„Oh, herzlichen Dank“, zischte ich, „was genau war denn bei mir so schrecklich?“ Er starrte mich verblüfft an. „Nichts, warum?“
„Wenn es bei mir nur vergleichsweise besser war, heißt das doch, dass ich so ungefähr die gleiche Schlampe bin, oder? Sie müssen ja ganz schön verwöhnt sein!“
Er schenkte mir einen zornigen Blick und wandte sich ab. Arschloch.
Spengler klappte den letzten Schrank zu. „Hier scheint nichts zu sein. Oder glauben Sie, dass sie einen Verlobungsring im Mehl versteckt hat?“
Ich kicherte. „Kaum. Erstens mangelt es am Mehl, und zweitens hätte sie so einen Ring doch getragen und uns allen gezeigt. Als Zeichen, dass sie geschafft hat, was das wahre Ziel einer Frau ist.“ Das klang sogar in meinen Ohren boshaft und ich entschuldigte mich verlegen. „Sie können schon mal abspülen. Aber lassen Sie die Finger von den Mülltüten, ja?“ Ich versprach alles, schichtete die verklebten Teller ins Spülbecken und ließ heißes Wasser darüber laufen – mit viel Schaum.
Weiß und Spengler wandten sich dem kleinen Schreibtisch zu, auf dem ein Laptop zugeklappt stand. Während ich den ersten Teller mit der Kratzseite eines ältlichen Spülschwamms attackierte, hörte ich, wie sie den Rechner hochfuhren und dann frustrierte Geräusche von sich gaben.
„Mylady“, sagte ich hilfsbereit. „Was?“ Weiß starrte mich wieder wie eine Verrückte an. Wenn er das weiter trieb, wurde ich noch tatsächlich verrückt!
„Das Passwort dürfte Mylady sein, groß geschrieben. Das benutzt sie auch bei Gothing. Trixi hat – hatte – ein schlechtes Gedächtnis, und da wäre es logisch, nicht unnötig viele Passwörter zu benutzen, oder?“ Ich wandte mich wieder den Tellern zu. Boah, Champignonsauce, mindestens zehn Tage alt – wie das stank! Trixi war ja doch ein Ferkel gewesen. Ich nahm mir vor, die Schmutzwäsche nicht zu genau zu betrachten, um ihr wenigstens einen Rest Würde zu lassen, falls sie es auch da nicht so genau genommen hatte.
Hinter mir erklang die alberne Melodie von Windows 2000, die ich bei meinem Rechner sofort abgewürgt hatte. Na prima! Die beiden mussten mir doch wirklich dankbar sein, oder? Ich verzichtete edel darauf, das anzudeuten, sondern spülte das komplette herumstehende Geschirr, trocknete es mit einem frischen Geschirrtuch ab, warf das alte in die Schmutzwäsche, wo es schon länger hingehörte, und räumte alles in die richtigen Schränke.
„Darf ich das abgelaufene Zeug aus dem Kühlschrank entsorgen?“, fragte ich schließlich.
„Später“, murmelte Spengler, der sich durch Trixis Dateien klickte. „Wozu hat sie einen Organizer, wenn sie ihn nicht benutzt?“
„Der war wahrscheinlich schon vorinstalliert“, antwortete ich und musterte sehnsüchtig die verfleckten Oberschranktüren, „sie hat doch ihren realen Filofax benutzt. Der ist sicher in der großen schwarzen Umhängetasche, die sie in der Arbeit immer dabei hatte. Sagen Sie, brauchen Sie die Flecken auf den Oberschränken noch?“
Spengler drehte sich um. „Was? Nein, da dürften schon Fingerabdrücke genommen worden sein. Putzen Sie ruhig.“
Weiß begann herumzustreichen und fand schließlich die schwarze Tasche und den überquellenden Filofax. Ich schrubbte genüsslich die Oberschranktüren und beobachtete die beiden mit einem Auge. Als sie den Kalender öffneten, quollen ihnen diverse Zettelchen, Visitenkarten, Quittungen und anderer Papierkram entgegen. Na, viel Spaß damit! Trixi hatte so etwas nie weggeworfen. Ich polierte die Arbeitsplatte und spülte den Lappen sorgfältig aus, bevor ich ihn über den Wasserhahn hängte.
„Kann ich Ihnen was helfen? Mit der Küche bin ich soweit fertig“, bot ich schließlich an. „Ja“, sagte Spengler. „Sie können mit dem Kollegen Weiß die herumliegenden Kleidungsstücke durchsehen und bei Bedarf wieder in den Schrank hängen. Oder in die Wäsche werfen.“
Weiß und ich sahen uns an. Das war ja, als müsste man mit dem Hassobjekt Nr. 1 zusammen ein Referat machen! „Gut“, seufzte ich schließlich und öffnete den Schrank weit. Nahezu leer, wenn man von den vielen Drahtbügeln absah, die sachte vor sich hin schaukelten.
Weiß legte eine große Plastiktüte so aufs Bett, dass man alle Fundstücke hineinwerfen konnte, und ich nahm den grauen Samtblazer mit den Glitzerkanten auf und fuhr in die Taschen. Ein Streichholzheftchen, ein abgefahrener Busfahrschein, ein Fitzelchen von einer Rolle Kaudrops. Genau, was ich auch immer in den Taschen hatte. Ich kontrollierte noch die Ärmelaufschläge und stellte fest, dass der Blazer keine Innentasche hatte, dann hängte ich ihn in den Schrank.
Das feuerrote Kleid mit der Goldstickerei war völlig taschenlos. Der dunkelblaue Anzug mit den bunten Aufschlägen bescherte uns ein weiteres Streichholzheftchen, die Visitenkarte eines Afrika-Imports, die Weiß sehr interessant zu finden schien, einen Zettel, auf dem Svetlana/Minsk stand (Russenmafia?), allerdings nicht in Trixis Schrift mit den Kringeln statt Punkten, ein Feuerzeug (leer), ein einzelner Ohrring, Silber mit einem kleinen Türkis. Da Weiß mir mittlerweile auch ein Paar Plastikhandschuhe gegeben hatte, konnte ich alles in die Tüte fallen lassen, ohne es zu kontaminieren; Weiß tat nichts als zu gucken, was ich fand, und aufzupassen, dass ich nichts unterschlug.
Bis alles, was noch vorzeigbar war, wieder im Schrank hing, hatten wir noch drei weitere Streichholzheftchen gefunden, alle angebraucht, eine Telefonkarte, drei Visitenkarten, einen Zettel, auf dem außer einem Lippenstiftkuss nichts zu sehen war, einen Strafzettel, weil sie im Halteverbot geparkt hatte, mehrere Büroklammern, Sicherheitsnadeln und eine Menge Krümel und Staubflusen.
„Der Wagen ist in der Werkstatt“, merkte ich an, als Weiß die Tüte zusammenraffte. „Deshalb sollte ich ja gestern fahren.“
„Wissen Sie, in welcher?“
„Nein“, musste ich zugeben, „aber sie hat doch sicher ältere Rechnungen im Schreibtisch, oder?“
Spengler am Schreibtisch lachte unfroh auf. „Die reinste Sisyphusarbeit. Hat diese Frau eigentlich nie etwas abgeheftet oder aufgeräumt?“
„Nicht so gerne“, gab ich zu. „Aber, wie gesagt, die momentane Unordnung ist schon mehr als das Übliche. Wahrscheinlich hatte sie sich auch den ersten Feiertag für einen Generalputz vorgenommen.“
„Auch?“, fragte Weiß.
„Das machen Singles so“, klärte ich ihn auf. „Familie ist abgehakt, und frei hat man auch. Und beim Sissigucken kann man prima putzen.“
„Aha.“ Er sah nicht wirklich überzeugt aus, aber er war ja auch kein Single. Sicher hatte er einen Putzteufel zu Hause, sonst wäre er nicht so anspruchsvoll! Ich erhielt die Erlaubnis, die offensichtlich getragenen duftigen Teile, die noch überall herumlagen, in den Wäschekorb zu stopfen. Weiß sah etwas peinlich berührt zu, und ich wollte auch nicht so genau wissen, wie lange Trixi manche Dinge getragen hatte. Schließlich sah die Schlafnische einigermaßen akzeptabel aus; wir durchsuchten noch das Bett – keine Geheimdokumente unter der Matratze, keine gebrauchten Kondome mit DNA-fähigem Material unter dem Kopfkissen – und ich durfte es aufschütteln und glattstreichen. Es frisch zu beziehen, fand ich dann doch übertrieben, wenn die Familie die Wohnung ohnehin auflösen würde.
„Sollen wir noch ins Bad gucken?“, schlug ich vor. Weiß warf einen sehnsüchtigen Blick auf seinen Chef, der immer noch mit Kalender und Rechner zugange war. „Sie müssen nicht das Klo putzen“, beruhigte ich ihn – vergeblich.
„Glauben Sie, das könnte ich nicht?“, fuhr er sofort auf.
„Woher soll ich das wissen?“, fragte ich. „Also?“
„Chef?“
„Ja, okay. Aber nichts wegwerfen!“ Wir waren doch nicht blöd!
Ich sprühte die Kloschüssel und das Waschbecken mit Putzschaum ein, während Weiß das Spiegelschränkchen durchsuchte. „Na, wer sagt´s denn!“, triumphierte er und hielt eine weiße Schachtel hoch.
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