1 ...6 7 8 10 11 12 ...20 Armer Hardy, nie fand er die Richtige. „Sollen wir mal wieder ein bisschen für dich suchen?“, erkundigte ich mich mitfühlend. Er hätte vor Schreck fast sein Bier verschüttet. „Untersteht euch! Ich hab von euren letzten Verssu-suchen noch die Schmau-Schnauze voll. Ehrlich!“
Das konnte ich nun gar nicht verstehen. Diese Inge war (bis auf den altmodischen Namen) doch genau passend gewesen? Arbeit an der Uni, streng ökologisch orientiert, von herber Schönheit (gut, mehr herb als schön), sehr belesen, politisch aktiv. Sie fuhr sogar ein Hollandrad der gleichen Marke!
„Was war mit der Inge? Ich hab nie verstanden, warum du dich nur einmal mit ihr getroffen hast“, bohrte ich nach. Hardy lief ziemlich rot an. „Die war mir zu – äh – bestimmend in ihrer Art.“
„Suchst du ein gefügiges Weibchen?“, fragte Conny. „Das hättest du doch bloß bei uns bestellen müssen, wir hätten bestimmt auch so was gefunden.“
„Nein! Himmel, lasst mich bloß mit euren Funds-stücken in Ruhe!“
„Wie – bestimmend?“, fragte ich weiter. „Haben wir dir eine Domina besorgt oder was?“
„So ungefähr“, nuschelte Hardy in sein Bierglas und wurde womöglich noch röter. Ich kicherte begeistert. „O Gott, du Armer! Komm doch mal öfter zu uns in den Laden, du wärst nicht der einzige, der da rumlungert, um Mädels kennen zu lernen, die lesen und schreiben können.“
„Echt?“ Conny staunte. „Ihr werdet zur Kontaktbörse?“
„Naja“, relativierte ich meine Behauptung, „bis jetzt haben wir da erst einen. Wir nennen ihn den stillen Kunden. Er lungert rum und guckt, und wenn wir ihn misstrauisch anschauen, kauft er schnell was. Gar nicht so schlecht, er kauft praktisch täglich mindestens ein Buch. Aber reden tut er nicht. Vielleicht hat er seine Traumfrau noch nicht gefunden. Jedenfalls ist das so ein running gag für Sonja und mich geworden; Trixi ist er wohl noch gar nicht aufgefallen, die sieht ja bloß, was sie sehen will.“
„Ihr solltet auch Kaffee anbieten, wie in dieser amerikanischen Serie, die in einer Buchhandlung spielt“, schlug Conny vor. „Die mit dieser Lesbe, wie heißt sie gleich?“ Ich hatte mal wieder keine Ahnung, ich sah nicht viel fern.
„Ellen“, outete Hardy sich als Seriengucker.
„Seit wann hast du einen Fernseher?“, fragte Conny erschüttert.
„Bloß schwarzweiß“, verteidigte Hardy sich sofort. „Und mehr so wegen arte...“
„Jaja“, wischte Conny seine Ausreden beiseite, „das sagen alle. Und dann ziehen sie sich heimlich DSDS und Verbotene Liebe rein. Hardy, Hardy, wie tief bist du gesunken! Guckst du auch Talkshows?“
Hardy ärgerte sich. „Gar nicht wahr!“
„Jetzt lass ihn doch in Ruhe“, mischte ich mich ein. „Jeder hat geheime Laster, und wenn´s weiter nichts ist...“
„Ach ja? Was ist deins?“, wollte Conny sofort wissen. „Ich muss morgen früh raus, ich geh jetzt heim“, leitete ich schnell den Rückzug ein.
„Feige Nuss! Wie lange musst du denn morgen ran?“
„Bis vier. Langer Samstag, du weißt ja. Und abends bin ich mit Trixi verabredet. Sie will unbedingt ins Belle Époque.“
Conny lachte. „In den Aufreißerschuppen? Dann ist ihr Superlover aber doch nicht ihre einzige Option? Drum prüfe, wer sich ewig bindet ...“
„Oder sie sucht den Superlover überhaupt noch“, grummelte ich. „Vielleicht kriege ich ja endlich ein paar Fakten aus ihr raus.“
Samstag vor Weihnachten sollte man eigentlich verbieten, ärgerte ich mich, während ich wie aufgezogen im Laden herumrannte, selteneren Kram im Lager suchte, Kunden nach Kräften beriet, Sonja half, Bücher an der Kasse gleich weihnachtlich zu verpacken, Bestsellerstapel gerade rückte und ab und zu von einem Fuß auf den anderen trat, was meine schmerzenden Füße entlasten sollte, aber wie immer absolut nichts half.
Die Kunden waren wenn möglich noch gereizter als gestern und noch entschlossener auf der Suche nach dem idealen Weihnachtsgeschenk: Es sollte ordentlich was hermachen, das eigene Bildungsniveau zeigen, beim Beschenkten einen Freudentaumel auslösen (obwohl – war das wirklich so wichtig?) und vor allem so gut wie gar nichts kosten. So wurden wir sogar den Stapel von Vom Zauber alter Steinschlosswaffen los, obwohl ich mir nicht vorstellen konnte, dass sich jemand ernsthaft dafür interessierte. Aber vierfünfundneunzig und einfach zu verpacken...
Ich sah Sonja einen Moment lang gedankenverloren zu, wie sie den Sondersupertiefstpreisaufkleber in schreiendem Gelb von der Folie kratzte und dann routiniert unser Weihnachtsmannpapier knapp zuschnitt, erläuterte einer Kundin ein Lernspielzeug und das dazu passende Buch und lotste sie rasch zur Kasse, bevor sie es sich anders überlegte. Allerdings bestand wohl keine große Gefahr mehr, wenn „es sich anders überlegen“ gleichbedeutend war mit „noch mal in die Stadt müssen“.
Zehn nach drei, und ich war schon völlig tot!
Trixi schlurfte vorbei und warf mir einen mitleidheischenden Blick zu, den ich genauso erwiderte. Heute sah man doch, dass sie nicht mehr wirklich neunundzwanzig war: Die feinen Fältchen kamen im staubigen Neonlicht, das mühsam gegen die grauen Schneewolken draußen ankämpfte, besonders gut zur Geltung. Gut erhalten und gut hergerichtet – aber kein Teenie mehr.
Ich hätte nicht für alles Geld der Welt noch einmal ein Teenager sein mögen, aber Trixi? Noch einmal alle Chancen haben? Noch einmal wissen, dass man sich mit Heiraten und Kinderkriegen noch etwas Zeit lassen konnte? Oder schon in der Kollegstufe zuschlagen und mit Dreißig diesen Teil des Lebens schon abhaken können? Wäre Trixi wohl froh, wenn sie jetzt nicht nur einen Mann (wahrscheinlich mit Abseiltendenzen), sondern auch zwei Kinder in der Frühpubertät hätte? Wenn die Großmutterschaft schon um die Ecke lauerte?
Wohl auch wieder nicht, beschloss ich und ging den Bestsellertisch aufräumen und auffüllen. Je größer der Blödsinn, desto höher die Verkaufszahlen. Waren die Menschen immer schon dermaßen niveaulos gewesen oder hatte sich solches Prollvolk früher einfach nicht in die Buchhandlungen getraut? Gab es noch Schwellenängste vor Buchhandlungen, so wie Frauen wie ich Schwellenangst vor wirklich feinen Parfümerien verspürten? Weil die Verkäuferinnen dort hundertmal schöner waren als ich, jedenfalls hundertmal besser gestylt?
Manche hatten sicher auch Angst vor Computerläden – kaum war man drin, fragte einen ein arroganter Sechzehnjähriger mach dem Begehr, und man nannte das falsche Teil oder sprach es verkehrt aus oder wusste nicht, dass man dafür ein Spezialkabel brauchte oder andere Systemanforderungen, wusste die Daten des eigenen Rechners nicht und wurde mit einem verächtlichen Lächeln in die Arme des einzigen volljährigen (sprich: ebenso vergreisten) Fachmanns im Laden geleitet, der einen dann betont nachsichtig befragte und beriet.
Trixi sah wirklich fertig aus. Sollte ich hoffen, dass sie das Belle Époque für heute Abend strich? Eigentlich hatte ich überhaupt keine Lust auf so eine Nobeldisco. Die Türsteher waren zwar erstaunlich harmlos, aber bei dem Lärm kriegte ich ja doch nichts über ihren geheimnisvollen Schnuckelputz heraus. Und Tanzen? Wo mir jetzt schon die Füße abfielen? Ja doch, die anderen Bände der Serie um den russischen Ermittler hatten wir im Lager, natürlich, sofort.
Essen gehen, vielleicht.
Schon wieder? Wenn ich so weiter machte, wäre ich bald fett und pleite.
Narrensichere Computerhandbücher? Hier im Regal... Dieses hier war wirklich gut und leichtverständlich geschrieben, das konnte ich sehr empfehlen. Durfte es sonst noch etwas sein?
Sogar Ferdi zog ein Gesicht, als bereute er es, sich keinen Bürojob gesucht zu haben, dabei hatte er immer wieder einen Vorwand gefunden, sich auf dem Weg zum Lager irgendwo hinzusetzen. Vorhin erst hatte ich ihn dabei ertappt, dass er alte Laufkarten sortierte – im Sitzen, der Schwächling!
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