O Gott, musste ich jetzt etwa alle Leute anrufen und ihnen erzählen, dass Trixi tot war? So nach dem Motto Ich muss dir was Schreckliches sagen ? Das konnte ich nicht, dazu war ich zu feige. Vielleicht durfte ich das auch noch gar nicht, vielleicht wollte die Polizei die Sache noch geheim halten, redete ich mir selbst ein und wälzte mich herum, um auf den Wecker zu schielen. Halb neun – und um zehn sollte ich doch im Präsidium sein!
Ächzend stand ich auf und schlurfte ins Bad. Ein schönes Schaumbad brauchte ich jetzt aber schon, um wieder wach zu werden. Und hier sah es immer noch so schrecklich aus! Im Fernsehen kamen die Bullen immer bei den Verdächtigen vorbei und sahen sich strafend um, obwohl da alle Verdächtigen traumhaft schön wohnten, sogar die angeblichen Studenten. Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass das daran lag, dass man in authentisch kleinen Hütten keinen Platz für Scheinwerfer und Kamerawagen hatte. Und dass außerdem die Polizei in Wahrheit alle Beteiligten immerzu ins Präsidium befahl.
Und wenn nicht? Dieser Spengler machte doch offenbar, was er wollte! Wenn die jetzt läuteten – furchtbar, der Teppich staubig, das Geschirr nicht gespült, ich mit zerrauften Haaren und altem Make up im Gesicht, nur ein angeschmuddeltes Sleepshirt an! Und das nach meinem Edelmutanfall gestern, als ich Trixis Bude putzen wollte, damit sie sich nicht im Tod noch vor ihren Eltern schämen musste. Ich warf einen Blick ins Bad: Das erdbeerfarbene Wasser bedeckte kaum den Boden der Wanne. Ich kippte noch etwas mehr Schaumbad dazu und schlappte in die Küche, wo ich lustlos, aber einigermaßen zügig abzuspülen begann und sogar die Arbeitsplatten schrubbte. Nötig hatten sie´s. weiß Gott. Die Mülltüten stellte ich gleich neben die Wohnungstür, dann kontrollierte ich wieder das Badewasser und fuhr mit dem Staubsauger (zum Teufel mit den Nachbarn, die machten viel mehr Krach zu viel abartigeren Zeiten) flüchtig durch alle Räume, wischte alle Flächen feucht ab, putzte Klo und Waschbecken, drehte das Badewasser ab und stieg hinein. Herrlich!
Sofort kam ich mir mies vor. Trixi war tot und ich genoss das Schaumbad, den Duft, die Hitze, den feinporigen Schaum. Sogar noch mehr als sonst: Weil ich jetzt wusste, wie schnell es vorbei sein konnte? Oder bloß, weil ich einen Gegenentwurf zu gestern brauchte? Oder weil ich mich nur auf meine eigenen Bedürfnisse konzentrieren konnte? War ich gefühlsroh oder bloß auch nicht anders als andere Leute?
Wenn ich mich wohl fühlte, konnte ich aber besser denken, tröstete ich mich. Und wenn ich besser denken konnte, konnte ich der Polizei vielleicht helfen, den Fall zu lösen. Gott, wie eingebildet! Ich kippte mir eine Handvoll Wasser über den Kopf, um mich wieder zu dämpfen.
Aber Trixi hatte sich garantiert nicht selbst vom Dach gestürzt – und dann schuldeten wir es ihr doch, herauszufinden, wer es gewesen war. Oder etwa nicht? Wer kam denn da in Frage? Ich grübelte darüber nach, bis das Wasser kühl zu werden begann, kam aber zu gar keinem Ergebnis, nur zu der Erkenntnis, dass ich Trixi doch relativ wenig gekannt hatte. Liebhaber? Der geheimnisvolle supertolle Lover, früher mal Ferdinand... dazwischen eine Horde von tollen Männern, deren Namen ich längst vergessen oder nie gewusst hatte. Familie? Vater, Mutter, eine Schwester, mehr wusste ich auch nicht, nicht, ob es da was zu erben gab oder nicht, ob da alte Fehden existierten oder nicht – nichts.
In der Buchhandlung gab es nichts, da war ich sicher. Wer sollte denn etwas gegen sie haben? Ich jedenfalls nicht. Sonja auch nicht - und Ferdi hatte es gelassen hingenommen, dass Trixi Schluss gemacht hatte, sobald ihr klar geworden war, dass er sich doch nie scheiden lassen würde. Außerdem war das schon zwei Jahre her. Und beruflich... Trixi war die einzige, die keine Buchhandelslehre gemacht hatte, also verdiente sie auch am wenigsten und hatte keine Aufstiegschancen. Sonja und ich könnten uns selbständig machen, wenn wir Lust hatten, und ich konnte immer noch gucken, ob es irgendwo einen Job für eine Germanistin gab, einen Job mit Stuhl.
Kein Motiv, nirgendwo.
Es sei denn, ihr obskurer Lover hatte genug von ihr. Aber warum Mord? Warum nicht Schluss machen? Nein, das war alles Unsinn, außerdem war es kaum möglich, rauszukriegen, wer dieser Liebhaber überhaupt war. Toll war ja wohl kein unveränderliches Kennzeichen!
Schließlich rappelte ich mich auf und entstieg leicht verschrumpelt der Wanne, trocknete mich ab, cremte mich sogar ein und stand dann ratlos vor dem Kleiderschrank: Was trug man, wenn man am Wochenende zur Polizei bestellt wurde? Was Besseres oder Wochenendkluft? Wochenendkluft, entschied ich. Was Besseres sah bloß so aus, als müsste ich einen guten Eindruck machen, und das hatte ich weiß Gott nicht nötig, ich war´s nicht gewesen und hatte gestern schon wesentliche Tipps geliefert. Die sollten mir ruhig dankbar sein!
Ich fischte Jeans aus dem Schrank, ein dazu passendes Sweatshirt, Wäsche und blaue Socken, zog mich an, hängte den Krempel von gestern Abend auf, soweit noch sinnvoll, und zog das Bett ab. Fast schon halb zehn – ich schaffte es gerade noch, mir einen Zopf zu flechten und mir das Gesicht zu pudern. Wenn ich so brav daherkam, konnte dieser dämliche Weiß ja wohl nicht meckern. Armer Spengler, dass er mit einem solchen pampigen Assistenten geschlagen war!
Und diese Jacke... wie Schimanski, tausend Taschen, völlig verbeult. Die ließ diesen Kerl bloß noch riesiger aussehen. Und dick machte sie auch. Spengler in seinem Anzug wirkte dagegen richtig elegant. Naja, vergleichsweise.
Wenn dieser Kerl schon so schlampig daherkam, musste ich mich ja wohl nicht weiter aufbrezeln! Und warum dachte ich über solchen Blödsinn überhaupt nach? Ich sollte lieber aufbrechen, schließlich musste ich sicher wieder meine Scheiben freikratzen. Mehr oder weniger im Blindflug rollte ich durch die leeren Straßen in die Altstadt und fand – es lebe der Sonntagmorgen! – direkt vor dem Präsidium einen Parkplatz, sogar einen legalen.
Der Pförtner verwies mich auf den zweiten Stock, und ich kletterte das imposante Jahrhundertwende-Treppenhaus hinauf. Bei einem Wandertag hatten wir mal die Münchener Uni besichtigt, die ja deutlich eindrucksvoller war als unsere, und dort gab es so ähnliche Treppen, so breit, dass man auf den Absätzen Platz für ein Einzimmerappartement gehabt hätte, mit marmornem Geländer und steinernen Figuren an den Ecksäulen. Sollte man sich hier besonders klein und hässlich fühlen?
Im zweiten Stock irrte ich etwas herum, durchquerte einige Schwingtüren, die immer hässlicher wurden, je weiter ich mich von diesem eindrucksvollen Treppenhaus entfernte, und landete schließlich in einem Gang, der anscheinend in den Sechzigern gestaltet worden war – Schachbrettmuster auf dem Boden, ein toter Ficus vor dem Fenster, dicht an dicht blassgrün gestrichene Türen. Da, 219! Spengler und Weiß. Spengler war richtig auf das Schild gedruckt, Weiß stand nur auf einer Karte, die man dazu gesteckt hatte. Der war dann wohl eher eine flüchtige Erscheinung?
Ich klopfte, es war exakt fünf vor zehn.
Weiß riss die Tür auf. „Ach, Frau – äh – Conradi.“
„Herr Weiß“, antwortete ich gemessen und hoffentlich einigermaßen kalt.
Spengler kam hinter seinem Schreibtisch hervor und reichte mir die Hand. „Schön, dass Sie schon da sind! Setzen Sie sich, bitte. Kaffee?“
Weiß warf mir einen Wehe-du-traust-dich -Blick zu. Ich fand den Gedanken zwar verlockend, ihn Kaffee kochen zu lassen, aber solche Behördenplörre konnte ich mir schon vorstellen, also lehnte ich artig ab und wartete, was jetzt kam. „Ich brauche aber einen“, beharrte Spengler und warf Weiß einen auffordernden Blick zu. „Wenn man die ganze Nacht durchgearbeitet hat, hält einen eben bloß noch Koffein auf den Beinen. Daniel, trinken Sie auch einen, Sie haben es nötig.“
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