„Klar“, bestätigte Conny. „Wir dürfen das. Wir haben schließlich ein paar tausend Jahre aufzuholen. Aber keine Angst, du bist kein Frauenfeind, eher ein Frauenversteher.“
„Tolles Lob.“ Hardy bestellte sich ein neues Bier auf den Schreck.
„Was ist jetzt mit dem Sportler?“, bohrte ich nach. Conny zuckte die Achseln. „Ganz nett, ja. Kein Superlover. Weißt du, nichts gegen Sixpack und breite Schultern – aber er hat auch so einen breiten Hals...“
„Ja, und?“ Ich verstand nicht, warum das so tragisch war.
„Dadurch wirkt sein Kopf so klein.“ Ich sah das Problem immer noch nicht.
„Und er ist auch klein!“
„Was – sein Kopf oder etwas anderes?“ Ich grinste, als ich sah, dass Hardy rot geworden war und sich angelegentlich auf sein Bier konzentrierte.
„Das auch, ja. Vielleicht nimmt er was zum Muskelaufbau. Aber der Kopf... ich glaube, der Mensch hat noch nie ein Buch gelesen. Außer über Fitness natürlich.“
„Worüber redet ihr denn dann bloß?“, fragte ich halb ironisch, halb ehrlich erstaunt. Conny seufzte und winkte der Bedienung. „Das ist es ja! Über gar nichts. Außer, wann wir uns treffen, ob seine Muskeln noch so ausgeprägt sind wie vor einer Woche, was der neue Fitnessdrink taugt, was die neue Maschine taugt, wie öde sein Job ist, ob er zu irgendeiner Meisterschaft fahren soll... Ich kann nicht mehr.“
„Hört sich furchtbar an“, pflichtete ich ihr bei. „Was arbeitet der denn eigentlich?“
„Ach, in einem Sportartikelgeschäft. Fitnesstrainer wäre er wohl lieber. Am liebsten wäre er gar nichts, damit er nur trainieren und vor dem Spiegel posieren kann. Boah, und dieser kleine Kopf – der dicke Hals... wie ein amerikanischer Elitesoldat. Genau, er sieht richtig amerikanisch aus!“
Hardy sah auf und man merkte, wie es in seinem Gesicht arbeitete. Ich grinste still. Das Intellektuellendilemma in Reinkultur, zwischen dem Kampf gegen Vorurteile und dem immer gepflegten latenten Antiamerikanismus! Zunächst siegte ersteres: „Wie kann denn jemand amerikanisch aussehen? Glaubst du ehrlich, man kann den Leuten ansehen, wo sie herkommen?“
„Klar“, antwortete Conny, gab den Kampf mit den Stäbchen auf und fischte sich ein Stück Ananas mit den Fingern aus der Sauce. „Es gibt Leute, da weiß man, dass sie aus Bayern sind -“
„Frauen mittleren Alters mit einer bestimmten Sorte Hühnerprofil und kleinen Hängeohrringen“, steuerte ich bei.
„- manche sehen amerikanisch aus, und dazu müssen sie nicht zwei Meter breit sein und Shorts tragen, manchen sieht man das Osteuropäische an...“
„Das ist ja rassistisch!“, empörte sich Hardy politisch korrekt.
„Wieso?“, fragte ich. „Conny wertet doch nicht. Und auch wenn Volkscharaktere höherer Blödsinn sind -“
„Wieso höherer? “, unterbrach Hardy gereizt.
„- gibt es doch äußere Merkmale bestimmter Menschengruppen. Klar, nicht bei allen, aber -“
„Hakennasen, was?“ Hardy wurde anscheinend langsam echt sauer.
„Schwachsinn!“, fauchten Conny und ich gemeinsam. „Aber ausgeprägtere Backenknochen gibt es in Osteuropa eben häufiger als hier. Und Amerikaner – wenn du hundert vor dir hast, siehst du es bestimmt zwanzig an, den anderen nicht, solange sie den Mund halten. Wenn du überall Rassismus witterst, dürfest du ja nicht einmal zugeben, dass die meisten Afrikaner eine dunklere Hautfarbe haben.“
„Das hat doch nichts mir ihrem Wesen zu tun!“, versuchte ich einen Kompromiss zu finden. Hardy beruhigte sich etwas und schnaubte nur noch leise vor sich hin. „Genauso, wie man dir ansieht, dass du garantiert nicht in der CSU bist“, fügte Conny hinzu. Hardy fuhr wieder auf. „Was? Na, das will ich aber auch hoffen! Wieso eigentlich?“, fragte er dann nach. Wir betrachteten ihn: John-Lennon-Brille, etwas zu lange Haare, Palästinenserfeudel um den Hals, knarrende alte Lederjacke, Selbstgedrehte in der Hand. Dann kicherten wir los. „Du siehst aus wie der letzte Achtundsechziger!“
Hardy wusste offenbar nicht, ob er geschmeichelt oder beleidigt sein sollte – unangepasst war zwar okay, aber 1968 hatten sich seine Eltern ja noch nicht einmal getroffen. Das teilte er uns auch etwas pikiert mit. „Wenigstens bin ich nicht so gestylt wie du!“, tadelte er Conny. Ich feixte wieder, mir konnte nun wirklich niemand vorwerfen, ich sei gestylt. Wahrscheinlich war ich der zeitlose Lieschen-Müller-Typ. „Na, jedenfalls hat´s deine Trixi gut mit ihrem Superlover“, fand Conny zu ihrer ursprünglichen Frage zurück. „Oder?“
Ich zuckte die Achseln. „Keine Ahnung, ich hab den Typen noch nie gesehen, und sie macht so ein Gewese drum - vielleicht hat sie ihn ja auch erfunden. Obwohl, sie hat mich zur Hochzeit eingeladen...“
Conny verschluckte sich und prustete. „Hochzeit? Die geht ja scharf ran!“
Hardy klopfte ihr auf den Rücken. „Beruhig dich wieder. Die Welt ist voller Spießer, und manche heiraten sogar.“
„Heiraten ist doch nicht spießig“, protestierte ich. „ich meine, wer auf so was steht... Sei nicht so intolerant.“
„Sie will den Kerl heiraten?“, keuchte Conny, sobald sie wieder Luft bekam. „Wie lange, sagst du, kennst sie ihn jetzt?“
„Ich hab gar nichts gesagt, ich weiß es doch gar nicht. Reden tut sie von ihm seit – ja, seitdem sie auf dem Oktoberfest war. Vielleicht wohnt der ja in München, was weiß ich. Ach nein, manchmal erzählt sie ja auch von spontanen Treffen, und nach München fährt man ja doch fast eine Stunde.“
„Eine halbe“, behauptete Conny, die ein schnelles Auto hatte.
„Raserin“, schimpfte Hardy, der Hollandradfahrer.
„Hast du eigentlich einen Führerschein?“, erkundigte Conny sich zuckersüß.
„Lenk nicht ab!“ Hardy war rot angelaufen, und ich wusste, warum – er war damals kurz vor dem Abitur zweimal durch die Fahrprüfung gefallen. Technik war nicht sein Ding, mittelhochdeutsche Liebeslyrik schon eher. Armer süßer Hardy, er fand leider nie eine, die seine Interessen teilte.
„Das ist doch jetzt völlig egal“, behauptete ich also. „Jedenfalls weiß ich nichts über den Kerl, und Trixi – Mensch, Conny, du kennst sie doch! Solange sie seine Kontoauszüge und seinen sozialen Status kennt... Ich glaube, er ist Architekt. Wenn sie als Architektengattin firmieren darf, ist ihr doch egal, ob er morgens knurrig ist oder auf abgedrehten Sex steht. Trixi will Gattin werden und nicht ihr Leben lang Bücher verkaufen.“
„Kann sie überhaupt lesen?“, fragte Conny. „Sei nicht so fies! Trixi ist nicht dumm, nur – äh – aufstiegsorientiert. Was soll sie denn sonst anstreben? Oberverkäuferin? Sie hat doch nicht mal eine ordentliche Ausbildung!“
„Wie alt ist sie denn?“, fragte Hardy.
„Neunundzwanzig“, antwortete ich, „aber ich glaube, das ist sie schon länger. Ihr wisst ja, die magische böse Dreißig, die biologische Uhr und all dieser Krempel.“
Conny schnaufte. „Dreißig, ja. Ich wollte nur mit dreißig mein eigenes Steuerbüro haben, und das hab ich jetzt auch. Und eine schicke Wohnung.“
„Hast du ja auch“, lobte ich nicht ohne Neid. Wenn ich an Connys Vierzimmer-Altbau-Ambiente dachte: erstklassig. Aber sie verdiente ja auch klotzig! Und mein Vorstadtdomizil war eigentlich auch ganz nett. Besser jedenfalls als Hardys WG-Zimmer. Konnte er sich eigentlich nichts Besseres leisten oder hatte er die WG zum einzig möglichen Konzept erhoben? Und wenn, war das dann ehrlich oder ein Vorwand, weil er sich eben nichts Besseres leisten konnte?
„Und diese Trixi will sich den Aufstieg erheiraten... Finde ich schwach.“
Das musste Conny ja sagen! Und so Unrecht hatte sie damit wohl auch nicht. „Wo wohnt die eigentlich?“
„Im Sellinger Turm“, antwortete ich und griff noch mal nach der Karte. So eine Banane mit Honig und Mandeln war doch immer der krönende Abschluss – scheiß auf die Kalorien! „Wo soll der denn sein?“, fragte Conny, die in der schicken Altstadt wohnte, verblüfft. Auch Hardy als alter Univiertler schaute ratlos drein. „Neusser Straße. Da stehen zwei Hochhäuser, ein kleineres buntes aus den Siebzigern, total schräg, und ein doofes hohes verspiegeltes aus den späten Achtzigern. Da wohnt sie, im zehnten Stock. Vom Dach hat man einen irren Blick über die ganze Stadt, sie hat es mir mal gezeigt.“
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