Am Samstagabend, mit dem kompletten Marmorkuchen im Bauch, zog ich mich deshalb aus und stieg wieder auf die Waage. Einundsiebzigkommaacht. Ganz toll, ich wurde wirklich immer fetter!
Im Profil hatte ich einen kleinen Bauch. Und ich fühlte mich auch reichlich vollgefressen – wurde ich jetzt noch zur Frustesserin? Der Hintern war okay, fand ich, die Taille ging, sobald der Stehbauch wieder weg war. Hüften – naja. Und diese Beine! Wo war das Maßband?
Ich wühlte mich durch alle Schränke und entdeckte es schließlich in der Schachtel mit den Weihnachtsschleifen – wie kam es denn dahin? Also, Taille achtundsechzig. Das ging, ich war schließlich nicht Scarlett O´Hara. Dreiundvierzig hatte die gehabt, aber eng geschnürt, das war idiotisch. Hüften fünfundneunzig, Busen neunzig. Bisschen dürftig. Oberschenkel – jetzt schlug die Stunde der Wahrheit! Neunundfünfzig – Allmächtiger, die waren ja fast so dick wie meine Taille! Scheußlich! Und wie sie sich an der Seite nach außen wölbten, bestimmt um zwei Zentimeter! Irgendwo musste noch ein alter Luffaschwamm sein... im Kleiderschrank? Nein, da hatte ich ja erst aufgeräumt... Im Badezimmerschränkchen lag er dann, verknautscht und muffig. Ab jetzt würde ich meine Oberschenkel bei jeder Dusche brutal massieren, und wenn ich wieder bei Kasse war, würde ich mir die edelsten Anticellulite-Gels leisten, das Zeug aus der Apotheke, das wirkte bestimmt besser als der Kram aus dem Drogeriemarkt. Und Gymnastikübungen... Wieso hatte es keine Frauenzeitschrift im Altpapiercontainer gegeben? Da waren doch immer solche Übungen drin – in zwei Wochen eine Bikinifigur/Traumfigur/fünf Kilo leichter. Einen Waschbrettbauch hatte ich auch nicht gerade. Ich sah wirklich aus wie das Vorher-Bild aus der Diätdrink-Werbung. Fast wenigstens.
Mit solchen finsteren Gedanken verdarb ich mir das Wochenende, das so entspannt hätte sein können, und als ich am Montagmorgen immer noch einundsiebzig Kilo drauf hatte, trotz eines langen Spaziergangs, trotz einiger muskelkaterträchtiger Übungen und trotz einer fast reinen Apfeldiät – die fettige Salami, die so betörend duftete, hatte ich heroisch ignoriert -, hatte ich den Verdacht, dass die kommende Woche auch nicht besser werden würde.
Ich klagte Karen mein Leid, die nur höhnisch lachte und auf die Überbleibsel ihrer Schwangerschaft hinwies. „Du bist absolut nicht dick, mach dich nicht lächerlich. Schau dir bloß mal diesen Schwabbelbauch an!“
„Und was machst du dagegen?“, fragte ich interessiert.
„Nichts, außer spazieren zu gehen. Meine Ärztin, Dr. Kehl – kennst du die? – hat gesagt, wenn man zu intensiv Gymnastik macht, ist das schlecht für die Milch. Also muss ich mit dem Workout warten, bis Sven abgestillt ist, und das kann noch dauern.“
„Ja, aber alles andere ist doch okay. Guck dir bloß diese Keulenbeine an!“, jammerte ich und raffte mein Sweatshirt, damit sie die üppige Pracht auch so richtig bewundern konnte. „Ich sehe nichts“, stellte Karen nach gründlicher Inspektion fest, und Sven, der an ihrer Schulter döste, krähte zustimmend los.
„Die sind total fett!“
„Blödsinn, die sind ganz normal. Wer hat dir denn den Scheiß eingeredet?“
„Mein Spiegel! Naja, und Heiner.“
„Dein Freund?“
„Exfreund. Gut, er neigt zur Bosheit, aber da hat er Recht.“
Karen drückte mir ihr Baby in die Arme. „Halt ihn mal kurz!“
Sven sah mich erstaunt an und schloss dann angewidert die Augen. Wenigstens brüllte er nicht los.
Karen kam zurück und schwenkte ein Maßband, dann stellte sie einen Fuß auf einen Stuhl und maß ihren eigenen Oberschenkel in den schlabberigen Jogginghosen. „Siebenundfünfzig. Und du?“
„Neunundfünfzig – ohne dicke Baumwolle drumherum.“
„Okay, ziehen wir zwei ab für die Hose, ich hab jetzt keine Lust, die auszuziehen. Fünfundfünfzig. Und vier Zentimeter mehr ist schon fett ? Außerdem bist du größer als ich.“
„Kaum. Einsachtundsiebzig, und du?“
„Einsfünfundsiebzig. Und im Moment wiege ich zweiundsechzig Kilo. Gut, vor Sven hatte ich vierundfünfzig, und die kriege ich auch wieder. Aber du bist nicht dick!“
„Nein? Mit einundsiebzig Kilo?“
„Also, wo du die versteckt hast, möchte ich wirklich mal wissen, an den Beinen jedenfalls nicht. Anne, du bist albern. Die ideale Kandidatin für diese endlosen Diäten, mit denen man sich bloß den Stoffwechsel ruiniert.“
„Meine Waage lügt doch nicht!“
„Alle Waagen lügen. Oder hast du schon mal auf zwei Waagen das gleiche gewogen?“
„Nein, aber...“
„Los, im oberen Bad ist eine Waage, rauf mit dir!“ Lustlos trollte ich mich nach oben, nachdem ich Karen ihren Sprössling zurückgegeben hatte.
Schicke Waage, beim Putzen war mir die noch gar nicht so aufgefallen. Ich tippte sie an und stieg dann – ohne Schuhe, das sparte bestimmt ein Pfund – zaghaft darauf. Siebenundsechzig ? Was für eine sympathische Waage! Und das mit Kleidern und einem wenn auch kärglichen Frühstück im Bauch, dann hatte ich praktisch netto vielleicht nur sechsundsechzig? Strahlender Laune kam ich nach unten. „Deine Waage ist klasse, vier Kilo weniger! Ich stelle meine nachher sofort um!“
„Na, siehst du. Und deine Figur ist total in Ordnung. Kannst du heute mal die unteren Fenster machen?“
Ja, eigentlich war ich hier, um zu putzen, und nicht, um mich seelisch wegen meiner Fettmassen aufrichten zu lassen! Also schnappte ich mir den Eimer und das sonstige Gerät und ging energisch an die Arbeit. Bei meiner Schrubberei stellte ich mir dauernd vor, wie die Gramme verschwanden. Ein Pfund pro Woche... am Ende eine Figur wie Karen... oder wie Jani, die war auch toll dünn, aber eben auch erst siebzehn – mit dreißig sah sie sicher auch nicht mehr so aus. Um vier blinkte die Wohnung und ich hatte mindestens hundert Gramm verloren, bildete ich mir ein. Karen feixte, als sie meine Liste abzeichnete. „Das reinste Workout, was? Hoffentlich hat´s was geholfen!“
Voller guter Vorsätze ging ich nach Hause. Sozusagen vier Kilo in einem Moment verloren, zweihundertfünfzig Euro auf mein Konto eingezahlt, eine Menge viel versprechenden Kram aus der Bibliothek angefordert – ich war gar nicht schlecht! Und ich hatte genug Geld in der Tasche, um am Kiosk an der Ecke stehen zu bleiben und die Schlagzeilen zu studieren. Ein Fitnessheft warb mit Das perfekte Workout: Bauch – Beine – Po . Na, das war´s doch! Drei Euro waren zwar happig, aber dann gab es heute Abend eben bloß Äpfel, war eh gesünder!
Mit dem Heft eilte ich nach Hause und linste im Treppenhaus ängstlich um die Ecke. Nein, kein Heiner, entweder musste er doch auch mal was arbeiten, oder er hatte schon eine neue Magd aufgetan. Umso besser – obwohl man die arme Frau eigentlich warnen sollte. Aber mich hatte auch keiner gewarnt; als ich Gisi kennen gelernt hatte, war es schon zu spät gewesen. Ich schlüpfte sofort in Jogginghosen und breitete mich mit dem Heft auf dem Teppich aus. So, wie sollte das jetzt gehen? Beine hoch und zwanzigmal grätschen, bis es innen zog. Kein Problem...
Zwanzig Mal? Ich hatte nicht geahnt, wie schwer meine Beine dabei wurden. Zwölf – dreizehn – ächz – vierzehn – puh! – fünfzehn. Fünfzehn reichte ja wohl für den Anfang. Erleichtert ließ ich die schweren Beine wieder sinken. Jetzt sollte man die Muskeln eigentlich ausschütteln und entspannen – aber dazu hätte ich aufstehen müssen.
Verdammt, war ich ein Weichei: eine Übung, und ich war fertig! Es war noch nicht einmal fünf Uhr, und ich hätte auf dem Fußboden einschlafen mögen.
Nix gibt´s – nächste Übung. Hinknien, die Arme verschränken und den Hintern dann ganz langsam sinken lassen und wieder heben – nicht auf die Fersen setzen. Hörte sich einfach an.
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