsche ordentlich auf, nachdem ich vorsichtshalber die feuerroten Leinen abgewischt hatte, und füllte die Maschine neu. Was jetzt? Wenn ich ihn noch einmal störte, platzte er wahrscheinlich. Also kontrollierte ich das Erdgeschoss noch einmal und schleifte mein Equipment dann nach oben. Ein sauberes Bad konnte seine Laune nur heben! Viel war nicht zu tun, offenbar war er kein Stehpinkler oder einigermaßen treffsicher, und er spritzte auch keine Zahnpasta an den Spiegel. Vielleicht wusch er sich auch überhaupt nicht und pinkelte aus dem Fenster...
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