1 ...8 9 10 12 13 14 ...20 Wenigstens war der schwarze Anzug sauber! Das Paillettentop blieb unauffindbar, aber ich hatte noch ein goldenes T-Shirt, das ging auch. Ich wollte ja schließlich keinen aufreißen, sondern bloß Trixi zuschauen und vielleicht etwas über den Superlover erfahren. Je geheimnisvoller sie tat, desto neugieriger wurde ich. Wahrscheinlich fing ich bald an, Klatschzeitschriften zu lesen.
Langsam spülte ich das verdreckte Geschirr ab und bedauerte mich heftig. Andere Leute hatten samstags frei und verbrachten den Abend gemütlich auf dem Sofa... Obwohl, auf Wetten, dass...? hatte ich schon gar keine Lust, dann lieber noch Disco. Die Waschmaschine kam mit dem üblichen Schlussrülpser zum Stehen; ich verteilte den blauen Krempel (und ein Paar ehemals gelber, nun grüner Socken) auf dem Wäschegestell und warf den grauweißen Haufen in die Maschine, dann ließ ich mir ein heißes Bad ein und goss ordentlich Schaumbad (Orange/Mandelblüte, penetrant, aber schön) dazu.
Sollte ich noch staubsaugen? Man konnte es auch übertreiben, beschloss ich und beschränkte mich darauf, ein paar wirklich große Krümel so aufzusammeln und drei leere Chipstüten unter dem Sofa hervorzuholen. Chips und eine schöne DVD... Ach ja! Na, morgen war Sonntag, und Chips hatte ich irgendwo auch noch. Und wenn nicht – zwei Ecken weiter gab es eine Tankstelle mit Shop. Die kannten mich dort schon, und das nicht vom Tanken.
Der Ächzer, mit dem ich mich, einen kitschigen Schmöker in der Hand, im heißen Wasser ausstreckte, kam so richtig von Herzen. Wie das duftete! Und wie angenehm die Schaumberge mich umschmeichelten!
Und wie hinreißend doof der Roman war! Ich las von einer zunächst hässlichen Erbin, die aber in der Ehe mit dem bösen Mitgiftjäger immer schöner und selbstbewusster wurde, bis ihr Filou von Ehemann sich rettungslos in sie verliebte und sich zu einem verantwortungsbewussten Menschen wandelte, das Glücksspiel und die Balletttänzerinnen aufgab und sich viele Kinderchen wünschte. Sie hingegen traute ihm nicht und glaubte, er hoffte, sie werde im Kindbett sterben, damit er das Vermögen ungehindert für seine diversen Laster verbraten konnte. Ich gab ihr im Stillen Recht – die Wandlung war wirklich nicht realistisch – und aalte mich im heißen Wasser.
Gemütlich – und erst kurz vor sechs!
Sehr ungern entstieg ich schließlich dem warmen Mutterleib und machte mich daran, meine Haare zu entwirren – nass am Ansatz, verfilzt in den Spitzen, wirklich toll. Vielleicht sollte ich mir wirklich mal wieder so eine Kur gönnen, mit der sie dann zwar strähnig und fettig wirkten, aber wenigstens kämmbar waren.
Ich hatte zwei Zacken aus meinem Kamm gebrochen, bis ich die Mähne endlich soweit gebändigt hatte, dass ich eine paillettenbestickte goldene Samtrüsche darum wickeln konnte. Fröstelnd suchte ich mir frische Wäsche heraus, zog mich halb an, hängte die zweite Ladung Wäsche auf (morgen würde ich gemütlich bügeln und mir dabei Mädchenjahre einer Königin reinziehen, das war die perfekte Bügelware) und belud mein Abendtäschchen mit Geld, Ausweis – ach nein, lieber in die Hosentasche – Handy und Zigaretten, falls ich mich richtig verworfen fühlen sollte. Vielleicht musste ich ja den Mann meiner Träume um Feuer bitten?
Der Mann meiner Träume trieb sich doch nicht im Belle Époque herum! Nein, er war ein Gelehrter, ein Schriftsteller vielleicht. Er würde sich bei Gothing von mir beraten lassen und wäre tief beeindruckt von meinem umfassenden Wissen, meiner Einfühlsamkeit und meiner Schönheit... okay, von meinem einigermaßen sympathischen Aussehen, bleiben wir realistisch. Er hatte tiefblaue Augen und nachtschwarzes Haar. Ja, und am besten noch einen Herzogstitel und ein Schloss in Sussex! Ich sollte meine Badewannenlektüre wirklich sorgfältiger auswählen, da verblödete man ja. Trotzdem, tiefblaue Augen gefielen mir. Mit langen dunklen Wimpern drumherum.
Ich schlüpfte in das goldene Top und hängte die schwarze Jacke an die Garderobe. Und jetzt? Ich hatte noch mehr als zwei Stunden Zeit. Vielleicht sollte ich was essen, damit ich eventuellen Alkohol besser vertrug. Etwas Fettiges, das war bekanntlich die beste Grundlage. Ich verdrängte den Gedanken daran, dass ich fahren musste und ohnehin nichts trinken durfte, und verzog mich mit dem Mitgiftjäger und einer Tüte Chips (Barbecue-Geschmack) aufs Sofa. Schließlich wollte ich ja auch nicht mitten in der Disco wegen Unterzuckerung in Ohnmacht fallen.
Während die Heldin ewig lang brauchte, um zu erkennen, dass ihr charmanter Ehemann es ehrlich meinte und bloß wegen seiner lieblosen Kindheit nicht imstande war, Ich liebe dich zu sagen, und während der treusorgende Cousin (der war mir gleich verdächtig vorgekommen!) sich zunehmend als Finsterling entpuppte, der die Gerüchte über den edlen Lord in die Welt gesetzt hatte, fraß ich die ganze Tüte leer, tippte noch die Krümel in den Ecken mit dem feuchten Zeigefinger auf, schob die leere Tüte unters Sofa und wartete darauf, dass die ziemlich frisch gebackene Lady Orwood endlich mit ihrem Angetrauten ins Bett stieg. Außer ein, zwei sinnenbetörenden Küssen (solche Küsse waren immer sinnenbetörend, das hatte ich mittlerweile gelernt) war noch nichts passiert, und so konnte es schließlich nicht bleiben.
Leider rief Trixi nicht an, um mir zu sagen, sie habe es sich anders überlegt und doch keine Lust auf die blöde Disco, also schlug ich das Buch gegen halb neun seufzend zu – die Orwoods hatten sich mittlerweile zwar eine heiße Nacht gegönnt, aber der Cousin war noch nicht entlarvt, und was dieses nervöse Hausmädchen umtrieb, wusste ich auch noch nicht. Ach, jetzt weiterlesen dürfen! Nein, ermannte – erfraute? – ich mich und schlurfte ins Bad. Grundierung, Puder, Kajal (der meine blassgrauen Augen auch nicht gerade feucht-exotisch wirken ließ), ein bisschen Lidschatten, braune Wimperntusche. Und als Krönung der neue Lippenstift!
Naja, sehr üppig war der Glitzer-Diamant-Effekt nicht, aber es schimmerte wenigstens ein bisschen. Ich nebelte mich großzügig mit einer Parfumprobe ein, da mein geliebtes Estée leider mal wieder leer war, schlüpfte in den schwarzen Blazer und die Collegeslipper und fand mich akzeptabel. Keine Sirene, aber sie würden mich schon reinlassen, mit Trixi zusammen auf jeden Fall. Die war sicher wieder aufgerüscht bis zum Gehtnichtmehr. Ich freute mich schon auf den Fasching, da hatte sie immer die irrsten Kostüme – mit ihr auf ein Fest zu gehen, war wirklich ein Erlebnis.
Im Hof kratzte ich erst einmal die Scheiben ab und stieg dann in das eisig kalte Auto, in dem mein Atem sofort innen an der Scheibe wieder anfror. Mit angehaltenem Atem steckte ich den Zündschlüssel ein – wahrscheinlich sprang er überhaupt nicht an. Doch. Schwächlich, aber er kam. Gott sei Dank, dann arbeitete auch die Heizung hoffentlich bald, bevor ich wieder nichts mehr sah. Vorsichtig arbeitete ich mich aus der Parklücke heraus und rollte vom Hof, den Kopf tief gesenkt, weil die Frontscheibe direkt über dem Armaturenbrett schon klar wurde. Ach, ein Königreich für eine Tiefgarage! Oder für eine neue Batterie.
Ich sollte mir mal solche Abdeckpappen für die Scheiben zulegen, beschloss ich. War da vorne eigentlich rot? Sah ganz so aus. Ich rollte langsam dorthin und blieb stehen. Keine Spur von Rennsemmel bei diesem Wetter! Auch kaum eine Spur von anderen Gestörten auf der Straße – die waren nicht so doof, die saßen friedlich zu Hause auf dem Sofa.
Ich gab wieder Gas und tuckerte weiter Richtung Selling. Zehn vor neun, ich schaffte es garantiert noch pünktlich. Es gab sogar einen Parkplatz fast direkt vor dem Haus. Ich schloss ab und schlug einen Haken durch die verkrüppelten Büsche neben dem Bürgersteig, denn der Eingang befand sich seitlich in dem Winkel, den die beiden verschieden großen Flügel des Hochhauses bildeten. Ein hässliches Ding, stellte ich wieder mal fest, als ich an der Fassade hochsah: teils verspiegelt, teils mit ziemlich kleinen knallblauen Balkonen verziert. Hinter Trixis Balkon brannte Licht, wenn ich mich nicht in den Stockwerken verzählt hatte, und in den verspiegelten Partien konnte man die Straßenlaternen erkennen.
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