„Welche Überraschung!“, spottete ich. „Das isst du doch immer.“
„Und? Ich weiß eben, was ich will. Also, was kriegt die liebe Familie?“
Ich stöhnte. „Keinen Schimmer. Am liebsten würde ich Maggie „So kriegt man seinen Arsch hoch“ schenken und Dorle „Geld alleine macht auch nicht glücklich.“ Und Mama „So schmeißt man erwachsene Kinder endlich raus.“
„Und warum tust du´s nicht?“
„Die müsste erstmal einer schreiben“, seufzte ich. „Für Papa hab ich schon was, einen Bildband zum literarischen Leipzig. Wunderschön, mit passenden Texten aus dem achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert.“
„Klingt verlockend“, fand Hardy und sah mehr denn je wie der ewige Uniassistent aus, der er ja zum Teil auch war.
„Ich weiß nicht“, murmelte Conny. „Mich haut das nicht vom Hocker.“
„Sag mir was für Maggie und Dorle“, forderte ich sie auf und bestellte rasch einen Jasmintee und gebackene Ente.
„Maggie ist die Lebensuntüchtige und Dorle die Geldgierige, oder?“, fragte Conny nach, die die beiden nur aus meinen Erzählungen kannte. Hardy lachte, er kannte sie schon aus unserer Schulzeit. Maggie war sogar mal in ihn verliebt gewesen, war aber absolut nicht auf Gegenliebe gestoßen. Hardy hasste hilflose Weiber, wenigstens im Privatleben – und Maggie kultivierte die großäugige Unfähigkeit geradezu, gekoppelt mit einer besonders ausgeprägten Sensibilität, die alle anderen als gefühlsrohe Trampel dastehen ließ. Dass sie das nicht unbedingt beliebter machte, hatte sie bis heute nicht kapiert.
Und Dorle konnte wirklich alles in Geldwert umrechnen und abschätzen, ob sich eine Handlung lohnte. Eltern besuchen? Ja, das Häuschen in Niederthann war zwar klein, aber das voll erschlossene Grundstück mit guter Verkehrsanbindung... Man musste schließlich an den Erbfall denken! Schwester Lina? Naja, aber vielleicht gab es Buchtipps oder gar Restexemplare. Schwester Maggie? Rausgeschmissene Zeit, Dorle redete kaum mit ihr. Freunde? Die mussten Beziehungen haben oder Wissen weiter geben. Oder wenigstens das Essen zahlen. Dorle war nicht einfach nur geldgierig, sie legte einfach alles an und hoffte, mit vierzig ganz oben zu sein und von ihrem Vermögen leben zu können. Für sich gab sie wenig aus, außer für gute Schuhe, da Geschäftspartner angeblich immer auf die Schuhe schauten. Ihre Freizeit bestand aus Sport – um fit für die Karriere zu bleiben -, Börsenkanal, Weiterbildung – sofern nicht zu teuer – und gelegentlicher Schnäppchenjagd, etwa nach stark heruntergesetzten Markenschuhen.
Und unsere Eltern guckten sich das an und fragten sich wahrscheinlich, wie sie drei so unterschiedliche Töchter produzieren konnten. Ob ihnen die hochsensible Maggie am sympathischsten war? Eher nicht, glaubte ich, so sehr standen sie wohl auch nicht auf Totalversager. Dorle war ihnen unheimlich, glaubte ich, und ich war so normal, dass es schon langweilig war. Völliger Durchschnitt, ich sah nicht mal irgendwie auffällig aus, nicht wie Dorle in Kostüm und Edelpumps oder Maggie in selbstgenähten seltsamen Gewändern und noch eigenartigeren Frisuren.
„Schenk Dorle einen schön eingepackten Zwanziger“, riet Conny schließlich.
„Wieso eingepackt?“, fragte ich. „Das hält sie bloß für überflüssig. Besser einen Zwanziger und dazu noch einen Euro als Verpackungsanteil. Schau, wenn man einen Euro zu zehn Prozent hundert Jahre lang anlegt, kann man ein Vermögen machen. Oder so ähnlich. Sie schenkt mir garantiert nichts, höchstens ein paar Börsentipps.“ Hardy schnaubte. „Was sollst du denn damit?“
„Ach, sag das nicht“, wandte ich ein. „Ein paar von ihren Tipps waren schon ganz gut, und einmal hab ich wirklich fast fünftausend Euro verdient.“
„Du spekulierst??“
„Nicht richtig“, gab ich zu, „ich bin zu faul, die Wirtschaftslage wirklich genau zu beobachten. Nur so anfallsweise.“
„Das finde ich aber unsozial“, tadelte Hardy mich, und Conny verdrehte die Augen zum Himmel. Im Handumdrehen waren wir in der schönsten Zankerei über Kapitalismus, Globalisierung, shareholder value und die Blauäugigkeit von Leuten, die immer noch an eine staatliche Rente glaubten. Als wir geistig erschöpft, aber hochzufrieden innehielten, ohne uns irgendwie geeinigt zu haben, kam das Essen. „Das brauch ich jetzt“, seufzte Conny selig. „Hm, schaut das lecker aus! Na, dann ran an die Stäbchen!“
Ich matschte in meinem Schüsselchen herum. Wahrscheinlich hätte ich mir aus Figurgründen mageres Rindfleisch mit acht Gemüsen bestellen sollen, aber ich liebte fette Ente in fettem gebackenen Teig nun mal, und aus irgendeinem blöden Schlankheitswahn heraus Gemüse zu knabbern kam ja gar nicht in Frage. Dann passten die knallengen beigen Jeans eben noch ein bisschen länger nicht, bei dem Wetter wollte ich sie sowieso nicht anziehen.
Hardy hatte also immer noch diese postsozialistischen Anfälle, resümierte ich im Stillen. Mann, war diese Ente lecker! Verbot ihm seine Überzeugung eigentlich, sich einen anständigen Job zu suchen, oder liebte er die Teilung zwischen vier Stunden mediävistischem Proseminar und zwölf Stunden Studienberatung, garniert mit ein bisschen Nachhilfe für unbegabte Germanistikstudenten? Konnte man davon eigentlich leben?
Andererseits hatte ich auch nicht die ganz große Karriere gemacht. Nach einem Magister in Germanistik zurück zu den Wurzeln, sogar in die gleiche Buchhandlung, in der ich gelernt hatte? Aber für Germanisten gab´s eben nichts Vernünftiges, und das traf schließlich auch für Hardy zu. Der sollte sich also lieber auch mal mit der Börse befassen, wenn er im Alter nicht auf der Straße betteln wollte!
Conny hatte es gut. Ich beobachtete sie, wie sie futterte und gleichzeitig mit Hardy über einen Film stritt, den er für tiefgründig und sie für den letzten Scheiß hielt. Ihre dunkelkirschroten Fransen zitterten animiert, ihre dunklen Augen funkelten – sie liebte solche Debatten. Conny hatte schon nach vier Semestern kapiert, dass Germanistik nicht ihr Ding und außerdem eine brotlose Kunst war, auf BWL umgesattelt und sich intensiv ins Steuerrecht eingearbeitet. Als Steuerberaterin verdiente sie in einer Woche mehr als ich im Monat und Hardy in zwei Monaten – und das, ohne so verkniffen und verbissen zu sein wie Dorle, bei der die Jagd nach dem großen Geld alles andere verdrängt hatte.
„Was meinst du, Lina? Herrgott, dieser spießige Name – wieso bestehst du immer auf Lina?“ Das passte Conny schon seit dem ersten Semester nicht.
„Weil ich nun mal so heiße. Wieso soll ich eine Schickimickiabkürzung wählen? Ich hab mich selbst Lina genannt, als ich sprechen gelernt habe, und dabei bleibt es.“
„Caro wäre aber schicker. Du sagst ja auch nicht Nelli zu mir.“
„Wenn du das gerne möchtest...“, bot Hardy an und schenkte uns sein zögerndes Lächeln, das empfängliche Zweitsemester bestimmt in einen Taumel der Anbetung versetzte.
„Wehe!“ Conny musste aber doch lachen und nahm gleich einen großen Schluck Pils. Ich bewunderte gedankenverloren ihre langen silbernen Fingernägel und warf dann einen resignierten Blick auf meine – ungleichmäßig lang, einer abgebrochen, Staubspuren unter den Nägeln, ich hatte schließlich auch ausgepackt und Regale eingeräumt. Für so etwas sollten wir wirklich einen Lehrling haben!
„Wie schaut´s aus bei Gothing?“, fragte sie dann, und ich seufzte theatralisch. „Nicht schon wieder! Nur Verrückte unter den Kunden, und Trixi ist auch total durch den Wind mit ihrem geheimnisvollen Superlover.“
„Immerhin hat sie einen“, murmelte Conny.
„Ach komm!“, begehrte ich auf, „ich denke, du hast dir gerade erst dieses knackige Kerlchen geangelt? Den aus dem Fitness?“ Hardy knurrte. „Wenn ich mit einem Kumpel so über Frauen reden würde, wärst ihr stinksauer und würdet uns als Frauenfeinde abtun. Aber ihr dürft das, ja?“
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