„Jetzt komme ich mir richtig faul vor“, murmelte ich, „ich muss gestehen, ich habe geschlafen und erst in der Badewanne über die Sache nachgedacht.“
„Badewanne“, murmelte Spengler, „erinnern Sie mich bloß nicht! Erzählen Sie mir lieber, was Sie alles über Beatrix Berger wissen.“
„So viel ist das leider gar nicht, das ist mir mittlerweile klar geworden“, gestand ich. „Ich meine, ich glaube, dass ich sie ganz gut kenne, immerhin haben wir vier Jahre zusammen gearbeitet und auch öfter was zusammen gemacht, aber – so richtige Fakten, da beißt es schon aus.“
„Fangen Sie einfach mal an, dann sehen wir schon. Stört Sie der Recorder?“
„Nein. Solange ich mir meine Blechstimme nachher nicht anhören muss...“
„Das wird alles abgeschrieben. Also?“
„Naja“, ich wusste nicht recht, wie ich anfangen sollte. „Ich weiß schon mal nicht, wie alt Trixi eigentlich war. Sie hat immer gesagt, neunundzwanzig, aber das war sie irgendwie schon länger. Meiner Ansicht nach hatte sie Angst vor der magischen Dreißig und wollte vorher noch heiraten. Überhaupt war sie auf der Suche nach einem Ehemann. Als Sonja vorgestern erzählt hat – das ist unsere andere Kollegin – dass ihr Olli sie heiraten will, war Trixi völlig von den Socken, weil Sonja erst vierundzwanzig ist. Ich hatte das Gefühl, da war ein bisschen Neid dabei.“
„Wollen nicht alle Frauen heiraten?“, fragte Weiß, der mit zwei Kaffeebechern hereinkam. „Sie wollten ja keinen, oder?“
„Schon okay. Ja, vielleicht – aber so verbissen? Bei ihr war das wie eine Trophäe, die sie zum richtigen Zeitpunkt einheimsen wollte. Ach, ich kann das nicht so richtig erklären – irgendwie kam bei ihr zuerst das Heiraten und dann der Mann... nein, das hört sich ja bescheuert an. Also, ich denke mir, die meisten Frauen lernen einen kennen, verlieben sich, und nach einiger Zeit wissen sie, dass sie mit dem zusammen bleiben wollen und dann ziehen sie eine Heirat in Betracht. Bei Trixi war es irgendwie umgekehrt. Verflixt, ich hab einen Magister in Germanistik und sage dauernd irgendwie wie ein doofer Teenie! Sorry, noch mal von vorne: Trixi wollte heiraten und es war ihr zwar nicht wirklich egal, wen, aber der Wunsch war bis vor einiger Zeit gar nicht so sehr an einen bestimmten Mann gebunden. Besser?“
Spengler lachte. „Wir haben es schon verstanden, denke ich. Und was war vor einiger Zeit?“
„Ja... so etwa seit Ende September, da war sie in München auf dem Oktoberfest, war sie so richtig verträumt und abwesend...“
„Verliebt?“
„Mir kam´s so vor. Aber was das nun für ein Mann war... je neugieriger wir wurden, desto geheimnisvoller hat sie getan. Sie hat uns nur erzählt, dass er ganz, ganz toll ist und reich, und dass er sein Monogramm auf dem Nummernschild hat – das hab ich Ihnen doch gestern schon erzählt, oder? Wenn er so war wie ihr üblicher Typ, dann eher dunkel, sie hatte eine Vorliebe für Latin Lover, jedenfalls äußerlich. Gesehen haben wir ihn alle nie, deshalb haben Sonja und ich ja schon gewitzelt, ob sie ihn erfunden hat. Ansonsten – sie war sehr auf ihr Äußeres bedacht und immer sehr gepflegt und gut zurechtgemacht, deshalb glaube ich ja auch nicht, dass sie wirklich von selbst gesprungen ist.“
„Ja, das haben Sie auch gestern schon gesagt. Und ich gebe zu, die Sache mit der fehlenden Sektflasche irritiert mich auch. Die könnte gut jemand mitgenommen haben, der bei diesem Sprung etwas nachgeholfen hat, zusammen mit dem zweiten Glas.“
„Wegen der Fingerabdrücke, meinen Sie?“
„Möglich. Wir wissen natürlich noch gar nichts. Wie sieht es mit Familie aus?“
„Ihre Eltern wohnen irgendwo bei München, und sie hat noch eine ältere Schwester, die schon ewig verheiratet ist und einen Haufen Kinder hat. Das hat sie sicher auch angetrieben. Aber wie die Schwester heißt oder wo die Eltern genau wohnen – keine Ahnung. O Gott, die wissen das ja noch gar nicht! Wie schrecklich – und dann noch so kurz vor Weihnachten.“ Ich hörte mich plappern und schüttelte innerlich den Kopf. Wie hohlköpfig das klang!
„Richtig. Deshalb bitten wir Sie auch, nicht mit der Presse zu sprechen. Ihren Chef werden Sie morgen natürlich informieren müssen. Obwohl, das können wir auch heute noch tun, vielleicht war sie ihm gegenüber offener.“
„Glaube ich nicht, dann eher schon bei Sonja, aber die ist wie jedes Wochenende beim Skifahren, die erwischen Sie frühestens heute Abend.“ Ich diktierte Weiß die beiden Adressen.
„Seien Sie, wenn Sie Ferdi zu Hause befragen, ein bisschen vorsichtig, ich glaube, seine Frau weiß nicht, dass er mal was mit Trixi gehabt hat.“
„Ach was?“ Beide sahen mich an wie die Katze vor dem Mausloch. Ich machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ist schon gut zwei Jahre her, und die beiden haben sich ganz friedlich getrennt. Ferdi wollte sich nicht scheiden lassen, Trixi wollte heiraten, und nach einem Zielvergleich haben sie gemerkt, dass die Affäre nirgendwohin führt, und es gelassen. Sie haben sich immer noch gut verstanden.“
„Vielleicht hat sie ihn erpresst?“, schlug Weiß vor.
„Glaube ich nicht. Wie ich Ferdi kenne, hätte er dann alles seiner Frau gebeichtet. So streng ist die wieder auch nicht, und Geld hat Ferdi sowieso keins, so toll sind die Gewinnspannen in einer Buchhandlung nicht, dass der Geschäftsführer ein Vermögen scheffeln könnte. Da wäre für Trixi nicht mal eine Gehaltserhöhung drin gewesen. Nicht für eine Verkäuferin ohne Buchhandelslehre.“
„Dieser Kastner ist der Geschäftsführer? Wem gehört die Buchhandlung denn?“
„Der XP- Holding, seit vier Jahren. Vorher lebte der alte Gothing noch, ein Enkel des Firmengründers, aber dessen Erben hatten keine Lust auf den Laden, und da hat Petersen den Laden gekauft, damit er nicht Teil einer Kette wird, sondern so erhalten bleibt, wie er immer schon war. Ein Teil Uni-Geschichte eben. Aber ich denke, dass auch Petersen bei allem humanitären Einsatz erwartet, dass sich der Laden wenigstens selbst trägt.“
„Petersen“, murmelte Spengler, „soso. Leisenberg ist doch wirklich ein Kaff.“ Ich grinste. „Das ist mir schon lange klar, aber das macht doch gerade den Charme aus. Ich möchte nicht in München oder so wohnen. Viel zu groß.“
Weiß schien daraufhin etwas freundlicher dreinzuschauen, aber das bildete ich mir wahrscheinlich bloß ein.
„Gab es sonst Ärger im Betrieb?“, fuhr Spengler fort.
Ich schüttelte den Kopf, merkte, dass der Recorder das nicht registrieren konnte, und sagte: „Nein. Wir sind recht gut miteinander ausgekommen, haben geblödelt, versucht, rauszukriegen, wer dieser Superlover ist, uns gegenseitig auf den Arm genommen, ab und zu miteinander was getrunken oder waren in der Disco – wollten wir gestern ja auch.“ Mir fiel wieder ein, wie sie vor dem Haus gelegen hatte, ein Bündel Discoklamotten, und ich verstummte. Spengler schaltete den Recorder aus. „Möchten Sie nicht doch einen Kaffee?“
„Nein, danke.“
„Eine Zigarette?“
Ich sah ihn ungläubig an. „Hier darf man rauchen? Das glaube ich ja nicht.“
„Wir machen das Fenster auf und der Kollege Weiß wird schweigen wie ein Grab.“
„Wenn er auch eine kriegt, dann schon“, ließ sich Weiß vernehmen. Wir rauchten einträchtig vor uns hin, und als ich meine Zigarette ausgedrückt und tief geseufzt hatte, fragte Spengler: „Geht´s wieder?“
Ich nickte, und er schaltete den Recorder wieder ein. „Gibt es in der Wohnung denn nichts, was auf diesen Heiratskandidaten hindeuten könnte?“, fragte ich. „Im Moment ist die Spurensicherung noch drin, danach schauen wir uns um. Wenn Sie wollen, können Sie mitkommen und das putzen, was wir erledigt haben. Wenn Sie noch wollen, heißt das.“
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