Ich bog um die Ecke und strebte auf den pompösen Eingang zu, und dabei wäre ich – Teufel, war der Weg schlecht beleuchtet! – fast über einen Müllsack gestolpert oder über etwas anderes Großes, Dunkles. Auch in diesem Möchtegernnobelbau wohnten also Ferkel!
Ich besah mir das große dunkle Ding näher. Nein, kein Müllsack.
Dunkler Stoff, etwas Glitzerndes – und etwas Helles, fast wie Haut.
Ich ging ächzend in die Hocke, in der Hoffnung, aus der Nähe etwas mehr zu erkennen, und tatsächlich sah ich mehr - Blut auf dem Kopfsteinpflaster und ein Stück Hals mit einer mir nur zu gut bekannten Straßkette. Trixi?
Ich berührte den Hals vorsichtig. Kein Puls. War sie kalt? Schwer zu sagen, schließlich lag sie auf dem kalten Pflaster, das stellenweise verschneit war. Ich zog das Handy heraus und rief den Notarzt und die Polizei.
Kaum hatte ich das Telefon wieder eingesteckt, begann ich zu zittern, und ich spürte zu meiner Beschämung, dass mir schlecht wurde, wenn ich mir die Blutlache näher anschaute. Sicherheitshalber wich ich einige Schritte in Richtung Bürgersteig zurück, von wo ich Trixi im Auge behalten, aber sie nicht so genau sehen konnte. Außerdem fühlte ich mich im Licht der trüben Laterne irgendwie sicherer.
Dort stand ich und schluckte krampfhaft, während ich versuchte, mich enger in die schwarze Jacke zu wickeln, weil mir dermaßen kalt war. Wie konnte das passiert sein? War sie gefallen, gesprungen oder was? Oder einfach unglücklich gefallen, vielleicht, als sie mir entgegen gehen wollte? Ich schielte auf die Uhr. Sieben nach neun, nein, ich war nicht zu spät gewesen. Aber von hier aus konnte ich ihre Füße sehen, und sie trug diese aberwitzigen Stilettos aus schwarzem Lack. Auf denen konnte man ja gar nicht sicher laufen!
Ich stand immer noch unter der Laterne und dachte ziellos im Kreis herum, als die Sirenen näher kamen und schließlich mit einem Jaulton abbrachen. Ein Krankenwagen hielt mit quietschenden Bremsen, und die Insassen rannten an mir vorbei. Einer winkte mich nach ein paar Minuten näher. „Sie haben sie gefunden?“
„Ja“, murmelte ich und spürte, als ich so nahe bei Trixi stand, wieder meinen Magen – und einen dicken Kloß im Hals. „Haben Sie sie berührt?“
„Nein – ja. Ich habe nur kurz gefühlt, ob sie einen Puls hat, am Hals. Mehr hab ich mich nicht getraut. Ich wusste ja nicht...“
„War schon richtig so“, meinte einer freundlich und blinzelte zu mir hoch, „Sie hätten ihr sowieso nicht mehr helfen können. Kennen Sie die Frau?“
„Ja. Ich wollte sie abholen, in die Disco...“ Ich wandte mich hastig ab. „Tut mir Leid“, antwortete der Notarzt, aber das ging in neuem Aufjaulen unter. Diverse Uniformierte bevölkerten nun die Szenerie, Funkgeräte knatterten, starke Scheinwerfer wurden aufgestellt. Hinter der Glasfassade über dem Eingang gingen immer mehr Lichter an und man konnte sehen, wie Vorhänge beiseite geschoben wurden. Ich zog mich etwas zurück und setzte mich auf einen Poller. Ich spürte zwar, wie mir die Kälte des Betons durch die Hose drang, aber das war egal, ich fror ja ohnehin.
Ach, Trixi! Was konnte da bloß passiert sein? Sie war so lebendig gewesen, so überzeugt von ihrer Wirkung auf Männer, so gierig auf das Leben – und jetzt lag sie da, ein blutiges Häufchen Discoklamotten. Man müsste ihre Familie... und ihren Freund... ja, wie denn?
„Wer sind Sie denn?“, fragte jemand unfreundlich. „Das ist ein Tatort, gehen Sie bitte aus dem Weg.“
Ich stand auf und setzte mich weiter weg wieder hin. Dort kramte ich mit zittrigen Händen in meiner Tasche herum, bis ich die Zigaretten gefunden hatte, und zündete mir mit mehreren Anläufen eine an. Schmeckte scheußlich, wie die Galle, die mir dauernd hochkommen wollte. Ich rauchte und starrte auf meine Collegeslipperbommel. Ach, Trixi... Vielleicht sollte ich aufstehen und jemand Wichtigen fragen, ob sie mich noch brauchten, aber dann stand ich bestimmt bloß wieder im Weg. Lieber einfach hier sitzen bleiben und frieren. Wieso hatte ich auch keinen Mantel mitgenommen? Zwei Uniformierte kamen auf mich zu und ich ließ hastig meine Zigarette verschwinden.
„Sie haben die – äh – die Tote gefunden?“
Ich nickte. „Kommen Sie bitte mit?“
Ich folgte ihnen zu zwei Männern in Zivil, die sich gerade gereizt umsahen. Der hübschere der beiden stellte sich als Kommissar oder so was namens Spengler hervor, den Namen des anderen verstand ich nicht. Ich nickte beiden müde zu und warf auf die Ausweise nur einen mehr als flüchtigen Blick.
„Wie heißen Sie, bitte?“
„Caroline Conradi“, antwortete ich. „Ich bin eine Kollegin von Trixi Berger, wir wollten zusammen ins Belle Époque gehen.“
„Ach deshalb“, murmelte der andere, der, der mich vorhin weggescheucht hatte. Die Stimme erkannte ich, tief und unfreundlich. „Was deshalb?“ fragte ihn der andere. „Na, der Glitzerlook, Chef“, antwortete er. Ich nahm befriedigt zur Kenntnis, dass der Stoffel bloß der Knecht war.
„Haben Sie eine Idee, warum Frau Berger aus ihrem Fenster gesprungen sein könnte?“, fragte dieser Spengler. Ich sah ihn verblüfft an. „Aus ihrem Fenster gesprungen? Das kann doch gar nicht sein.“
„Ach nein? Warum nicht? Weil sie keinen Grund gehabt hat?“
„Das auch – obwohl, wer weiß so was schon. Nein, ihre Wohnung geht nach Süden raus, da wäre sie nie hier gelandet. Und die Treppenhausfenster kann man nicht öffnen.“
„Wie soll es denn dann passiert sein?“, erkundigte sich Spengler etwas skeptisch. „Vom Dach“, antwortete ich. „Vom Dach hat man den irrsten Blick über die Stadt, sie hat es mir mal gezeigt. Und das Dach hat nur eine niedrige Brüstung, ich fand das damals ein bisschen unheimlich.“
Spengler gab seinem Hiwi eine stumme Anweisung, und der verschwand im Haus, Handschuhe überstreifend. Ich starrte blicklos auf Trixi, die gerade fotografiert wurde. Immer, wenn das Blitzlicht aufleuchtete, glitzerte ihr buntes Paillettenwestchen lustig, und die auf Hochglanz polierten Schuhe reflektierten das Licht. „Könnte sie also einen Grund gehabt haben?“, wiederholte Spengler seine Frage von vorhin.
Ich überlegte. „Kann ich mir eigentlich nicht vorstellen“, antwortete ich dann. „Ich meine, sie hatte einen ordentlichen Job und nach dem, was sie in der Arbeit so erzählt hat, den absoluten Superfreund, sie hat uns sogar schon zur Hochzeit eingeladen. Ohne konkreten Termin, allerdings. Und heute hat sie sich durchaus aufs Weggehen gefreut. Ich war eher die, die keine rechte Lust auf Disco hatte.“
„Warum nicht?“, fragte er weiter, nahm mich beim Arm und drehte mich ein wenig, so dass ich nicht mehr auf Trixi schauen musste. „Weil wir schon den ganzen Tag gestanden hatten und ich mir nicht vorstellen konnte, mit den Plattfüßen auch noch zu tanzen.“
Spengler nickte. „Und sie arbeiten wo?“
„Gothing & Cie. in der Katharinenstraße.“
„Die Akademische Buchhandlung?“
„Genau. Sie können sich sicher vorstellen, wie es da am letzten Wochenende vor Weihnachten zugeht.“
„Kann ich. Aber wenn es Sie tröstet – wir spüren die Saison auch schon. Leute, die beim Streit um eine bestimmte Blautanne das Messer ziehen, zum Beispiel.“
„Ehrlich?“ Das lenkte mich sofort ab. „Ich dachte immer, Mord und Totschlag gibt es erst an Heiligabend, wenn alle krampfhaft glückliche Familie heucheln müssen.“
„Das ist dann der Höhepunkt, aber vorher gibt es auch schon Streitfragen – feiern wir bei deinen oder bei meinen Eltern, feiert er Weihnachten mit seiner Frau oder seiner Geliebten – na, Sie können es sich sicher vorstellen.“
Ich nickte. „Kein Problem. Aber jedenfalls wirkte Trixi heute eigentlich ganz vergnügt. Ich wollte lieber mit ihr ins Charlie´ s, um sie über ihren Lover auszuhorchen.“
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